Ich ergriff die Weibsperson, um sie wegzuschleudern, sie schrie, und in dem Augenblick fühlte ich einen Stich durch die rechte Seite. Meine Arme erschlafften, und ich sank ohne Bewußtseyn zu Boden.
Moriz.
Sechstes Buch.
Erstes Kapitel.
Neue Wunden.
Als ich zu mir selbst kam, sah ich mich noch im Schlafzimmer der Gräfin auf einem Kanape, das ihrem Bette gegenüber stand. Mir zur Seiten erblickte ich die beyden jungen Fräulein, welche Todesangst auf dem Gesichte trugen. Die eine hatte ein Wachslicht in der Hand, die andre ein Glas voll Wasser, womit sie mir das Gesicht besprengte. – »Er lebt noch!« rief die letztre, als ich die Augen öffnete. Die Gräfin richtete sich im Bette auf.
Guter Wilhelm! rief sie mit schwacher Stimme, und streckte die rechte Hand nach mir aus. – Ich wollte aufspringen, um sie zu ergreifen, und sank kraftlos zurück.
Ihr schönes Auge, welches fest an mir haftete, schwamm in Thränen. »O, kommen sie noch nicht?« rief sie, voll Angst und Ungeduld, als sie einen Blick auf das Blut warf, womit das Kanape über und über bedeckt war. – »Geh, lauf,« fuhr sie zum ältesten Fräulein fort: »sieh, ob sie kommen!«
Das Fräulein sah sie mit der allerhöchsten Angst im Blicke an, und wagte es nicht, den Fuß aus dem Zimmer zu setzen. »So geht beyde!« fuhr die Gräfin fort. Sie schlossen sich fest an einander, und gingen langsam in das Vorzimmer. Die eine zog Muth aus der Furchtsamkeit der andern. Sie nahmen das Licht mit, und das Schlafzimmer wurde nur noch von dem matten Schein der Nachtlampe, die nahe bey dem Bette der Gräfin stand, dürftig erleuchtet.
Immer noch war ihr Auge mit dem Ausdrucke des innigsten Mitleids auf mich gerichtet. Ihr Haupt hatte sie auf die linke Hand gestemmt, und die rechte, in welcher sie ein Schnupftuch hielt, ruhte auf dem Deckbette. Ihr blondes Haar floß in reizender Unordnung über Schultern und Brust herab, und überwebte gleichsam stellenweise den Umriß des vollen Busens, der, durch Schrecken, Todesfurcht und Nothwehr aus seinen Schranken gedrängt, langsam stieg und sank.
Verloren in dem Anschauen der Schönheit, die sich hier meinem Blicke so überraschend entschleyerte, fühlte ich keinen Schmerz, wußte ich von keiner Wunde, von keiner Entkräftung mehr. Meine ganze Seele lebte in meinem Auge, und in dem ihrigen flimmerten die hellen Perlen, in welche sich das Mitleid auflöst, wenn die Zunge dem gerührten Herzen nicht folgen kann. Immerfort begegneten sich unsre Blicke, und immerfort sanken sie zu Boden, als wenn wir wechselsweise vor einander erschräken.
»O, wenn sie mir doch noch einmal die Hand reichte!« Dieser Wunsch ward nach einigen Augenblicken der herrschende in meiner Seele. Ich hütete alle ihre Bewegungen, und als sie einmal die rechte Hand aufhob, glaubte ich ihn erfüllt, sprang auf und that einen raschen Schritt nach dem Bette. Sie fuhr erschrocken zusammen, zog den Arm unter die Decke, und hüllte sich völlig ein. Ich taumelte nach dem Kanape zurück, warf den Blick seitwärts, und – dachte an meine Wunde, und fühlte meinen Schmerz und meine Entkräftung von neuem.