Aber dieser Zustand dauerte nicht zwey Minuten. Meine Glieder waren wie vom Rade zerschmettert, ich fühlte sie nicht, und konnte sie nicht regen, und meine Augen sanken zu, während ein kalter Schauer durch meine Adern fuhr, und meine Sinnen betäubte und gleichsam vernichtete.
Drittes Kapitel.
Geständnisse ohne Worte.
Ich weiß nicht, wie lange ich in diesem Zustande blieb. Als ich die Augen aufschlug, erblickte ich Malchen mit dem Lichte in der Hand vor mir.
»Gott! er lebt wieder!« rief sie mit einer Stimme, deren unendlich rührende Modulation ich noch zu hören glaube. Sie sank halbohnmächtig in einen Lehnstuhl, und ich sprang auf und flog zu ihr. Ich nahm ihre Hand, und drückte meine Lippen fest auf die ihrigen. Sie kam wieder zu sich.
O, der erste Blick, der aus ihrem halbgeöfneten Auge langsam auf mich fiel – nie und nimmer werde ich ihn vergessen! Ein Meer von Wonne strömte aus ihm in mein erwärmtes Herz, unwillkührlich sank ich vor ihr auf die Kniee, und noch jetzt schäme ich mich dieser Stellung nicht. Das weibliche Auge, welchem die himmlische Güte entströmen konnte, verdiente Anbetung vom Manne. Sie legte ihre rechte Hand sanft auf meine Schulter und mit der linken hob sie mich auf. »O, ziehn Sie mich aus dieser Unruhe, Lemberg,« sagte sie, indem sie meine Hand ergriff und sie langsam an ihr Herz drückte: »oder ich sterbe unter Ihren Händen!«
Ich fühlte mich wie verjüngt und verklärt. Der Nebel der alle meine Geisteskräfte bis daher verhüllt hatte, schwand auf einmal, und ich sah mit geläutertem Auge auf das, was geschehen war, und geschehen würde. Ich zitterte nicht mehr, wenn ich Malchen ansah, sondern eine bescheidene Vertraulichkeit trat an die Stelle der Furcht, die mich sonst bey ihrem Andenken oder ihrem Anblicke befiel. Und sie selbst schien mich nicht zu fürchten, ihre Blicke verriethen nichts, als diejenige Unruhe, die aus hochgespannter Neugier entsteht, und zwey oder drey derselben sagten mir noch einmal das Verlangen, das sie mir vorhin schon mit Worten zu erkennen gegeben hatte.
Nun stand ich nicht länger an, sie zu befriedigen. Ich erzählte ihr mit einer feurigen Beredtsamkeit die Geschichte dieses Abends: wie ich voll Verzweiflung ums Haus gelaufen, wie mich der Graf gerufen und geheimnißvoll in ihr Zimmer geführt habe; wie ich empfindungs- und gedankenlos in ihre Arme gesunken sey. –
»O, ich wußte, daß es der Graf nicht war!« sagte sie und schien in eben dem Augenblick über dies Geständniß herzlich zu erschrecken. Sie wandte ihren Blick von mir, legte die linke Hand vor die Augen und der helle Inkarnat der Unschuld glühete auf ihren Wangen.
»Sie wußten – Sie wußten es?« rief ich: »O, wie konnten Sie das wissen?« Ich drang in sie, aber sie schwieg. Es entstand eine lange Pause, die aber nicht ängstlich war, denn ich hielt Malchen fest umschlossen. Ihr rechter Arm ruhete auf meiner linken Schulter, so daß ihre Finger dicht über meiner Herzgrube lagen, und ihr linker Arm, drückte meinen rechten, den ich um sie geschlungen hatte, fest an ihr Herz. Ihr Haupt ließ sie, um ihre Lippen vor den meinigen zu schützen, lächelnd auf die linke Schulter zurücksinken.
Ach, in dieser Stellung hätte ich sterben wollen! Ein sanftes Feuer durchfloß meine Adern, brannte auf meinen Wangen, glühete auf meinen Lippen, und o! in meinem Herzen lebte die sanftere Freude, die auf den ersten wilden Erguß des Entzückens zu folgen pflegt, und Bilder, unendlich schöner als Alles, was je eine feurige Einbildungskraft, die in Aether und Sonnenstrahl lebt und webt, gesehn und erfunden hat, wallten im Gewande der sanftern Morgenröthe meinem geistigen Auge vorüber. Himmel und Erde entschwanden meinem verklärten Blicke, und nichts als mich und Malchen, sah ich in dem gränzenlosen All, das sich mir zu Liebe in sein herrlichstes Feyergewand gekleidet hatte.