Wie mit dem Schleier, so verhält es sich auch mit der Einschränkung der weiblichen Freiheit durch den Harem. In der Blütezeit der arabischen Zivilisation war die Bewachung weit weniger streng, als dies jetzt im Morgenlande der Fall ist; es herrschte damals eine freiere Bewegung als in späteren Zeiten, wo bei dem Verfalle der Gesittung der Haremszwang zu einer förmlichen Klausur ausartete.[919] Die fast bei allen orientalischen Völkern herrschende Sonderung der Geschlechter fand sich übrigens, wenngleich sehr gemildert, auch in den südlichen Ländern Europas in Übung, und die portugiesischen Kreolen Brasiliens sperren ihre Frauen ebenso ängstlich ein wie die Muhammedaner.[920] In ihrem Harem verkehrt die Frau nur mit ihren nächsten männlichen Blutsverwandten; mit den männlichen Dienern bespricht sie das Nötige durch den Thürvorhang. Im Bazar, in den Läden, auf der Strasse verkehrt sie mit Männern nur insoweit es die Notwendigkeit mit sich bringt. Die Strenge dieser Vorschriften lässt aber an vielen Orten sichtbar nach. Die türkische Frau z. B. ist keineswegs eine Gefangene, eine Eingekerkerte; sie verkehrt mit der Aussenwelt ungefähr im Masse der christlichen Klosterfrauen von den milderen Orden. Auf dem Lande und in den kleineren Ortschaften, namentlich in Asien, stellt sich das Verhältnis noch ganz anders. Die Abgeschiedenheit der Geschlechter besteht dort mehr im Prinzip, und die Zurückhaltung im Verkehr vertritt die thatsächlich unausführbare Absperrung. Letztere wird naturgemäss undurchführbar, wo das Mädchen unter den Augen aller heranwächst, wo bei den gemeinschaftlichen Feldarbeiten der Schleier oft unerträglich wird, wo Männer und Weiber unausweichlich in fortgesetzter Berührung bleiben.[921] In Persien ist die Überwachung der Frauen in den höheren Kreisen sehr strenge, dennoch erfreuen sie sich keines besonders guten Rufes als treue Gattinnen und geniessen eine verhältnismässig grosse Freiheit. Nach Landessitte ist es ihnen gestattet, fünf bis sechs Stunden lang in den öffentlichen Bädern zu verweilen und bis auf mehrere Tage hinaus ihre Besuche bei den Eltern und sonstigen Anverwandten auszudehnen. Sie sollen sich auch sonst allerlei unerlaubter Mittel bedienen, um ihre Spaziergänge zu entschuldigen, die sie, mit Ausnahme der Strassen der Hofburg, im Innern der Stadt Teherân unternehmen.[922]

Innerhalb des Harems herrschen Gebräuche, welche dem Abendländer tyrannisch erscheinen, deren Joch der Orientalin indes sanft und leicht bedünkt. Strenge Trennung der Frauengemächer von den Männergelassen bildet natürlich einen Hauptgrundsatz der moslemitischen Hausanlage. Von seiner Frau wird der Moslim niemals in seinen Gemächern besucht; immer ist er bei ihr zu Gast, wenn er vorspricht. Die Frauen verbringen den Tag ohne den Mann, haben jedoch während dieser Zeit volle Freiheit des Besuchens und des Besuch-Empfangens, aber es darf eben nur weiblicher Besuch sein. Von diesem Frauentreiben ist der Mann unerbittlich ausgeschlossen. Ein zehnfaches Verbot heiligt die Schwelle des Harems, wenn fremdes Schuhwerk draussen steht, denn der weibliche Besuch kann sich nicht der Gefahr aussetzen, vom Hausherrn unverschleiert überrascht zu werden. In guten Häusern, so versichert Vincenti, bedeutet übrigens der „Pantoffel auf der Haremsschwelle“ die unbedingte Unüberschreitbarkeit derselben für alles Männliche, insbesondere den Ehegatten selbst. Wünscht die Frau den Besuch ihres Gatten nicht, dann wird dies durch den hinausgestellten Pantoffel angedeutet, und kein wohlerzogener Prophetenbekenner missachtet diese Pantoffelsprache; ja thäte er es trotzdem, so würden die verschnittenen Haremswächter, die allerdings bald der grossen Plunderkammer des Islâm angehören werden, das Recht haben, sich sogar thatsächlich zu widersetzen.