Gewesen! Gewesen! unterbrach ich sie hitzig: Sie sollen sehen, Sie sollen sehen!

»Die erste Nachricht, von dem Unglücke, das mir bevorstand, bekam ich von meiner Mutter. Es war ein Brief von der Gräfin Waller an meinen Vater eingelaufen, worin sie anfangs die Verdienste und das Alter seiner Familie gehörig anerkannte, und gleich darauf mit dem Verlangen ihres Neffen hinterdrein kam. Er sollte mich in L** gesehen, und vom ersten Anblick an nichts sehnlicher gewünscht haben, als sich mit mir zu verbinden. Er sey Graf, reich, und einziger Erbe einer Tante, die einen Abgott aus ihm machte.«

»Sie wissen, wie offen das gute Herz meines Vaters gegen Schmeicheleyen ist, besonders wenn sie von dem Alter seiner Familie und seinen Kindern hergenommen sind. Ohne sich lange zu bedenken, ohne mich zu fragen, schreibt er mit der nächsten Post zurück, er wäre nicht abgeneigt, nur wünschte er seinen Schwiegersohn zu sehen. Dieser kommt in wenig Tagen an, und vollendet den Eindruck, den der Brief der Gräfin gemacht hatte.«

»Eh ichs mir versehe, kömmt mein Vater mit dem Grafen hieher und stellt mir ihn gleich bey der ersten Anrede als meinen künftigen Gemahl vor. Ich glaubte in den Boden zu sinken! Ach, mein Herz war schon zu voll, um noch eine größere Last zu tragen! Ich hatte Sie öfters unter unserm Fenster hingehen sehen, Ihr Anblick nach so langer Zeit hatte alle die Freuden von neuem in meinem Herzen aufgeweckt.« – –

»O, Lemberg (sie senkte ihr Haupt zärtlich auf meine Schulter) und Sie sahen nicht einmal zu mir herauf! Ach, und ich hätte Sie so gern gesprochen, hätte mich so gern unsrer frohen kleinen Spiele erinnert!«

»Anfangs glaubte ich, Sie wüßten es nicht, daß ich mich in L** befände. Unwiderstehlich ward am Ende mein Verlangen, Ihnen dies zu erkennen zu geben. Als Sie wieder einmal vorbeygingen (es war noch ein Offizier bey Ihnen) riß ich, wie ausser mir, das Fenster auf, und rief Ihnen nach: Wie kommen Sie hieher, Herr von Lemberg? Und kaum sahen Sie sich um, kaum grüßten Sie mich aus der Entfernung, und umsonst hatte ich die Augen der Vorübergehenden auf mich gezogen!«

Malchen zerdrückte ihre Thränen im Auge, aber mir liefen sie hell über die Backen. Ich suchte Worte, und fand keine, die mich hätten entschuldigen können.

»Von der Zeit an fühlte ich eine Art von Erbitterung auf Sie, aber sie machte mich unruhiger, als vorher meine Neugier. Sonst war ich stündlich am Fenster, um Ihnen zu zeigen, wie nahe ich Ihnen sey, jetzt eben so oft, um Ihnen zu zeigen, daß ich – böse auf Sie sey. Aber Beydes machten Sie mir unmöglich, denn Sie gönnten mir nicht einen einzigen vollen Blick, und schielten von der Seite, als ob Sie sich vor mir fürchteten.«

»In dieser Stimmung meines Herzens überraschte mich mein Vater. Alles redete und drang in mich, und zeigte mir das Glück, das ich mit dem Grafen machen würde. Alles, von der Gouvernante an bis zur jüngsten Pensionaire, pries mich glücklich: die eine, daß ich einen Grafen heyrathen, die andre, daß ich nun bald ein recht prächtiges Brautkleid anziehen würde. Eine Herzens Freundin von mir, die einen B** Grafen, ebenfalls ohne ihr Herz, geheyrathet hatte, wirkte durch ihr Beyspiel auch auf mich – So von allen Seiten bestürmt und überrascht, so ganz vergessen von dem, den ich unter allen meinen Jugendfreunden gerade zuletzt vergessen hätte« –

O, ich hatte Sie nicht vergessen! rief ich, und eine Thräne nach der andern tröpfelte auf ihre Hand, die ich fest an meine Brust drückte. –