Ich stutzte und erstarrte. Der Mann führte mich mit zitternder Hand zum Hause, und ich folgte, ohne einen Laut von mir geben zu können. »Wo – wo, will das hinaus?« dachte ich und fühlte einen erschütternden Frost in allen Gliedern.
Wir stiegen mit äußerster Behutsamkeit die Hälfte einer Treppe hinan. Hier nahm mir der Graf den Mantel ab und sagte: die erste Thüre rechts, du kannst nicht fehlen! Er schien eben so sehr aus aller Fassung zu seyn als ich, und schob mich die Treppe hinauf. Ich verhielt mich ganz leidend; auch nicht der kleinste Laut kam über meine Lippen.
Aber wie ward mir, als ich die Treppe vollends hinantappte, da plötzlich eine Thür aufging, ein sanfter, warmer Hauch mich anwehete, eine weiche glühende Hand meine Rechte ergriff und mich nach sich zog! Ich wäre mitgegangen und wenn sich die Hölle mit allen ihren Schrecknissen vor mir aufgethan hätte!
Moriz.
Viertes Buch.
Erstes Kapitel.
Extasen.
Sie drückte mich an ihren wallenden Busen und sprach mit dem ganzen Zauber der weiblichen Lippe, wenn sie von Mitleid überfließt, zu mir: ist Ihnen wieder wohl, lieber Graf?
Der süße Ton ihrer Stimme durchdrang mein Innerstes, und ein heftiges Zittern, das mich wie Fieberschauer erschütterte, war die Folge dieser Anrede.
Und hätte ich auch reden wollen, ich hätte es nicht gekonnt. Alle meine Empfindungen blieben nur halb empfunden, so Schlag auf Schlag durchkreutzte eine die andre, unterdrückte sie, und war von einer andern unterdrückt. Es war ein Zustand der Betäubung, wo ich vor lauter Gefühlen nichts fühlte, wo keines derselben dauernd genug war und Gewalt genug hatte, das eiserne Band meiner Zunge zu lösen.
»Sie antworten mir nicht?« sagte sie im Tone der Aengstlichkeit – »Ich will – ach! – ich muß rufen!«
Das Wort rufen erweckte mich wie aus einem tiefen Schlafe. Das Bewußtseyn meiner ganzen jetzigen Lage flog meiner Seele vorüber und schnell folgte die That dem Gedanken: ich umschloß sie mit dem ganzen gewaltigen Feuer der Liebe.