[903] Das arabische Wort ist El-Hûr, Vielzahl von El Haurá, „die Grossäugige“ (A. Müller. Der Islâm. Bd. I. S. 65).

[904] Pischon. Einfluss des Islâms. S. 8.

[905] Vincenti. Ehe im Islâm. S. 7.


XXIII.
Der Harem.

Der Morgenländer versteht unter Harem (bei den Persern Enderun, in Indien Zenana) im Gegensatze zum Selamlik (persisch: Birun), dem Aufenthaltsorte der Männer, nicht bloss die abgeschlossenen Frauengemächer des Hauses, sondern auch alle deren Insassen, Frauen, Kebsinnen, Kinder, Sklaven und Verschnittene. Aber auch wo bloss eine Frau vorhanden wäre, besteht der Harem. Er ist des Morgenländers unantastbares Heiligtum, in welchem er durchaus ungestört bleiben will und bleibt. In Persien genügt es, einem Besucher zu sagen: Der Herr befindet sich in seinem Enderun.[906] In die Frauenabteilung des Hauses gelangt kein Fremder, auch kein Moslim, der nicht zur engsten Familie gehört. Eine ausgeführte Schilderung des Harems liegt nicht im Plane dieses Buches, welches auf die Richtigstellung einiger darüber umlaufenden Vorstellungen sich beschränken zu sollen meint; wohl aber eine Würdigung dieser Einrichtung in kulturgeschichtlicher Hinsicht.

Ein falscher Begriff, dem in Europa aber noch viele huldigen, ist zunächst der sogenannte „orientalische Luxus“, den man immer mit dem Haremswesen in Verbindung bringt. Das Haremsdunkel, mit seinen schwellenden Seidenkissen und verschwiegenen Teppichen, von Rosenwasser durchduftet, mit Ambra geräuchert, wird zwar nicht mehr unbedingt als ein Eldorado aller irdischen Genüsse angesehen, das verschleierte Rätsel, „Odaliske“ genannt, gilt zwar nicht mehr als ausschliesslich geweihte Priesterin der ausgesuchtesten Sinnesschwelgerei, für manchen bleibt aber dennoch das morgenländische Gynäceum die letzte und ausschliesslich bevorrechtete Freistatt der „blauen Blume“. Schilderungen der Hareme morgenländischer Grosser, insbesondere des türkischen Padischah, in welchen Wahres mit Falschem[907] gemengt ist, tragen an derartigen Vorstellungen Schuld. Doch sind dies schlecht gewählte Muster, aus welchen sich durchaus kein Schluss auf die Allgemeinheit ziehen lässt. Wahr ist von dem ganzen Luxus bloss, dass mitunter unglaubliche Massen von Schmuck bei den „Verbotenen“ angehäuft liegen, natürlich bloss bei Wohlhabenden oder Reichen. Nicht selten hat der Ehegatte sein halbes Vermögen auf dem Leibe seiner Gattinnen und Sklavinnen auf „Zärtlichkeitszinsen“ angelegt. Freilich stellt die Zärtlichkeit auch die einzigen Zinsen des aufgewendeten Kapitals dar, welches sonst tot bleibt. Aber wenn auch, so ist der Schmuck der Orientalinnen doch durchaus kein Luxus, sondern immerhin die sicherste Kapitalanlage. Da nur der Schmuck keine Steuern zahlt und bei ihm nichts auf Machart gegeben wird, sondern er fast immer seinen vollen Ankaufspreis in Metallwert darstellt, so erklärt sich die Verschwendung desselben in den Haremen. Das ist aber ziemlich auch alles. Heinrich von Maltzan betont, dass selbst in den Haremen der Grossen, der reichsten Familien neben Goldbrokat und Perlen reichlich Lumpen und Schmutz zu finden sind.[908] Der Unterschied der Verhältnisse liegt bloss in der Verschiedenheit der Stoffe, womit die Diwane überzogen und die Reize der Frauen mehr oder weniger nicht bedeckt sind. Der Harem des Armen, der nur eine Frau besitzt, wie er vielleicht auch nur ein Kamel und ein Zelt sein eigen nennt, beschränkt sich nicht selten auf einen höchst notdürftig ausgestatteten Verschlag oder eine Wohnstube. Maltzan erblickt in den Haremen ferner wahre Pest- und Choleraherde, in welchen das Rätsel zu suchen, warum im Morgenlande von jeher alle ansteckenden Krankheiten so plötzlich grosse Verbreitung fanden und mit solcher Wut auftraten. Nicht bloss die gastronomischen Ausschreitungen, welche dort an der Tagesordnung sind, sondern, und zum Teil in Verbindung mit ihnen die grosse Unreinlichkeit bewirken dieses Ergebnis. Wie schaudererregend diese sein kann, davon hat Maltzan sich mit eigenen Augen überzeugt, und versichert auf Grund verlässlicher Gewährsleute, dass es auch in den Haremen der höheren Schichten nicht besser aussehe.[909] In Einzelheiten einzugehen, würde die Grenzen des Ästhetischen notgedrungen überschreiten.[910]

