Sein Hals war, wie gesagt, ungemein kurz. Wenn er zu Hause war, so schlug er eine schmale, weisse Binde um selbigen; wenn er aber in die Kirche ging, oder nach der Stadt ritt, so zierte er ihn mit einer langen, blaugestärkten Halsschärpe, welche Martha sehr zierlich in Falten zu legen wußte. Unter dem Kinne ward sie leicht zugeschlungen, und die beyden Enden, die mit feinen Spitzen besetzt waren, flatterten auf der Brust.
Sein Leibrock war von blauem Plüsch, unter welchem er bald hellrothe, bald schwarze manchesterne Beinkleider und Weste trug. Er war nach einer uralten Mode geschnitten, hatte eine sehr kurze, aber erschrecklich breite Taille, ellenlange Aufschläge, und war über und über, hinten und vorne, von oben herab bis unten aus, mit langen, blinden Knopflöchern ausstaffirt. Die Weste reichte ihm bis auf die Kniee, und deckte mit ihren Flügeln die kurzen Beinkleider, auf welchen sich Falte an Falte drängte. Die Beingürtel daran waren entsetzlich lang und steif. Er zog sie durch eine schmale silberne Schnalle und steckte sie nicht unter, sondern ließ die Enden steif hintenweg stehen. Dazu trug er schwarzwollene Strümpfe, die er wie Kamaschen aufschlug. Seine Schuhe waren von Rauchleder und vorne aufgestülpt; die Riemen derselben waren überaus schmal und durch ein paar Schnallen gezogen, die von eben der Form, und nur ein wenig größer waren, als die Beingürtelschnallen.
Seine Füße waren hölzern und dünne und trugen mit Mühe einen Bauch, den zwey lange Männer kaum umspannt haben würden.
Bis hieher das leibliche Konterfey meines Papa, nun das geistige.
Sein erstes und vorzüglichstes geistiges Talent war: daß er eine Hand schrieb, wie in Kupfer gestochen. Dieser Fähigkeit hatte er alles, was er war und besaß, zu verdanken. Durch sie ward er Kammerdiener des Präsidenten von Lemberg; durch sie in der Folge Kammerkoncipist, und nicht lange darauf erster Kammersekretair, und als solcher kam er durch mancherley erlaubte Wege, immer die Feder in der Hand, zu einem Vermögen, wovon er sich ein Guth, fünf und zwanzig tausend Thaler an Werth, kaufen konnte, und noch übrig behielt. Aber er war auch nicht undankbar gegen die Feder, die ihn zum Manne gemacht hatte. Auf seinem Petschaft, das wohl anderthalb Zoll im Durchmesser hatte, lag eine Hand, die eine lange buschigte Feder hielt; über dieselbe ging die Sonne auf und warf ihre Strahlen auf sie herunter; rund um das Petschaft standen die Worte aus der Bibel:[1] Aus Machir sind Regenten kommen und von Sebulon sind Regierer worden durch die Schreibfeder.
[1]: Buch der Könige, Kap. 5, v. 14.
Leute, die nicht so gut schrieben, aber studiert hatten, machten ihn zwar dieses Wappens wegen, bey jeder Gelegenheit lächerlich, blieben aber doch nur Koncipisten, die sich mit höchstens zwey hundert Thalern jährlich durch die Welt schleppen mußten.
Der Neid bekam meinem Papa. Er ward von Tage zu Tage dicker und fetter und seine Zufriedenheit nahm mit jeder Flasche Wein, die mit Mißgunst eingesegnet war, wundersam zu.
Ueberhaupt war der Wein das Oel, welches seiner Verstandeslampe Nahrung gab. Wenn er des Morgens aufstand, so klagte er gewöhnlich, daß ihm der Kopf ausserordentlich leer sey, und das war für Marthen der Wink, in den Keller zu laufen und eine Flasche Malagga zu holen. Wenn er das erste Glas in die Hand nahm, zitterte er zum Erstaunen; beym zweyten nur halb so; beym dritten fast gar nicht, und das vierte zog er so fest und rasch zu Munde, daß auch nicht ein Tröpfchen auf die Erde fiel. Alsdann setzte Martha die Flasche weg und brachte Kaffee und Pfeife. Nun war er auf einmal wieder der muntre, beredte, tiefdenkende und witzige Papa, der gestern Abend zu Bette ging, und nun ließ er sich von mir erzählen, was ich gehört, gesehen und gelernt hatte. Wenn dies geschehen war, bestellte er das Mittagessen und dann mußte ich mein Schreibebuch hernehmen und schreiben. Vor allen meine bitterste, mühseligste Stunde! Bey dem ersten falschen Strich, den ich machte, schüttelte er den Kopf; beym zweyten legte er seine Pfeife hin, nahm die Feder und sagte: so mußt du es machen! Beym dritten stieß er mich ganz sanft mit der Nase auf die Vorschrift und sagte gelassen: Morizchen, sieh doch nur, wie es da gemacht ist! Beym vierten rief er: Sudeley und kein Ende! und dabey vergrub er mich in Tabacksdampf. Beym fünften: Junge, ich bitte dich, sieh auf die Vorschrift! und beym sechsten und letzten sprang er hitzig auf, zeigte nach der Thür und sagte: Moriz, aus dir wird nimmermehr 'was!
Das waren dann tröstliche Worte für mich! Ich ging und erholte mich bey meinen Spielkameraden.