Die beyden Fräulein kamen zurück und brachten die Nachricht, daß sie eine Laterne von weitem gesehen hätten: es würde wohl der Gärtner mit der Jungfer und dem Chirurgus seyn. »Dem Himmel sey gedankt!« rief die Gräfin freudig: »Nun, wird sich der arme Wilhelm nicht verbluten!«
Mein ganzes Herz bewegte sich bey diesen Worten. Für jedes hätte ich willig einen neuen Stich erdulden wollen. Ich bestrebte mich, ihr zu sagen, wie sehr mich ihre Theilnehmung rührte, aber die Zunge versagte mir ihren Dienst; ich sprach mit Blicken, und sie schien mich zu verstehen.
Bald nachher kamen der Gärtner, der Chirurgus und das Kammermädchen. Man führte mich in meine Kammer, untersuchte meine Wunde und verband sie. Der Chirurgus fand sie nicht gefährlich und nannte sie eine Kleinigkeit, was nicht alle Wundärzte in ähnlichen Fällen zu thun pflegen.
Zweytes Kapitel.
Moriz in letzten Zügen.
Ich wollte den Gärtner, dem es von der Gräfin ausdrücklich aufgetragen war, bey mir zu wachen, mehr als einmal fortschicken, aber er ging nicht. Wie lästig war mir seine Sorgfalt und Theilnehmung! Ich fühlte ja keinen Schmerz, ich wußte ja von keiner Wunde, mir war so leicht und wohl, wie mir nie gewesen war! – O, ich hatte aus den Augen der Gräfin eine Stärkung gesogen, welche die feinsten meiner Fibern innig durchdrang, und wie der Balsam der Unsterblichkeit, mein ganzes Wesen zu einem neuen Leben stärkte und auffrischte.
Immer noch saß ich ihrem Bette gegenüber auf dem Kanape; immer noch lispelte ihre melodische Stimme: Armer Wilhelm! vor meinem Ohre; immer noch sah ich die runde Hand, auf die sich ihr Haupt, wie auf eine Säule von Elfenbein gesenkt hatte; immer noch die sanften Wogen des blühenden Busens, der, hie und da vom seidenen Haar überflossen, bey der schwachen Dämmerung des Nachtlichts, den Schneehügeln Nordens sich verglich, um deren Häupter feine, monderhellte Silberwölkchen leise weben und schimmern.
Und wenn mir auch Malchen getreu geblieben wäre, so hätte ich doch in diesen Augenblicken nicht an sie gedacht.
Je tiefer ich mich in meine Küssen verhüllte, desto lebhafter wurden jene Bilder, desto fruchtbarer ward meine Phantasie (denn mein Verstand feyerte) an abentheuerlichen Entwürfen, wodurch ich mir das Glück verschaffen wollte, der Gräfin – noch einmal so gegenüber zu sitzen. Es ist sonderbar, aber sehr natürlich, daß die kühnsten meiner Wünsche gerade nur auf diesen Umstand sich einschränkten, der ihnen die Entstehung gegeben hatte.
Am andern Morgen erschien die Kammerjungfer der Gräfin, und erkundigte sich im Namen ihrer Gebieterin nach meinem Befinden. Ich stellte mich Wunder wie stark, und sagte mit einer Stimme, die nichts weniger als einen kränklichen Ton hatte: mir ist wohl, mir fehlt nichts, ich werde sogleich aufstehen! Ich zitterte bey dem Gedanken, daß sie an meinem Wohlbefinden zweifeln möchte.
»Aber die Gräfin ist herzlich krank,« sagte sie, »und wird wohl unter drey Tagen das Bette nicht verlassen dürfen!«