Während der Abwesenheit des Grafen suchte ich mich so gut zu beschäftigen und zu zerstreuen als ich konnte. Ich war zuweilen ganze Tage hindurch auf der Jagd; legte mich, wenn ich meine Pflicht als Jäger gethan hatte, auf die Oekonomie; fischte, und half unserm Gärtner bey seinen Arbeiten; las auch zuweilen französische Bücher, die mir die Gouvernante aus der kleinen Bibliothek der Gräfin verschaffte, nicht etwa verstohlnerweise, sondern mit der völligen Bewilligung der Gräfin, die oft gesagt hatte, mein Fleiß, mein Eifer, und meine stille Aufführung verdienten, daß man mich von dem übrigen Gesinde unterschiede; auch hätte ich so etwas in meinem Aeussern, wodurch es ihr unmöglich gemacht würde, mich, wie die übrigen Bedienten, mit Er oder Ihr anzureden.

Ueberhaupt schien die Gräfin nicht weniger als die Uebrigen neugierig zu seyn, was es wohl eigentlich für eine Bewandniß mit mir haben möchte. So oft sie mich sah, nahm sie mich scharf aufs Korn, und sagte entweder zu mir, oder zu jedem andern, der gerade bey ihr war: Es ist gewiß, daß ich den Jäger Wilhelm schon sonst irgendwo gesehen habe. Sie verließ mich dann jedesmal mit einer nachdenklichen Miene.

Man kann leicht glauben, daß ich bey solchen Aeußerungen nicht ruhig blieb. Mehr als einmal war ich fest entschlossen, die Dienste des Grafen zu verlassen. Aber heimlich wollt' ich es nicht, und öffentlich konnte ichs nicht, weil ich keinen Grund dazu anzugeben wußte.

O, ich hatte noch eine Ursache, warum ichs nicht that. Man wird sie errathen, und über mich lachen. Eben die Ursache, die mich in der einen Minute forttrieb, hielt mich in der andern. Ich zitterte, wenn mich die Gräfin so aufmerksam ansah, und glaubte doch, es müßte nicht wenig interessant seyn, von ihr erkannt zu werden. Ich suchte mich auf die schicklichste Art zu entfernen, wenn sie in den Garten kam, und mir und dem Gärtner zusah; und brannte vor Begierde, im Garten zu seyn, wenn ich wußte, daß sie darin war. Ich erschrak vor dem Gedanken, sie möchte mit Malchen in Briefwechsel stehen, und hätte dem feind werden können, der mich völlig überzeugt hätte, sie stände gewiß nicht mit ihr in Briefwechsel. Ich Thor, ich unbegreiflicher Thor! – Aber, werfe den ersten Stein auf mich, wer da will. Vor dem, der geliebt hat, und dem, der das menschliche Herz kennt, bin ich sehr sicher!

Zwölftes Kapitel.
Hülfe! Hülfe! Hülfe!

Am Abend des zehnten Tages nach der Abreise des Grafen, ließ mich meine Phantasie, die durch ein neues Examen von Seiten der Gräfin aufgeregt worden war, nicht einschlafen. Es war ein unfreundliches Wetter draussen. Sturm, Regen und Schlossen brausten und rasselten auf Dächern und an den Fenstern. Der Wetterhahn auf dem Schloßthurm schwirrte, und die Hunde heulten in ihren Zwingern. Ich verhüllte mich fest in meine Küssen, und wartete ängstlich auf den Schlaf, aber meine Einbildungskraft, die sich mit dem Brausen des Windes vereinigte, entfernte ihn immer weiter und weiter von mir.

Voll Ungeduld richtete ich mich endlich im Bette auf. Im Nu kam es mir vor, als ob ein Lichtstrahl plötzlich in meine Kammer fiele, und eben so plötzlich wieder verschwände. Meine Kammer war unten im Hause, gerade der Treppe gegenüber, die in den ersten Stock zur Wohnung der Herrschaft führte. Hinter mir war die Thüre, durch die man auf einigen Stufen in den Garten hinab kommen konnte. Diese Thür mußte offen seyn, denn ich glaubte deutlich zu hören, wie sie vom Winde hin und her geworfen wurde, und doch wußte ich sehr genau, daß ich sie, eh' ich mich niederlegte, fest zugemacht hatte.

Ich stand auf, um sie zuzumachen. Während ich meinen Oberrock umwarf, fiel abermals ein Lichtstrahl durch das Fenster, welches in meiner Kammerthür angebracht war. Ich sah hindurch und sah nichts. Voll Befremden darüber, doch ohne mir etwas Besonderes dabey zu denken, suche ich nach dem Drücker, finde ihn, drücke und drücke – meine Thüre war und blieb fest zu. Ich erinnerte mich zwar nicht, sie abgeschlossen zu haben, nahm aber doch den Schlüssel um aufzuschließen. – Meine Thür war nicht zugeschlossen gewesen, ging aber auch nicht auf.

Indem ich mich noch zermarterte, um sie zu öffnen, hörte ich auf einmal ein durchdringendes Jesus Maria! – Weinend vor Ungeduld, lehnte ich mich mit meiner ganzen vereinigten Kraft gegen die Thür, und krach! sprang sie aus den Angeln und stürzte mit großem Geräusch auf den Boden, der mit Steinen gepflastert war. Ich stürmte die Treppe hinan, und hörte die Stimme des Kammermädchens, die Hülfe! Hülfe! Hülfe! schrie. Ich eilte in das Zimmer der Gräfin, welches weit offen stand, und sah Lichtstrahlen aus ihrem Schlafzimmer in dieses größere fallen. Ein dumpfes Stöhnen kam mir aus jenem entgegen.

Ich sprang hinein, und erblickte eine Weibsperson, die sich über das Bette der Gräfin geworfen hatte und mit beyden Händen beschäftigt war, sie unter Küssen zu begraben; eine Mannsperson, die vor einem geöffneten Seitenschranke stand und mit beyden Händen im Gelde wühlte; auf dem Seitentisch eine kleine brennende Diebslaterne.