Siebentes Kapitel.
Morizens Lage.

Ich war einsam, in mir selbst verschlossen und stumm. Der Graf fragte mich täglich, ob ich von Natur so wäre, und ich bejahete es. Die übrige männliche und weibliche Dienerschaft sah mich mit großen Augen an und steckte den Kopf über mich zusammen. Alle ihre Blicke waren unaufhörlich beschäftigt, um den Wunderjäger zu ergründen, der bey höchstens achtzehn Jahren nicht spielte, nicht trank, fast gar nicht sprach, sich weder auf dem Schlosse noch in dem nahgelegenen Dorfe ein Mädchen suchte; von dem der alte Tobias (des gnädigen Herrn rechte Hand) sagte: er sey ein braver Pursch; den der Graf immer als Muster der Treue und des Fleißes den Uebrigen vorstellte; an dem die gnädige Frau eine feine Haut und edle Miene bemerkt haben wollte; von dem die Gouvernante gesagt hatte, er schiene sogar »monde« zu besitzen; von dem endlich die Vertraute der gnädigen Frau, ihre Kammerjungfer, die noch keine Mannsperson hatte leiden können, sich nicht undeutlich verlauten ließ, daß er ihr nicht übel gefiele, und daß sie, wenn sie sich je entschließen könnte, zu heyrathen, allenfalls seine Frau zu heißen sich nicht schämen würde.

Dieses gab mir eine Ueberlegenheit im Hause, die mir bey meinem Hange zur Einsamkeit lästig ward. Alles drängte sich zu mir, um mich zu unterhalten, und mich, wie man sagte, aufzuheitern; alles fragte mich bey seinen kleinen Angelegenheiten um Rath; die Gouvernante selbst ließ sich herab, mit mir Französisch zu sprechen, als ich es bey einer gewissen Gelegenheit verrathen hatte, daß ich diese Sprache verstände; und die Kammerjungfer sogar, wirbelte sich, wenn sie ein neues Kleidungsstück angezogen hatte, so lange vor meinen Augen herum, bis sie geradezu oder durch Umschweife von mir herausgebracht hatte, daß sie gut und mit Geschmack gewählt habe. Alle diese Erscheinungen stiegen dem alten Jäger Tobias, der ein großer Denker war, zu Kopfe, und er pflegte immer zu mir zu sagen: Wilhelm, wenn du nicht ein Jägerssohn bist, so mußt du wenigstens ein Fürstenkind seyn.

Ich lächelte zu solchen Aeußerungen und schwieg.

Achtes Kapitel.
Der Graf und sein Haus.

Der Graf war ein Mann von ungefähr funfzig Jahren: ein wilder Jäger, was er aus einem wilden Soldaten geworden war; hitzig, aber immer bereit, was er in der Hitze gethan hatte, wieder gut zu machen; ohne modische Bildung und Lektüre, aber reich an praktischen Regeln des Lebens, wie er sie für die individuelle Lage seiner physischen und moralischen Umstände brauchte; rechthaberisch bis zur Unziemlichkeit in Sachen, die er zu verstehen sich einbildete, und fast auf eine kindische Art gelehrig, wenn man ihm etwas vortrug, daß er noch nicht wußte, und was er brauchen zu können glaubte; im eigentlichsten Verstande Herr in seinem Hause, und bis zur unleidlichsten Hartnäckigkeit eigensinnig in dem System der häuslichen Angelegenheiten. Seine Gemahlin hatte er geheyrathet, um den Familienstamm aufrecht zu halten, und weiter bekümmerte er sich nicht um ihre Beschäftigungen und ihren Zeitvertreib.

Die Gräfin war noch sehr jung, und, als ich in das Haus kam, erst zwey Monate mit dem Grafen verheyrathet. Dieses ungleiche Alter, noch mehr aber die Art des Grafen, mußten nothwendig eine seltsame Gattung von Ehe hervorbringen. Er schwärmte ganze Tage auf Feldern und in Wäldern umher; sie saß ganze Tage in ihrem Zimmer, und vertrieb sich die Zeit, so gut sie konnte, mit weiblichen Arbeiten, mit Büchern, und mit zwey Fräulein aus der Verwandschaft des Grafen. Zuweilen, aber doch nur höchstens einmal die Woche, hatte sie Besuche von Frauenzimmern, die sich aber immer entfernten, so bald der Graf in seine Mauern einzog. Selten machte sie Gegenbesuche, weil es der Graf nicht gerne sah, daß sie abwesend war. »Aber wie kann solch eine junge Dame das einförmige Leben aushalten?« fragte ich einmal den alten Tobias – – »Das macht,« erwiederte er, »weil sie der Herr aus einer Pension zu L* geradezu weggeheyrathet und sie zur Gräfin gemacht hat, weil er ihr giebt, was sie wünscht, weil er kein anderes Frauenzimmer ansieht, und weil er regelmäßig alle Abende mit ihr zu Bette geht.«

Der alte Tobias war, wie man sieht, ein alter Schalk.

Die beyden erwähnten Fräulein waren noch jung, und standen unter dem Scepter einer Gouvernante, die in ihren besten Jahren war, und wiederum von einem Piaristen geleitet und geführt wurde. Dieser unterrichtete die beyden Fräulein im Christenthum und die Gouvernante in der deutschen Sprache. Der alte Tobias nahm vor dem Mönch den Hut nicht ab, und räusperte sich immer, wenn er die Gouvernante sahe. Ich fragte ihn nach der Ursach dieses Betragens, und er gab mir zu verstehen, daß er einmal in der großen Laube dazu gekommen wäre, als der Pater der Gouvernante – keine Kollegia über die deutsche Sprache gelesen hätte. Es wäre gerade in der Brunstzeit gewesen – setzte er in aller Unschuld hinzu.

Er wüßte wohl noch mehr von diesen beyden Leuten, fuhr er fort, aber er wartete nur auf eine Gelegenheit, wo er ihnen noch näher auf die Fährte kommen könnte. Sodann sollte der Herr alles erfahren.