Und indem ich sie an mein lautpochendes Herz drückte, fühlte ich, wie ihr rechter Arm, der um meinen Nacken lag, drey- viermal zuckte, als wenn man plötzlich erschrickt, und daß dieser Arm in der nächsten Sekunde darauf, sanft auf meiner Schulter liegen blieb.

Sie sagte noch ein paar Worte, die ich nicht verstand, ließ mich rasch los und that einen kurzen Schritt zurück. Nur ihre Linke hatte ich noch, und diese drückte ich an mein Herz, als ob ich sie in meine Brust hätte hineindrücken wollen.

»Ums Himmelswillen, sind Sies, oder« –

Die Worte erstarben ihr auf den Lippen. Das »oder« war der Hauch eines sanften Flüsterns, welches die Stelle des Lautes einnimmt, in dem Momente, wo die Seele fühlt, daß die Zunge im Begrif ist entweder unschickliche oder beleidigende Dinge zu sagen: sie verwandelt mit der Schnelligkeit eines Blitzstrahls den Hauch, der einen lauten Ton geben sollte, in jenes Flüstern, das kaum hörbar über die Lippen säuselt.

In dem Augenblicke, wo ihre Seele den ersten Gedanken mit dem zweyten verdrung, trat sie mir auch wieder näher, drückte sie auch meine Hand wieder feuriger. Ich umschloß sie von neuem, sie mich – und so in eins, so innig verschlungen, brennende Wange an brennende Wange fest geheftet, beyde nur einen Herzschlag fühlend, beyde fast eins – sanken wir, in unnennbare Wonne aufgelöst, zurück. Ohne Bewußtseyn, lebendigtodt, und doch voll Kraft, fühllos, und doch bis aufs innerste Mark bewegt, brannte und fror ich, starb und erwacht' ich wechselsweise, bis endlich meine ganze Lebenskraft in einen Hauch zusammen schoß, und sich in einen Seufzer auflöste, der kaum stark genug war, den süßen Namen Malchen über meine bebende Lippen zu drängen. Mein Kopf glitt langsam von ihrem Busen herab, und ihre Rechte schob mich mit einem sanften Druck auf die Seite.

Zweytes Kapitel.
Muth und Stärke.

Plötzlich sprang die Thür auf und Rahm stürzte mit Wallern herein. Malchen drückte das halb geschlossene Auge ganz zu, und blieb ohne Bewegung auf dem Bette liegen. Aber ich stand vor ihr, beyde Arme fest an den Leib gedrückt, alle ihre Muskeln so straff angespannt, als ich Eichbäume hätte entwurzeln wollen. Mein starrer Blick schoß von Waller auf Rahm, von Rahm auf Waller, und nur zuweilen von der Seite auf Malchen, die ich hülflos liegen ließ, mit dem wilden Gedanken, der Kampf zwischen uns dreyen werde sie zeitig genug aufschrecken.

Rahm trat ein paar Schritte näher, hob das Licht auf, das er in der Hand hielt, und sah mir ins Gesicht. Stumm und sprachlos vor Erstaunen und Wuth, setzte er das Licht auf den Tisch und hielt sich mit beyden Händen fest an demselben. Der Tisch zitterte und krachte, bald stärker, bald schwächer, so wie ein innerer gewaltiger Sturm Rahmen ergriff und erschütterte.

Waller ging todtenblaß und auf den Zehen um ihn herum. Bey jedem Schritte, den er that, knickten die Gelenke des Fußes, worauf er trat, hörbar. »O, mein armes Weib!« sagte er endlich, indem er den Kopf furchtsam nach dem Bette hinstreckte und sich mit beyden Händen fest an Rahmen hielt. Je näher sein Kopf auf mich zu kam, desto weiter rückte ihm meine festgeballte Faust entgegen. »Eher soll sie ewig schlafen, als durch dich erweckt werden!« dies war der einzige helle Gedanke, dessen ich mich während dieser wechselseitigen Pantomime erinnere.

Mit dem einen Auge hütete ich den Grafen, mit dem andern seinen Freund. Bey der kleinsten Bewegung, die dieser machte, spannten sich meine Muskeln unwillkührlich straffer an, und auf meine Füße trat ich so fest, als wollte ich mich in den Boden tief hineinpflanzen, um unerschütterlich zu stehen, wenn man mich angriffe.