»O, Ihre Mama ist meine Herzensfreundin! Wie gefällt es ihr, wie lebt sie in Paris?«
Davon hat mein Vater nichts geschrieben!
In dem Moment sprang sie auf mich zu, nahm mich bey der Hand, zog mich rasch und ängstlich ans Fenster und rief: Lemberg, Sie sind ein Schläger, das werde ich Ihrer Mama schreiben!
Ich sah sie mit großen Augen an.
»Hier! (sie fuhr mit zwey Fingern sanft über meinen linken Backen) hier ist eine große Narbe! Mit wem haben Sie sich geschlagen?«
Narbe? Geschlagen?
»Ja, ja! Nur näher, junger Herr!«
Sie zog mich näher ans Fenster, blinzelte, strich mir noch einmal mit den zwey Fingern über den Backen, brach in ein erzwungenes Lachen aus und sagte am Ende: sie hätte einen Schatten auf meinem Backen für eine Narbe angesehen, und mich für einen Schläger – beydes sey nicht wahr.
Wenn man sich erinnern will, was ihre Anmerkung im Vorzimmer von meinen blutrothen, bäurischen Backen damals für eine Wirkung auf mich that, und wie sehr mein Verdruß durch Neubergs Aeusserung von runden Backen vermehrt worden war; so wird man schließen können, mit was für einer Mine ich diese neue Bemerkung über meine Backen aufnahm. Ich hielt das alles für klaren, bittern Spott und mehr als einmal fühlte ich ein Zucken in den Muskeln des rechten Armes, das meine Hand unwillkührlich zu ballen pflegte, wenn ich meinen Beleidiger ansah. Sobald meine Mitpagen dieses Zucken bemerkten, hüteten sie sich wohl, mir zu nahe zu kommen, denn es folgte gewöhnlich ein kräftiger Faustschlag darauf.
Die Gräfin wußte dies nicht, und ein Glück für sie, daß in eben dem Augenblicke, wo ich die Fassung verlor, der Hausmarschall ins Zimmer trat.