[923] Der Pantoffel spielt überhaupt im moslemitischen Haushalt eine Rolle. „Pantoffelgeld“ nennt man das rechtgläubige Nadelgeld, mit dem Pantoffel züchtigt man das unfolgsame Gesinde, mit dem Pantoffel hält man sich den Mann vom Leibe und knechtet man ihn, wie überall. Lebt des Mannes Mutter noch, dann ist er wohl des Hauses Mehrer, nicht aber auch dessen Regierer; Regiererin ist seine Mutter, für die Schnüre die Schwiegermutter oft mit all ihren Schrecken. Sie erforscht deren Herz und Nieren, hält Zucht und überwacht den Nachwuchs. Sie hat ihren eigenen Haushalt, der ein wahrer Regierungssitz ist. Die Schwiegertöchter ertragen knirschend das Joch; aber alles buhlt um die Gunst der Mutter, Muhmen wie Bäschen, die Sippe von aussen, wie der Harem des Mannes. Eine besonders bevorzugte Stellung nimmt die Schwiegermutter in Persien ein, denn man ehrt sie als die natürliche Wächterin der Braut und jungen Frau. Letztere ist vor allem die Mutter der Kinder und behauptet ihrerseits, sobald sie das Matronenalter erreicht, die wichtigste Stelle im Haushalt. Aber auch sonst wird die persische Frau von ihrem Eheherrn in allen Dingen befragt; sie ist seine vornehmlichste Ratgeberin und Vertraute. An glücklichen Ehen ist auch in Persien, wie Dr. Wills und Benjamin übereinstimmend bezeugen,[924] durchaus kein Mangel. Nicht bloss in Persien, sondern so ziemlich überall im Bereiche des Islâm ist das Los der Frau ein glückliches, sobald sie Kinder geboren. Ihr fällt deren Aufziehung sowie die Aufgabe zu, Frauen für ihre Söhne auszusuchen. Unglücklich ist nur das kinderlose Weib. Unfruchtbarkeit ist auch in Persien, wo es doch immer zur Schande gereicht, eine Frau aus der Familie auszustossen, ein Scheidungsgrund.[925] Kommt es aber nicht zur Scheidung, so muss sie doch ihrem Herrn und Meister eine andere Gattin besorgen.[926] Das ist ihr grösster Schmerz. Wird eine Frau gewahr, dass ihr Gemahl mit Heiratsgedanken umgeht, so versucht sie durch Drohungen, Weinen und Bitten ihn davon abzubringen; gelingt ihr dies nicht, dann beginnt sie die Auserwählte zu verunglimpfen und zu verdächtigen; endlich aber ergiebt sie sich in ihr Schicksal und schliesst mit ihrer Nebenbuhlerin (Haveh) Frieden. Es tritt eine Art Ausgleich, selbst Freundschaft zwischen ihnen ein, und beide rächen sich durch Untreue an dem Manne.[927] Ja Dr. Wills versichert, dass in der Regel die Weiber nicht eifersüchtige Nebenbuhlerinnen, sondern die besten Freundinnen sind.[928] Sind mehrere Frauen im Hause, so bewohnt jede eine besondere Abteilung, in den Häusern der Reichen mit eigenem Hof, eigener Bedienung und Küche, eigenen Sklaven und Eunuchen. Aber wo auch nur eine Frau vorhanden ist, bevölkert doch den Harem oder Enderun noch ein Trupp weiblicher Dienerinnen, die alle die unbedingt ergebenen Sklavinnen des Hausherrn sind. Was von den Persern gilt, kann man im allgemeinen auch von den übrigen Orientalen aussagen: Der Harem ist kein Tummelplatz ungezügelter Sinnlichkeit; der sittliche Anstand herrscht im patriarchalischen Hausinnern