»Wilhelm,« sagte sie: »ich muß Sie schon sonst irgendwo gesehn haben, eh' Sie in unser Haus gekommen sind.«

Mir lief es kalt über den Rücken.

»Ich wüßte nicht wo!« stotterte ich, und wollte fort.

Etwa in L*? sagte sie.

»Nein, nein,« rief ich, »nein, nein!« und lief beynah im Sprunge davon, indem ich die Bewegung mit der linken Hand machte, die man zu machen pflegt, wenn man etwas verneint, das man bejahen sollte. Ich glaubte ihr dadurch recht geschickt bewiesen zu haben, daß ich nie in L* gewesen wäre.

Alles vereinigte sich, um mich in die tödtlichste Unruhe zu setzen. Zwey volle Stunden hatte ich zu kämpfen, eh' ich mich bereden konnte, meine Phantasie habe mir mit der Adresse einen Streich gespielt, und die Gräfin müsse irgend einen andern für mich angesehn haben. Aber, daß sie mich gerade in L* gesehn haben wollte! Diesen Einwurf widerlegte ich damit, daß ich mich nicht erinnerte, sie in L* gesehn zu haben. Man bewundere die unumstößliche Beweiskraft dieses Arguments. Daß der Brief nicht von Malchen gewesen, bewies ich mir damit, daß ich ihr Wappen sogleich müßte gekannt haben. Ich hatte es längst vergessen, daß ich während der Hitze und Anstrengung, womit ich die Buchstaben der Aufschrift untersuchte, gar nicht daran gedacht, das Siegel zu untersuchen.

Am Abende dieses Tages saß ich mit dem alten Tobias auf dem Schloßhofe unter der Linde. Er sprach nicht viel, und ich noch weniger. Eh' ich mirs versah, stand das Kammermädchen der Gräfin vor uns, und suchte uns Rede anzugewinnen. Der alte Tobias duldete sie, weil sie ein kluges Mädchen war, weil sie ihm immer den grauen Bart krauete, und weil er sahe, daß ich mir ihr Geschwätz zuweilen hatte gefallen lassen. Sie brüstete sich nicht wenig, wenn sie bey mir saß, weil sie die einzige vom weiblichen Gesinde war, die ich nicht zurückschreckte. Alle ihre Gespräche liefen am Ende auf Liebe und Heyrathen hinaus, und zwar blos darum, weil sie sich, nach ihrem Geständniß, weder zum Lieben noch zum Heyrathen versucht fühlte.

Diesen Abend unterhielt sie mich über das Kapitel der Untreue und der Unerklärbarkeit der Männer, und führte ein Beyspiel davon an, welches das Maaß meiner Unruhe voll machte.

»Die Gräfin hätte heute einen Brief bekommen,« sagte sie: »von einer Freundin, mit welcher sie zu L* in Pension gewesen wäre.« –

Bey diesen Worten regten sich alle meine Haare auf der Scheitel.