»Die Gräfin hätte ihr zwar den Brief von Anfang bis zu Ende lesen lassen,« fuhr sie fort, »aber er wäre so lang gewesen, daß sie nicht alles hätte behalten können. Genug, ihre Freundin habe einen Herrn sehr lange und von ganzem Herzen geliebt, und habe geglaubt, auch von ihm geliebt zu seyn; aber ein paar Tage vorher, da die Hochzeit hätte vor sich gehen sollen, wär' er gekommen, habe sie unversehens überfallen, und ihre Schwester mit dem Degen gestochen, doch ohne ihr Schaden zu thun, wäre sodann davon geritten und niemand wisse, wohin!«

Ich bekam wieder Athem bey den Worten »ihre Schwester gestochen« denn ich wußte sehr genau, daß ich eine Mannsperson gestochen hatte; aber ruhig machte mich dieser Gedanke nicht, weil die übrigen Umstände gar zuviel Aehnliches mit meiner Geschichte hatten. Die Freundin der Gräfin war zu L* in Pension gewesen – das paßte auf Malchen – ihr Liebhaber hatte sie kurz vor der Hochzeit überfallen – das paßte auf mich – war davon geritten und niemand wüßte wohin – ich war auch davon geritten, und vermuthlich wußte niemand, wohin. Ich that noch hundert schüchterne Fragen nach dem Namen der Freundin, nach dem Orte, wo die Begebenheit vorgefallen, und wie der Liebhaber geheißen habe; aber sie wußte keine zu beantworten, und gestand endlich, vermuthlich weil sie sich vergaß, daß sie den Brief nicht selbst gelesen, sondern nur dazu gekommen wäre, als die Gräfin den Inhalt desselben der Gouvernante erzählt habe. Wenn mir aber daran gelegen wäre, so wollte sie die Gräfin befragen und ich sollte alles erfahren.

Was für Ursachen sich heute eine auf die andre häuften, um mich in die schrecklichste Unruhe zu versetzen! Bald war mir der erwähnte Brief so gewiß von Malchen, daß ich aufsprang, und noch diesen Abend davon wollte; bald dünkte es mich so unwahrscheinlich, daß ich laut über meine Aengstlichkeit lachte. So ward ich die ganze Nacht hindurch zwischen Ja und Nein hin und her geworfen, bis ich endlich, aber nicht eher, als da die Sonne aufging, mit festem Muth auf dem Nein beharrete. So lange es Nacht blieb, und ich nur mit den Augen der Phantasie sehen konnte, war es mir nicht möglich gewesen, mich von dem ängstlichen Ja loszuwinden.

Zehntes Kapitel.
Der Graf verreiset.

Es geschah, daß der Graf in Familienangelegenheiten nach W* ging. Die Gräfin hätte diese Reise, wie ich hörte, gerne mit ihm gethan, aber er fürchtete, daß sie ihm in W* auf mancherley Art zur Last fallen möchte. Besuche geben und nehmen, sich anziehen, sich zur Schau stellen, war seine Sache nicht; und das wäre unvermeidlich gewesen, wenn er seine junge Gemahlin der Familie hätte aufführen wollen. Er ließ sie also zurück. Mich hätte er gerne mitgenommen, wenn es möglich gewesen wäre, den eisgrauen Schildknappen Tobias von seiner Seite zu entfernen.

Um mit Glanz in W* zu erscheinen, nahm er alle männliche Bediente mit, und niemand blieb im Hause, als die Gräfin, ihre Kammerjungfer, die Gouvernante, die beyden Fräulein und ich. Der Piarist blieb jetzt halbe Tage hindurch auf dem Schlosse, um, wie er sagte, den Frauenzimmern die Zeit zu vertreiben; und er war auch wirklich sehr wohl bey ihnen gelitten, denn er konnte – krähen wie ein Hahn, bellen wie ein Hund, und miauen wie eine Katze.

Der alte Tobias sagte mir, als er mit dem Grafen abreiste, ich sollte ein wachsames Auge auf den Pfaffen und auf die Französin haben, er trauete beyden nur so weit als er sie sähe.

Sie selbst mochten es auch wohl wissen, daß sie an dem alten Tobias einen unbestechlichen Argus hatten. Beyde waren um so höflicher und gefälliger gegen ihn, je mehr sie sich vor ihm fürchteten. Sobald er also den Rücken gewandt hatte, glaubten sie freyes Feld zu haben. Sie gingen stundenlang im Garten spazieren, und waren immerfort in sehr geheimnißvollen und ernsthaften Gesprächen begriffen.

Drey Tage nach der Abreise des Grafen befand ich mich im Garten und verpflanzte unter der Aufsicht des Gärtners einige junge Bäume. Der Piarist erschien mit der Gouvernante und den beyden Fräulein, doch mußten letztere immer eine Strecke voraus gehen. Als sie nicht weit mehr von uns entfernt waren, zog der Piarist in der Hitze des Gesprächs das Schnupftuch heraus, und mit demselben etwas Glänzendes, das ich für einen Schlüssel hielt. Ich sprang hin und hob es auf, aber es war kein Schlüssel, sondern ein Dietrich. Ich lief ihm nach und reichte ihm das verdächtige Werkzeug. Die Gouvernante ward todtenblaß und sah den Pater an. »Er gehört nicht mir!« sagte er, und gab mir den Dietrich mit der gleichgültigsten Miene von der Welt zurück. »Ich hab' ihn aber mit dem Schnupftuche herausziehn sehen!« sagte ich. – »Sie sind nicht gescheut, Wilhelm!« sagte die Gouvernante mit zuckenden Lippen, und zog den Piaristen fort. Ich dachte sehr lebhaft an den alten Tobias, und steckte den Dietrich ein.

Eilftes Kapitel.
Moriz ist unruhig.