als Grundgesetz. Das Familienleben wird insgemein als ein recht anständiges geschildert. Der Mann von Bildung behandelt seine rechtmässige Frau sehr gut und liebt seine Kinder ausserordentlich; er bringt für deren, nach morgenländischen Begriffen, gute Erhaltung, Pflege und Erziehung die grössten Opfer. Wollen wir aufrichtig sein, meint Rev. Jessup betreffs eines so tief stehenden Volkes wie die syrischen Beduinen, so müssen wir gestehen, dass die Stellung der Frauen in den unteren Gesellschaftsschichten bei uns im Thatsächlichen auch nicht so sehr abweicht, nur mit dem Unterschiede, dass, während im Osten das Prügeln des Weibes eine Art Gebot des Korâns ist, unsere Gesetzgebung sich dagegen auflehnt. Allerdings kommen Gattinnenmorde etwas häufiger vor als etwa in England, und sind, sobald sie bloss die Form der Strafe annehmen, nur selten von unangenehmen Folgen begleitet; allein, wie Rev. Jessup versichert, ist diese Gepflogenheit bei den griechischen Christen jener Gegenden nicht minder im Schwange als bei ihren muhammedanischen Nachbarn. Auch die oft gehörte Behauptung, Hass, Missgunst und Rachsucht fänden in den Haremen eine bleibende Stätte, und die Ikbal, d. h. Lieblingsfrau (Favoritin) pflege auf die wohlwollenden Absichten des Hausherrn einen verderblichen Einfluss auszuüben,[929] bedarf gar mancher Einschränkung, wie die oben angeführten Aussagen anderer Beobachter beweisen. Gewiss geht unter den Haremsinsassen eines reichen mächtigen Hauses mancherlei vor, was unbedingt vertuscht werden muss. Sicher aber wird auch der Harem von pikant sein wollenden Wanderschreibern als Fundgrube unerhörter Dinge oft genug mit lächerlicher Dreistigkeit ausgebeutet.

In den Augen des Abendländers ist das Los des orientalischen Weibes im Harem ein ebenso entwürdigendes als bedauernswertes. Leben und Treiben im Innern des Harems sind zweifelsohne von untergeordneter Beschaffenheit, nach mancher Richtung hin auch von verderblichem Einfluss. Die Dame der höheren Stände beschäftigt sich mit ihren Kindern und ihrem Haushalte kaum mehr als die meisten ihrer Schwestern im abendländischen High-life, mit dem Tages- und Haremsklatsch kaum weniger als diese, und ist häufig zu Hause — nicht anzutreffen, sei es, dass sie zur Durchmusterung der Mode- und Juwelierladen oder aber zu Spazierfahrten auswärts weilt. Doch nicht immer ist sie bloss zu müssigem Treiben ausser Haus. Oft besorgt sie die Angelegenheiten ihres Gatten und hilft an den unsichtbaren Fäden knüpfen, die z. B. in der Türkei aus und durch die Hareme bis zu den Spitzen der Regierung laufen. Der Einfluss der Frauen scheint durch ihre öffentliche Ausschliessung vom Markt des Lebens durchaus nicht gemindert, sondern auf Umwegen einzuholen, was ihm auf geradem Wege versagt wird.[930] Auch in Persien macht der Einfluss des Weibes in Sachen der Diplomatie und der Regierungsgeschäfte sich deutlich fühlbar. Die Orientalin ist in keiner Weise ein geistig beschränktes Wesen; oft stösst man auf Frauen von grossem Talent, begabt in Musik, Dichtkunst und Malerei, wohl bewandert in diplomatischen Künsten.