Fünftes Kapitel.
Ich will ihr Kammermädgen rufen!
Ich entfernte mich und kaum war die Thür hinter mir zu, so hörte ich ein starkes Gelächter. Dies konnte vielleicht gar keinen Bezug auf mich haben, aber ich glaubte mit Händen zu greifen, daß es mir gölte. Es fuhr mir kalt durch alle Adern, das Athmen ward mir unendlich schwer, und meine Brust war wie mit starken Ketten zusammengeschnürt.
Nach einer halben Stunde entfernte sich der Marschall, und die Gräfin ließ mich rufen. Ich trat herein und fand sie nachläßig auf eine Ottomanne hingegossen. Ihre damalige Figur und Stellung werde ich nie vergessen, und ich glaube, daß mir der Anblick des Todesengels in den letzten Sekunden meines Lebens nicht widriger seyn wird.
Man denke sich eine Frau von vierzig bis fünf und vierzig Jahren, von Thee, Punsch, Wein, Schocolate, von Liebe und Neid und langer Weile zusammen gedörrt; mit einer kurzen Taille und einem schmalen Körper, der in einen Reifrock eingerammelt schien; mit dünnen Armen und knöchernen Händen, die sich wie ausgesprützte Skelette ausnahmen; über Gesicht und Arme eine dünne, gelbliche Haut gezogen, unter welcher sich hier und da, matte, schlaffe Adern hervor drängten; und dazu endlich ein Gesicht, so spitzig, so eingefallen, daß man den leibhaften Tod vor sich zu sehen glaubte. Das einzige, was noch einige Funken Leben verrieth, war ihr Auge. Ein Feuer brannte darin, das ihre ganze Lebenskraft aufzusaugen und in ein paar kleine graue Sterne zusammen zu drängen schien.
Diese Figur lag auf der Ottomanne, als ich herein trat. Ich erschrack und stand wie verstürzt, als sie einen von jenen Blicken, die mir damals im Vorzimmer ein Grausen durch alle Glieder gejagt hatten, starr auf mich heftete.
Befehlen die gnädige Gräfin etwas? stotterte ich und sah auf den Boden.
»Muß man denn immer befehlen? Kommen Sie näher, Lemberg, erzählen Sie mir etwas von Ihrer Mutter.«
Ich weiß nichts!
»Nun, so erzählen Sie 'was anders. Setzen Sie sich hieher! Ihr jungen Herren habt doch sonst immer den Kopf voller Schwänke. Wie viel Mädchen haben Sie in Ihrer Schreibtafel? (sie nahm mich beym Rockschooße) Ich will sie sehen!«
Ich führe keine Schreibtafel!