»Ihm, diesem (sie zeigte lächelnd auf mich) zum Trotz, gab ich dem Grafen das Jawort, und bin – unglücklich!«
Fünftes Kapitel.
Fortsetzung.
Glücklich, glücklich! rief ich, und mein argloses Herz, aus welchem dieser Ausruf hervordrang, pochte vor Freude, ihr dies versichern zu können. Denn sie gab mir ja deutlich zu verstehen, daß sie mich liebte, und daß ihr ganzes Glück davon abhienge, des Grafen los zu werden, und dafür mich – – und mich konnte sie ja haben!
Ich muß lächeln, wenn ich mich dieser kleinen Züge der unerkünstelten Unschuld erinnere. Man muß uns unsre damalige Unerfahrenheit zu Gute halten, denn, genau gerechnet, waren wir ja beyde noch Kinder. Aber gewiß ist es, daß uns diese Treuherzigkeit in jenen Augenblicken unbeschreiblich glücklich machte.
»Wenn ich nur auf der Stelle einen Boten gehabt hätte, (fuhr Malchen fort) so hätte ich Ihnen in Triumph verkündigen lassen, daß ich nun einen Grafen heyrathen würde. Wären Sie gerade durch unsre Straße gegangen, so hätte ich alles angewandt, es Ihnen zu verstehen zu geben: so eifrig war ich darauf bedacht, Ihnen zu zeigen, wie wenig ich mir nun aus Ihnen machte. Aber es gelang mir nicht. Doch gab ich noch nicht alle Hoffnung auf, weil mir der Hochzeittag noch bevorstand, wo Sie mir gewiß nicht ausweichen konnten. Daß Sie so oft, und durch so mancherley Bekannte und Unbekannte zur Hochzeit gebeten wurden, haben Sie mir zu danken. Ich wollte Sie durchaus sehen, um Ihnen zu zeigen, daß ich nun mit einem Grafen vermählt würde, da Sie« –
Malchen sah von der Seite, und nickte drey oder viermal mit dem Kopfe, wie Kinder nicken, die sich entzweyt haben, um einander zu sagen: ich kann doch spielen ohne dich!
»Aber es hieß, Sie wären krank und würden nicht kommen. Auf einmal verschwand alle meine Heiterkeit, und eine tödtliche Unruhe trat an ihre Stelle. Zuweilen war es mir ganz dunkel zu Muthe, als ob die ganze heutige Feyerlichkeit nur angestellt wäre um Sie zu kränken; und als Sie wirklich nicht kamen, hatte ich ein sehr sonderbares Gefühl, das mich überredete, nun würde auch aus der ganzen Heyrath nichts werden. Aber welch ein unbeschreiblicher Schreck, als der Priester ins Zimmer trat! Noch zwey bis dreymal sah ich mich ängstlich nach Ihnen um, und als ich Sie nicht bemerkte – o, Moriz, ich hätte laut aufschreyen und aus dem Zimmer laufen mögen! Gesicht und Gehör verließen mich, vor meinen Augen ward alles schwarz, und, sobald ich das unglückliche Ja ausgesprochen hatte, ward ich ohnmächtig!«
»Man ermunterte mich zwar, aber ich kam den ganzen Tag nicht zu mir selbst. Hundertmal war ich im Begriff meinen Bräutigam »lieber Moriz« zu nennen, hundertmal erstarb das Wort auf meiner Zunge. Noch nie hatte ich so oft und so lebhaft an Sie gedacht, als heute, wo es Verbrechen geworden war, an Sie zu denken. Aber ich konnte – ich konnte mein Herz nicht bändigen, das Sie ungestüm von mir forderte. Sie schwebten mir vor Augen, und meine Blicke hingen an Ihrem Bilde. Meine Mutter machte mir Vorwürfe, daß ich an dem glücklichsten Tage meines Lebens so still und traurig wäre, und meinen Bräutigam ängstigte. Aber – der zeigte eben so wenig aufrichtige Freude, als ich, und die Gesellschaft machte sich auf seine Kosten lustig.«
»O, wie oft suchte Sie mein nasses Auge unter den Zuschauern und Gästen! Verschwunden war jede unfreundliche Empfindung gegen Sie. Nun wünschte ich Sie zu sehen, um – Ihnen mein Unglück zu klagen, nicht, um über Sie zu triumphiren. Und wenn ich mich dann so ganz in mich und meinen Kummer verlor, so war mirs immer, als ob mir jemand ins Ohr raunte: Du sollst ihn sehen! Sehnsuchtsvoll irrte dann mein Auge von neuem umher, um Sie unter der Menge zu entdecken, aber vergebens, immer vergebens!«
»Das Andenken an die kommende Nacht schlug mich vollends zu Boden. Mein Vater eilte fast angelegentlicher, als es der Wohlstand erlaubte, die Gesellschaft zum Aufbruche zu bewegen. Ich bat ihn, so oft es sich unvermerkt thun ließ, nicht so zu eilen, aber er lachte über meine Verlegenheit. Alles verlor sich nach und nach, und endlich sah ich mich nur noch mit meiner Mutter und der Gräfin in dem weiten Zimmer allein. O, das Herz hätte mir springen mögen, als sie mich bey der Hand nahmen und hieher führten. Ich weinte und schluchzte laut, und alle ihre Tröstungen, so wenig als ihre Scherze, vermochten etwas über mich. Ich bat nur um einen einzigen Tag Aufschub, aber sie waren unerbittlich, und ließen mich endlich allein.«