Wenn ich fort war, hatte Mamsell Martha Audienz. Er besprach sich mit ihr über die vorigen Zeiten; über den Bestand des Weinkellers, der Räucherkammer etc. etc. ersann und schuf neue leckerhafte Gerichte; erzählte, wie er bey dem Präsidenten von Lemberg in Gnaden gestanden und noch stände; von diesem kam das Gespräch auf mich; auf meinen Leichtsinn und auf meine geringe Lust zum schreiben. Wenn mir dann die gute Martha in diesem Punkte das Wort reden wollte; so sprang er hurtig auf, zog seine goldene Uhr heraus, zeigte ihr sein Petschaft und sagte: Lies, lies, lies! – Dies war die letzte Instanz. Wenn sie ihn nicht böse machen wollte, so durfte sie von der Minute an kein Wort zu meiner Vertheidigung mehr sagen.
Sodann entfernte sich Martha und bestellte die Küche. Er nahm unterdessen die Zeitungen, und alle erdenkliche politische Blätter, die stoßweise auf seinem Tische lagen; las und überdachte; prophezeite und warnte, und ward bedenklich und schrieb andre Gesetze und Hülfsmittel vor, die er diesem oder jenem Staate als sehr heilsam dringendst anempfahl. Dabey hielt er sich so lange auf, bis seine Flasche rein ausgeleert war, und dann ging er zum Pastor und unterhielt sich mit ihm, bis ich ihn zu Tische rief.
Er aß wenig, aber gut. Wir beteten jedesmal alle drey zugleich und laut, selbst wenn wir Fremde hatten. Ein junger Accessist hatte sich einmal unterfangen, über den seltsamen Zusammenklang unsrer Stimmen zu lächeln – er bat ihn nie wieder zu Tische und konnte ihn von dem Augenblick an nicht mehr leiden.
Nach Tische legte er sich auf das Kanapee und schlief bis um zwey Uhr. Mit dem Schlage mußte ihn Martha wecken und mit Kaffee und Pfeife zur Stelle seyn. Während er schmauchte und trank, ward sein Pferd gesattelt, und sobald er fertig war, ritt er nach der Stadt. Hier wandte er eine Stunde an, um die Arbeiten seines Substituten durchzusehen, und sobald dies geschehen war, ritt er in den goldenen Hecht, wo sie den besten Wein hatten. Da blieb er bis gegen Abend; man half ihm aufs Pferd, und es schritt mit ihm langsam und wohlbedächtig zu Hause. Die Leute, die ihn tagtäglich vorbeyreiten sahen, nannten ihn nur immer Silen, und sein Pferd, Silen's Eselein. Zu Hause stieg, oder sank, oder fiel er, je nachdem ihm der Wein geschmeckt hatte, seiner Martha in die Arme, die ihn auszog und zu Bette brachte.
So lebte er einen wie alle Tage, Sommer und Winter hindurch, nur mit dem kleinen Unterschiede, daß er in der strengern Jahrszeit in einer Kutsche nach der Stadt fuhr.
Viertes Kapitel.
Martha – zweyte Schilderey.
Martha war eine Jungfer von wenigstens acht und vierzig Sommern. Ihren Familiennamen habe ich nie erfahren, denn so lange ich sie kannte, hatte ich sie nie anders, als Mamsell Martha nennen hören. Es war eine lange, hagre Gestalt, von einem so dünnen, geschmeidigen Wuchse, daß sie einer Spinne um ein Haar ähnlich war, wenn sie, ihrer Gewohnheit nach, drey Röcke über einander gezogen hatte. Wenn sie neben Papa herging, so gab es den seltsamsten, lächerlichsten Kontrast: Er, roth, gemästet, vierschrötig und satt – Sie, blaß wie der Tod, dürr wie eine Schindel, dünne wie ein Windspiel, schnurgrade, wie auf Drath gezogen. Papa hing in seinen Kleidern, und sie war in die ihrigen mit Gewalt hineingepreßt.
So unähnlich sich ihr Aeußeres war, so ähnlich ihr Inneres. Sie sprach eben so gern von vergangenen Zeiten, wie er, trank eben so gern Wein, war eben die sorglose, unschuldige Haut, sie aß, wenn sie hungerte, trank, wenn sie dürstete, schlief gern und plauderte gern.
Ihr Lieblingsthema war das Kapitel vom Heirathen. Dies hatte sie, trotz ihrer Jungfrauschaft, so überdacht, geprüft und von allen Seiten beleuchtet, daß sie vier und zwanzig Stunden in einem Zuge davon schwatzen, und, soviel ich damals davon verstand, nicht uneben schwatzen konnte. Den Eingang dazu machte gewöhnlich eine genaue Schilderung aller der Freyer, die sich um sie beworben hatten. Jeder derselben hatte seinen Hauptfehler. Der eine war zu arm, der andre zu reich; der eine zu groß, der andre zu klein; dieser zu dick, jener zu dünne; jener zu höflich, dieser zu grob gewesen; ein andrer hatte ihr vor der Hochzeit Dinge zugemuthet, die sie nicht nannte, ohne sich vorher dreymal zu räuspern; ein andrer hatte sich nicht undeutlich vermerken lassen, er würde ihr im Ehebette nicht sehr beschwerlich fallen; und mit Einem war es schon bis zur Verlobung gekommen, aber, o Jammer! ein altes Weib, das ihn gerne für sich weggekapert hätte, that ihm 'was an, und er starb! Nie sprach sie von ihm, ohne die bittersten Thränen zu vergießen, wobey sie sich in einen Strom von Verwünschungen auf die alte neidische Hexe ergoß. Bey seinem Grabe hatte sie gelobt, nie zu heirathen, und sie hat dies feyerliche Gelübde unverbrüchlich gehalten, denn er war der letzte, der sich um sie bewarb.
Uebrigens war es die gutherzigste Seele unter der Sonne. Was sie meinem Papa und mir an den Augen absehen konnte, that sie mit unermüdeter Willigkeit. Wenn er unbaß war, wurden ihre Augen nicht trocken, und wenn ich zu einer Näscherey Appetit zeigte, so ruhete sie nicht eher, bis sie mir dieselbe verschafft hatte, und wenn es mir dann recht wohl schmeckte, so hielt sie sich für ihre Mühe hundertfach belohnt.