»Ich weiß nichts!«
Nun, so begreife ich Sie nicht. Sie müssen mir sagen, wie Sie mit ihr stehen. Gleich auf der Stelle, ich lasse nicht nach.
Ich war also gezwungen zu beichten. Ich erzählte ihm, daß ich zwar mit ihr erzogen wäre; daß ich sie aber in vier Jahren nicht gesehen habe: kurz, gestand ihm alles, was man weiß.
Nun denn, nahm er das Wort, denn haben Sie auch keine Ansprüche auf sie, und es ist Ihre eigne Schuld, wenn sie einem Andern die Hand giebt. Sonderbarer Mensch! Wie können Sie vermuthen, daß es einem Mädchen genug seyn wird, wenn Sie sich täglich zwey- oder dreymal unter ihrem Fenster wegstehlen, und sie höchstens grüßen? Wie kann sie glauben daß Sie etwas für sie empfinden, wenn Sie nicht zu ihr kommen, da Ihnen der Zutritt unverwehrt ist? Lieber, lieber Lemberg, sich selbst haben Sie es zuzuschreiben, wenn Sie unglücklich sind. Nun ist es zu spät. In acht Tagen ist Hochzeit! Muth gefaßt und vergessen – weiter ist kein Weg übrig!
Sechzehntes Kapitel.
Ein Quiproquo.
Es wäre vergeblich, den damaligen Zustand meines Herzens zu schildern. Ich erinnere mich, acht Tage hindurch keinen einzigen hellen und dauernden Gedanken gehabt zu haben. Eine Menge von Bildern schwebte meiner Phantasie vorüber, alle mit Blut und Mord gezeichnet; aber meine Raserey kam nicht zum Ausbruch, so gewaltsam auch der Stoß war, den sie die letzten Tage vor Malchens Hochzeit erhielt. Gräfin Waller kam aus D** und ließ mich freundlichst zur Hochzeit bitten. Herr und Frau von Lehmniz kamen und verkündigten mir die Vermählung ihrer Tochter unter Jubel und Freude. Fräulein Louise wollte mich zu ihrem Tänzer in Beschlag nehmen. Graf von Waller erschien mit seinem Busenfreunde Rahm und freuete sich, meine Bekanntschaft zu machen – Unerträglich, unerträglich! Ich wußte nicht, wo ich war! Ich kannte mich selbst nicht!
Die ganze Stadt war voll von dieser Vermählung. »Ja,« hieß es, »er ist freylich Graf, soll auch sehr reich seyn – aber« – den Nachsatz sagte sich der Bürger ins Ohr, und der Soldat lachte und sagte öffentlich: Armer Graf, wie wirds in der Brautnacht aussehen?
Indessen ging die Hochzeit vor sich. Ich blieb im Bette und mußte das Fieber haben. Je dichter ich mich in meine Küssen verhüllte, desto lebhafter wurden mir die Bilder von Malchen und dem Grafen Waller. Ich nahm mir fest vor, in vier Wochen nicht aus dem Bette aufzustehen, aber wie sehr fiel mir schon ein halber Tag zur Last! Gegen Abend vermehrte sich meine Unruhe. Ich wollte dies thun, wollte das thun, und that nichts. Endlich beschloß ich, mich zu verkleiden, und mich unter die Zuschauer zu mischen, um – ja, wenn ich auch gewußt hätte, was ich da thun wollte. Ich nahm die Uniform meines Kerls, zog sie an und hin. Alles war um und um erleuchtet, alles zeigte Glanz und Freude. Das Souper war in einem Gartenhause, ausserhalb der Stadt, welches der Graf seiner neuen Gemahlin gemiethet hatte, und der Garten, der dazu gehörte, war aufs prächtigste erleuchtet. Aber eben der Glanz und die Fröhlichkeit sagten mir nicht zu. Ich ging zurück, wie ich gekommen war, und beschloß, mich tief in mein Bette zu vergraben. Ich zog mich aus – plötzlich ward ich wieder anderes Sinnes. So kämpfte ich zwischen Wollen und Nichtwollen bis gegen zwey Uhr in der Nacht. Endlich widerstand ich nicht länger. Ich warf einen großen Mantel, wie sie damals allgemein getragen wurden, über den Schlafrock, und ging nach dem Gartenhause zurück.
Alles war still; die Gesellschaft schien auseinander gegangen zu seyn und die Lampen im Garten waren meist erloschen. Die schauerliche Dunkelheit hielt mich. Ich ging dreymal um das Haus, die Augen in düsterer Verzweifelung auf ein Zimmer geheftet, wo ein dürftiges Licht zu brennen schien. Auf einmal erlosch auch dieses, und die Ideen, die mir dieser Umstand erweckte, raubten mir Verstand und Bewußtseyn.
Und indem ich zum viertenmal so dicht im Mantel verhüllt, um das Haus schlich, öfnete sich die Thür. Es kam eine Mannsperson hinter mir her gesprungen und hielt mich. »Nun ists Zeit, Rahm, flüsterte sie, mach' alles, wie wirs verabredet haben!«