[931] Fast alle sind geschickte Stickerinnen. Im allgemeinen erfahren aber die natürlichen Gaben keine oder nur geringe Ausbildung durch Erziehung und Unterricht. Bei etwa vorhandenem natürlichen Sinne für Thätigkeit füllen manche Frauen einen Teil ihrer Zeit mit weiblichen Handarbeiten aus; ihr eigener Putz ist aber immer die grosse Hauptsache für sie, und dabei scheuen sie weder Zeit noch Geld. Jener Hang zum Äusserlichen und Flachen, den die schönere Hälfte des Menschengeschlechts überhaupt angeboren hat und der sich bei der zivilisierten Abendländerin in hunderterlei Tand und Gepränge äussert, ist hier eben aufs höchste gesteigert. Durch die äusseren Schranken, welche ihren Horizont einengen und ihr den schmalspurigen Lebenspfad knapp abstecken, ist die Morgenländerin jeder angespannteren Seelenthätigkeit, jedes inneren Kampfes enthoben. Immer hat man sich mit der Frage gequält: wie denn die Frauen im Harem nicht der Langeweile erliegen. An Ort und Stelle hört das Rätsel auf Rätsel zu sein. Den ganzen Tag wird an Zuckerwerk genascht; dazu gesellt sich der Kaffee und zum Kaffee die Pfeife mit oder ohne Opium, bisweilen sogar mit Haschisch; ausserdem spielt man leidenschaftlich Domino und mitunter sogar Karten. Dann giebt es Besuche in anderen Haremen abzustatten oder im eigenen zu empfangen. Endlich liefert der häusliche und der städtische Klatsch, meist unflätiger Art, ergiebigen Stoff zum Ausfüllen der Zeit, und wenn er ausgeht, ersetzen mündliche Erzählungen das Romanlesen der abendländischen Damen. Auch fehlt es keineswegs an häuslichen Geschäften, und endlich bringen die Feste, der Bairam vor allen, Abwechslung in das Einerlei.[932] Im ganzen ist das Haremsleben voll Anziehungskraft und zugleich voll geistiger Leere. Ist es Leben, — ist es Träumen? Das ist schwer zu sagen, denn diese ganze Glückseligkeit liesse sich im Grunde genommen in die drei Worte: Essen, Trinken, Schlafen zusammenfassen. Freilich geschieht das nach morgenländischer Art, d. h. so bequem und prächtig als nur möglich. Der den Orientalen angeborne Hang zum Nichtsthun passt ganz gut in dieses eintönige bequeme Leben, welches nicht einmal die Mühe, einen Wunsch zu ersinnen, übrig lässt, inmitten einer Frauenherde, deren ganze Intelligenz schliesslich gerade dazu reicht, eine Perle zu bewundern und ein paar Babuschen auszuwählen. Ideen von Fatalismus scheinen in der Haremsluft zu gedeihen, als ob die Sklaverei, unter deren Joch man lebt, sie mit sich führe. Grober und lächerlicher Aberglaube erfüllen weiter den Dunstkreis des Harems.

Liest man solche Berichte, so wundert man sich, wie es eine Europäerin in einem orientalischen Harem aushalten könne. Und dennoch kommt es öfter vor, als man glaubt, dass Hareme europäische Bewohnerinnen haben. Nicht gezwungen, nicht heimlich entführt, sondern freiwillig, ja auf ihren dringenden Herzenswunsch hörend, sind diese Schönen dahin gekommen. So gross ist der Zauber, welchen der Harem selbst auf gebildete Abendländerinnen auszuüben vermag! Ihr Los ist allemal ein ungemein trauriges. Nichts besorgt die Orientalin mehr als das Erscheinen weisser, besonders europäischer Haremsgenossinnen, gegen niemanden kehrt ihr Hass sich in bedrohlicherer Form. Und doch hat die Morgenländerin ebenso sehr Unrecht, den Einfluss der Europäerin zu befürchten, als diese sich einzubilden, dass ihre höhere Bildung, ihre Gaben des Gemütes und Geistes geeignet seien, den Orientalinnen in der Gunst des Mannes den Rang abzulaufen. Diesen Wahn hat Maltzan längst widerlegt, denn gerade diese Vorzüge sind dem Morgenländer auf die Dauer lästig; er findet sie unbequem, denn sie nötigen ihn gewissermassen, immer im Sonntagsstaat des Kulturmenschen zu erscheinen. Eine Orientalin vermag viel eher eine dauernde Gunst zu erringen, die dann im Range einer Gattin gipfelt, einmal weil sie ihre Eifersucht meist, wenigstens ihrem Gebieter, dem solche immer lästig ist, geschickt zu verbergen weiss, und dann weil sie ihm schon von vornherein, als von gleicher Sitte, Erziehung und Anschauungsweise bequemer zum Umgange ist; er braucht sich bei ihr keinen Zwang anzuthun, er kann ungezwungen mit ihr verkehren, alles sagen, was ihm in den Kopf kommt, und findet doch nur Beifall.