»Mein voriger Zustand war nichts gegen den, in welchen ich nun gerieth. Nun war alle Hoffnung verschwunden! Mögliche Umstände konnten mich nicht retten, mein armes Herz hing sich also an unmögliche, um doch nicht ganz der Verzweiflung zu erliegen. Ich schwärmte wie im hitzigen Fieber, und – o, lieber, lieber Moriz, was gesteh ich Ihnen nicht alles – Sie hatten den größ'ten Antheil an diesen Schwärmereyen. Ich vergaß über Ihnen den Grafen!«

»Aber ich hatte diesen letzten kleinen Trost nicht lange. Er erschien selbst und kam auf mich zu. Er war in der sichtbarsten Verlegenheit, und die Hand, womit er mich angriff, zitterte gewaltsamer, als die meinige. Auf seiner Stirn lag finstrer Mißmuth (so kam es mir vor) und seine Lippen, die er auf meine Hand drückte, waren eißkalt. Er klagte über Hitze und wüthendes Kopfweh, schwieg eine Zeitlang ganz, stammelte wieder ein paar Worte, und that endlich die Lichter bis auf ein Nachtlämpchen aus. Mit jedem erloschenen Lichtstrahl, erstarb ein Strahl meiner Hoffnung, und sie erlosch am Ende fast ganz, und flackerte nur noch zuweilen matt und bebend auf, wie das Lämpchen, das neben mir auf dem Tische stand. Und o! als er auch dies auslöschte, und um und um dicke Finsterniß im Zimmer lag – hin war meine Hoffnung, hin Gefühl und Bewußtseyn!«

»Ich erinnere mich nur noch ganz dunkel, daß der Graf nun angelegentlicher über Kopfschmerz klagte, und daß er endlich aus dem Zimmer ging, unter dem Vorwande, ein Flakon zu holen. Da war ich allein, in dem finstern, einsamen, todten Zimmer! Ich hörte nichts mehr, als das ängstliche Pochen meines eignen Herzens. Jetzt wünschte ich lebhaft, daß der Graf zurückkommen möchte. Ich tappte nach der Thür, fand sie, und machte sie leise auf, ich hörte jemand auf der Treppe, er kam näher, ich reichte ihm meine Hand – o, welch ein Unterschied! Aber ich hatte nicht Muth, mir denselben zu gestehen.«

»Statt der vorigen kalten, erwärmte jetzt eine feurige Hand die meinige, ein anderer Athemzug, ein festerer Tritt, ein Druck, der feuriger war, als des Grafen feurigste Umarmung – alles das hörte, fühlte ich – aber meine Brust war wie in Ketten geklemmt, ich hatte nicht Athem genug zu rufen, nicht Muth genug, zu zweifeln, nicht Kraft genug, mich loszuwinden. Ein dunkles, ahndendes Gefühl beschäftigte und erfüllte mein Herz, arbeitete und pochte in demselben, meine Augen sahen nichts, aber meine Hand leistete mir ihre Dienste – es war der Graf nicht, der mich in seine Arme schloß, er konnte es nicht seyn – »Und wer wäre es sonst?« lispelte es leise in meiner Seele, aber ich bekämpfte diesen Einwurf mit einem unüberzeugbaren, störrischen »er ist es nicht!« – Ach und er war es auch nicht! Moriz – Moriz – war es! das wußt' ich, das wußt' ich! Aber ich weiß nicht, woher ichs wußte!«

Mit diesen Worten warf sich Malchen in meine Arme und weg! über Erde und Himmel hinweg schwebten wir beyde!

Sechstes Kapitel.
Gräfin Waller erscheint, um – zu verschwinden.

Unter diesen Ergießungen wechselseitiger Zärtlichkeit brach der Tag an, und mit demselben ging ein neues Licht in meiner Seele auf. Denn bis daher hatte ich nur wenig, und gleichsam wider Willen an Vergangenheit und Zukunft gedacht. Jetzt machte ich mich auf große Begebenheiten gefaßt, und bestrebte mich, ihnen mit Unerschrockenheit zu begegnen. Aber Malchen war ausser sich vor ängstlicher Erwartung, und mein Muth schien ihre Angst zu vermehren, weil sie nicht Kräfte genug hatte, sich demselben anzuschließen.

Es pochte an der Thür und eine Stimme rief: Machen Sie auf, Herr von Lemberg! Malchen fuhr zusammen, aber ich sprang, den Degen in der Hand, nach der Thür, machte sie auf, und Gräfin Waller trat herein.

Sie machte die Miene eines Kaufmanns, der seinen Freunden lachend ankündigt, daß ihm eine kleine Spekulation, mit einem nicht nennenswerthen Verlust von funfzig tausend Thalern verunglückt sey. – »Guten Morgen, Frau mit drey Männern,« rief sie, indem sie auf Malchen zu hüpfte und vor Lachen ersticken wollte: »Hierdurch werden Sie (sie gab ihr ein zusammengelegtes Papier) hierdurch werden Sie zwey davon los: einen Grafen und ein Premier-Lieutenant, und nun wird Ihnen von selbst zufallen (indem sie sich nach der Thür zog, das Gesicht von mir abgewandt und die rechte Hand in der Lage, womit man Schellen auffängt) der Fähndrich!« – Husch! war sie zur Thür hinaus und mit schallendem Gelächter die Treppe hinunter. Nach einigen Minuten rollte ihr Wagen unter unserm Fenster hinweg und wir verloren sie bald aus den Augen.

Siebentes Kapitel.
Es ist ja richtig!