Ich weiß nicht, wie lange wir in dieser stummen Stellung blieben. Malchen regte sich endlich wieder, hüllte sich aber in eben dem Augenblicke mit einem: Ach Gott, was wird das werden! ins Kopfküssen. Ich konnte nur einen kleinen, flüchtigen Seitenblick auf sie, von Rahmen abmüßigen, aber durch alle meine Glieder schoß eine betäubende Hitze, die aus der Besorgniß entstand, sie möchte sich noch einmal regen und rufen; ich fühlte, daß mich der klagende Ton ihrer Stimme rührte, und auf einige Momente muthlos machte, darum wünschte ich, sie nicht mehr zu hören.

»O, helfen Sie doch!« rief der Graf, und sein Zittern erschütterte Rahmen, an den er sich immer noch fest hielt, und der Tisch, auf welchen sich dieser mit beyden flachen Händen gestützt hatte, zitterte und krachte. Rahm sah eine Zeitlang stumm vor sich hin, sodann schlug er die Augen auf und sah sich im Zimmer um, als ob er etwas suchte. Meine Blicke folgten den seinigen überall hin; wo sie ruhten, ruheten die meinigen; wandte er sie aber auf Malchen, so stellte ich mich ihnen entgegen – auch sehen sollte er mein Malchen nicht, auch nicht sehen! – Und angreifen? darauf stand Tod und Verderben.

Endlich verweilte sein Blick in der einen Ecke des Zimmers ein paar Augenblicke, und ich bemerkte, daß dort ein Degen stand. Sollte ich ihm zuvorkommen, und den Degen für mich nehmen? – Nein, durchaus nein! Denn unterdessen hätte sich der Graf dem Bette nähern können. Ich stand immer noch, wie in den Boden gewurzelt. Rahm riß sich von Wallern los, sprang nach dem Degen und faßte ihn, und plötzlich sah ich um mich und über mich, wie wenn der Boden unter mir einstürzte, und ich nun noch, um nicht zu versinken, mit verzweifelnder Aengstlichkeit nach etwas suchte, woran ich mich halten könnte. Die Schnelligkeit, womit ich dies that, leidet keine Vergleichung, und eben so wenig die gewaltsame Bewegung, die mich während dieser unsäglich kurzen Momente ergriff. Aber indem ich so nach Rettung um mich blickte, bemerkte ich ein Pistol neben mir über dem Bette. Sehen, fassen und spannen war eins!

»Sie ist geladen, um Gottes willen!« rief der Graf, indem er von weitem seine Hände nach mir ausstreckte, und dann schnell auf Rahmen zusprang, um ihm den Degen zu entwinden.

Er ist geschliffen, ich beschwöre dich, Rahm! sagte er zu diesem, und ward von ihm ungestüm zurückgestoßen. Aber er stellte sich von neuem zwischen uns, den Rücken nach mir gekehrt, und beyde Hände gegen Rahmen ausgebreitet. Dieser sah mit blitzendem Auge und zuckender Lippe über Wallers rechte Schulter, und über die linke schoß die Spitze seines Degens auf mich her; aber ich streckte ihm mein Pistol über die rechte Schulter des Grafen entgegen.

Da standen wir! Er stach nicht zu, und konnte nicht zustechen, ich schoß nicht, obgleich ich schießen konnte. Hatten sie doch mein Malchen noch nicht berührt! Nur darauf stand Tod und Verderben.

Von beyden Seiten kein Wort, kein Laut – nur das Geräusch des Athems, der aus drey gefesselten Busen gewaltsam hervorbrach, nur das Zittern der Diele auf welcher wir standen!

In dem Augenblicke regte sich Malchen von neuem, und es erfolgte der vorige Ausruf. Ihre Stimme schien uns alle Drey gleichstark zu erschüttern; mir wollten die Sehnen des rechten Armes erschlaffen; ich fühlte, daß ich schwächer ward, und stärkte, in unsäglicher Anstrengung, um Muth zu behalten, Muth mit Muth. Unausbleiblich war hier Ohnmacht oder Raserey! Es ward letztre, und nun drang ich, in wilder Wuth, mit der Linken alles vor mir her wegstoßend, und die drohende Rechte aufgehoben, auf meine Gegner, packte den Grafen im Nacken, und hob und stürzte ihn über Rahmen hin. Beyde fielen. Rahm ließ den Degen fallen, ich mein Pistol, ich ergriff mit der Linken den Grafen, und mit der Rechten seinen Freund, und zerrte und schleppte sie nach der Thür, stieß mit dem Fuße wider dieselbe, sie sprang auf, und nun warf ich mich, mit Löwenstärke im Arme, und mit Tigerwuth im Herzen, auf beyde, und drängte sie zur Thür hinaus. Der Graf kollerte ein paar Stufen die Treppe hinab, und Rahm blieb wie ausser sich vor der Thüre liegen, die ich im Triumph zuschlug und verriegelte.

Nun ging ich, so kalt, als wäre nichts geschehen, putzte das Licht, setzte mich zu Malchen aufs Bette, und dabey war mir immer, als wenn ich lachen sollte.

So wird allerhöchste Glut zur Kälte, und allerhöchste Kälte zur Glut!