[933] Aber auch die Orientalin fühlt sich im Harem weit weniger unglücklich, als der Abendländer annimmt, gewiss nicht unglücklicher, als ein gutes Teil unter den Abendländerinnen ob ihrer Stellen als Frauen sind; sie verhält sich zu diesen, wie jemand, der in ein Viertel gebannt wäre, ohne sich seiner Gefangenschaft bewusst zu werden, zu solchen, denen eine Stadt zum Gefängnis angewiesen ist und welche die Sehnsucht hinaus in die weite Welt verzehrt.[934] Nur die ganz geringe Anzahl derjenigen, welche gegenwärtig europäische Bildung genossen, beginnen zu fühlen, dass, wenn auch ihr Käfig vergoldet ist, ihn doch Eisenstäbe abgrenzen. „So lange wir nicht wissen, wie es draussen zugeht, sind wir glücklich, wenn wir aber zu vergleichen anfangen —“ und solche unglücklichen Geschöpfe beklagen es dann laut, diese Bildung erhalten zu haben, welche ihnen die morgenländischen Verhältnisse unerträglich mache.[935] Das sind aber seltene Ausnahmen, und selbst diese beneiden die Europäerin nur teilweise, denn im ganzen und grossen flösst ihnen die unverstandene Lebensweise derselben als etwas unheimlich Fremdes mehr Scheu als Sehnsucht ein. Das Angewöhnte, Anerzogene hält sie fest.[936] Noch mehr, natürlich, ist dies bei der grossen Menge der Fall. Weit entfernt, die abendländische Gesittung und ihre Sitten zu beneiden, haben sie dafür nur komisches Entsetzen. „Wie,“ ist die Orientalin geneigt auszurufen, „ihr geht allein aus, unverschleiert! Ihr sprecht mit Männern, habt an euch zu denken, über euch zu wachen, und über euer Schicksal selbst zu entscheiden! Wie mühsam, wie sorgenvoll, wie schwierig muss das sein!“ Sie staunt, dass Allah Frauen, die einer solchen Arbeit gewachsen seien, geschaffen habe. Die ungeheure Mehrzahl der Morgenländerinnen schwärmen geradezu für ihre Einrichtungen, ihren Harem, und sprechen zu Gunsten der Polygamie,[937] eine Erscheinung, die fast überall wiederkehrt, wo Vielweiberei Volkssitte ist. Sie bedauern den monogamen Europäer, er müsse sich ja grenzenlos langweilen. Dass die einzige Frau nicht bloss das zweite Ich des Mannes, sondern auch des Hauses Führerin, die Erzieherin der Kinder, wenn nötig die Leiterin des Geschäftes sei, will nicht in ihren Sinn. Da sei ja die abendländische Frau ein Lasttier, eine Sklavin, die sie in der That eher bedauern als beneiden möchten.[938] Ähnliche Äusserungen kann man allgemein vernehmen; sie kennzeichnen die herrschenden Meinungen; sie machen es erklärlich, dass so mancherlei Veränderungen auch das Leben und die Anschauungen des näheren muhammedanischen Orients durch den immer mächtiger andringenden Einfluss Europas schon erfahren haben, der Harem und der ganze Bereich der von ihm beherrschten Lebensgebiete davon durchaus unberührt geblieben ist und wohl auch bleiben wird. Im Harem, bestätigt Hermann Vámbéry, ist alles beim Alten geblieben; an Möbel, Sitte und Hausordnung, an Tracht, Redensart und Denkungsweise ist nicht das mindeste geändert worden; denn das weibliche Geschlecht, das jeder Berührung mit der Aussenwelt fernsteht, hat die streng konservative Richtung der Orientalen noch viel besser bewahrt als die Männerwelt, ja ersteres hat bisher die grösste Hartnäckigkeit gegenüber allen Reformen an den Tag gelegt, und das Wenige, was die türkischen und persischen Damen von dem Abendlande entlehnten, hat viel mehr Nach- als Vorteil bezweckt.