Die Haremsitten wechseln natürlich von Volk zu Volk; richtiger: jedes Volk folgt darin je nach seiner Anlage bestimmten Gepflogenheiten, wenngleich die Vorschriften des Gesetzes, des Korâns, für alle die gleichen sind. So schreibt der Korân die strenge Beobachtung des Setr-Awret vor, d. h. des Gesetzes, welches die Weiber nötigt, ihr Gesicht mit Ausnahme der Augen zu verhüllen; es gestattet keine Ausnahme, weder für Reiche noch für Arme. Wo in der Türkei freie Mägde im Harem bedienstet sind — was freilich nicht häufig ist — schreit ein Herr, der in seinen Harem geht, so laut er kann: „Aufgepasst“, oder: „Euer Gesicht! Bedecket Euch!“ damit sich alles rasch verstecken könne. Doch ist die Verhüllung bei den sunnitischen Osmanen noch lange nicht so strenge als bei den schiitischen Persern. In Stambul wird der Jaschmack, der Gesichtsschleier, aus weissem und sogar sehr durchsichtigem Stoffe getragen, ja man sieht mitunter auf öffentlichen Promenaden freie Mädchen selbst ohne Schleier, obwohl bei den Türken im allgemeinen die Ansicht herrscht, die Türkin, die einem Manne ihr Angesicht absichtlich entschleiert, ergibt sich ihm.[911] Bei den Muhammedanern Bosniens und der Herzegowina, die freilich zumeist Slaven und erst seit der Eroberung zum Islâm bekehrt sind, verschleiern sich nur Frauen auf der Strasse, Mädchen gar nicht. Und am mittleren Laufe der Narenta ist der Schleier stellenweise nicht einmal für Frauen vorhanden, während diese sonst in ganz Bosnien ärger vermummt sind als irgendwo im Orient.[912] Dagegen trägt das persische Weib von ihrem neunten Lebensjahre an, wenn sie ausgeht, eine weite indigoblaue Hülle (Tschader), welche den ganzen Körper von Kopf bis Fuss dominoartig vermummt. Vor den Augen hängt ein langes, schmales, weisses Tuch (Rubaend), das in der Gegend der Augen einen gitterförmigen, ovalen Ausschnitt zum Sehen hat.[913] Freilich hat Professor Brugsch beobachtet, wie auf den Promenaden die Schönen zuweilen wie zufällig den Schleier lüften, um sich aus der Ferne für einen Augenblick bewundern zu lassen. Unter den ärmeren Volksschichten tragen aber in einzelnen Teilen des sonst so strengen Landes die Frauen den Schleier nicht einmal im Freien, sondern begnügen sich beim Nahen eines Mannes sich einfach umzudrehen.[914] Die Weiber der in Persien zahlreichen Nomadenstämme sind ebenfalls unverhüllt.[915] Zu Hause, im Enderun ist endlich selbst die vornehmste Perserin nichts weniger als wohlverhüllt; ein grösserer Gegensatz in der Tracht lässt sich vielmehr kaum denken.[916] Bei den muhammedanischen Kosaken in Russisch-Turkestan verschleiern sich bloss die Frauen mit einem weissen, sackartigen Jaschmack, auch dies aber nur in den Städten, während sie in der Steppe das Antlitz höchstens in Gegenwart einer sehr hohen Persönlichkeit verhüllen.[917] Auch die Verschleierung der Turkmeninnen ist eine sehr geringe. Von einer runden Kappe fällt ein lang herabhängender Schleier von Seide oder Baumwolle herab, von welchem ein Zipfel unter dem Kinn hinweggezogen und an der anderen Seite des Kopfes mittelst einer Spange befestigt wird; zuweilen rückt man ihn, wie es auch die Armenierinnen thun, bis an den Mund hinauf.[918] In Ostturkestan endlich gehen die Frauen aus den niederen Ständen, worüber sich schon Mir Isset Ullah wunderte, der 1812 Yarkand besuchte, in vollkommener Freiheit unverschleiert umher; ja auch vornehmere Frauen, welche einige Stunden des Tages in ihren Gärten ausserhalb der Mauern zubringen, nahmen, wie der neuere Reisende Hayward berichtet, keinen Anstand, die Fremden mit neugierigen Augen zu betrachten.