Weil ich von der Reise ermüdet war, legte ich mich auf eine Bank nieder, die am Ofen stand. Ich war noch im Einschlummern, als der Wirth mit einem Menschen in die Stube trat, der eine Livree trug, die mir mehr als zu bekannt war. Der Bediente trat näher und sagte leise: Ist er das? – »Ja!« – Nun, fuhr er fort, mein Herr wird gleich nachkommen, und ihn abholen.

Meine Angst, als ich damals auf dem Heuboden meinen Gefährten von Halsabschneiden schwatzen hörte, kann nicht größer gewesen seyn, als die ich jetzt empfand. Bey jedem kleinen Geräusche fuhr ich zusammen und glaubte die Stimme des Legationsraths zu hören. Ich sah und fand keinen Ausweg, der mich diesmal aus der Klemme führen konnte. Entlaufen? war nicht möglich. Nicht mitgehen, wenn er käme, um mich abzuholen? eben so wenig. Ich war um ein Haar in dem Zustand eines zum Rade Verurtheilten, der im Troge daliegt, und dem Stoße, der ihm die Brust zerschmettern soll, nicht ausweichen kann, weil er an Hals und Fuß gebunden ist. Ich drückte die Augen fest zu, und konnte nichts thun, als den Ausgang erwarten.

Der Wirth und Bediente sprachen noch einige Worte heimlich und gingen zur Stube hinaus. Ich sprang auf und bemerkte durch ein Fenster, das auf den Hof ging, beyde auf demselben. Mein Entschluß war bald gefaßt. Ich sprang zur Thür hinaus, durch das Haus auf die Straße, ging erst einige Schritte langsam und lief darauf im Sprunge davon! Vor mir sah ich Weinberge und ein Dickigt von kurzen Sandweiden, an welchen die Elbe hinströmte. Hier glaubte ich mich eine Zeitlang verkriechen zu können. Aber die Weinberge waren mit Mauern eingeschlossen, und der Boden des Sandhegers, worauf die Weiden standen, war schwammig und naß. In einen dicken Tannenwald, der mir zur Linken auf einer Anhöhe lag, wagte ich mich nicht, weil ich gehört hatte, daß es in Sachsen wilde Schweine gebe. Es blieb mir also nichts übrig, als ein schmaler Weg zwischen der Elbe und den Weinbergen. Ich verfolgte ihn, kam an ein Dorf, lief hindurch, fand eine Fähre an der Elbe, die eben im Begriff war, nach dem andern Ufer abzufahren, sprang hinein, fuhr mit hinüber, sprang wieder heraus, ohne mich um das Fährgeld zu bekümmern; von neuem ein Dorf, von neuem hindurch, und endlich sank ich hinter demselben unter einzelnen Tannen ohnmächtig nieder.

Neuntes Kapitel.
Hypochondrie.

Ich hatte kaum fünf Minuten unter den Bäumen gesessen, als ich ein Geräusch neben mir hörte. Ich blickte auf, und vor mir stand ein Mann, der mich mit stieren Blicken unverwandt ansahe. Sein Kopf hing weit über den Rumpf heraus, und überhaupt beschrieb seine ganze Figur ein S. Ein kleines, dreyspitziges Hütchen deckte die halbe Scheitel und die ganze Stirn, und ruhete auf einer Nase, die über den Mund herüberhing. Sein Kinn saß sehr hoch und berührte die äusserste Spitze der Nase. Ein rundes Stutzperückchen stand eine gute Hand breit vom Nacken ab und rundherum sah ein dünnes greises Haar hervor. Ein gelbblasses eingefallenes Gesicht, auf welchem eine tiefe Falte an der andern lag, bewies, daß Alter und Krankheit seine Gesundheit untergraben hatten. Er trug einen kahlen schwarzen Rock, der ihm bis in die Kniekehlen reichte und von oben bis unten fest zugeknöpft war. Seine Kniescheiben schienen durch Gicht oder Abzehrung unbeweglich geworden zu seyn, denn Schenkel und Füße beschrieben so ziemlich einen Triangel.

»Wes Landes?« hub er an.

Ich wußte nicht, was ich antworten sollte.

»Aus Judäa, oder aus Samaria?« fuhr er fort.

Ich sah ihn mit großen Augen an und sein starrer Blick machte mir allmählig Angst. Auf einmal schien es, als ob er aus einem tiefen Schlaf erwachte. Seine Miene heiterte sich etwas auf; er nahm mich bey der Hand und fragte mich mit einer sanften Stimme: »Kind, du fürchtest dich vor mir? Ich bin ein armer elender Mann, ich thue dir nichts. Ach! ich kann dir nichts thun! Sieh hier diese dürre verwelkte Hand; sie kann kaum dies leichte Stöckchen heben. Befürchte nichts, Kind! Nein, du hast nichts zu befürchten!«

Mit diesen Worten setzte er sich zu mir und nahm mich von neuem sanft bey der Hand.