[939] Darum ist der Harem eines der festesten Bollwerke für die orientalisch-moslimische Sitte und Lebensordnung nach fast allen Richtungen hin. Hier herrschen noch immer die gleichen Gewohnheiten, Regeln, Meinungen, Begriffe und Vorurteile, kurzum derselbe Geist wie vor Jahrhunderten, und behalten die Oberhand über alle etwa von aussen kommenden Einwirkungen.[940]

Es wäre indes ein schwerer Fehler, das vom Harem eben entworfene Bild für ein allgemein gültiges zu halten. Zutreffend ist dasselbe bloss für die höheren, begüterten Stände, insbesondere für die fürstlichen Haushaltungen in den Hauptstädten, wie Kairo und Stambul, und die Paläste der Grossen. Nur auf diesem Boden sind die abendländischen Ansichten vom Harem und Haremleben erwachsen. Die Wirtschaft der wenig vermöglichen Mittelklassen ist aber natürlich viel bescheidener. Da versorgt das Weib mit rührigen Händen den ganzen Hausstand allein oder höchstens von einer Verwandten unterstützt, und wenn eine zweite Frau vorhanden, mit ihr oft genug in enger Freundschaft verbunden, wenngleich die eine der anderen häufig durch ihr Dasein Nahrungssorgen macht; der Harem selbst aber ist vielfach zu Weberwerkstätten und Färbereien geworden. Das Weib des Landmannes endlich hilft die Feldarbeit bestellen, arbeitet unaufhörlich Tag und Nacht, ohne je Ruhe zu haben, als in wenigen Stunden des Schlummers. Folglich erwirbt er so viele Gehülfinnen, als er Frauen hat, ein Umstand, welcher die Vielweiberei ebenso fördert, wie der Grundsatz, dass alle Mädchen an den Mann gebracht werden sollen. In den ärmeren Gegenden freilich finden sich zwei Frauen bei keinem Bauern, da er keinen Raum und keine Nahrung für sie besitzt und froh ist, ein Weib mit den Kindern erhalten zu können.

Bei der wichtigen Rolle, welche dem Harem in der Geschichte des Familienlebens so vieler Völker zufällt, dürfen — so sehr das Anstandsgefühl sich dagegen sträubt — jene Punkte nicht gänzlich unberührt bleiben, welche unseren Augen wohl als die schwärzesten dieser Einrichtung erscheinen. Unter diesen sind die durch das Sonderleben der Geschlechter hervorgerufenen Wirkungen in gesellschaftlicher Hinsicht noch nicht die allerschlimmsten. Bekanntlich ist unter Morgenländern von den Frauen niemals die Rede; ihrer zu erwähnen gilt für unschicklich, und nicht einmal nach ihrem Befinden darf man sich beim Eheherrn erkundigen; wo man nicht umhin kann davon zu reden, geschieht es mit einer entschuldigenden Wendung, wie etwa: „mit Verlaub“, meine Frau. Bei der völligen Ausschliessung des weiblichen Geschlechts vom Kreise der Männer fehlt natürlich auch der gute Ton, ja der notdürftigste Anstand; man ist rücksichtslos in der Wahl der Gesprächsgegenstände, wie in der Wahl der Ausdrücke und in seinem gesamten Verhalten; die schlüpfrigsten und zweideutigsten Dinge werden mit Vorliebe in den Bereich der Unterhaltung gezogen, und man lässt sich dabei so sehr gehen, dass man, ebenso wie es die Frauen in ihren Haremkreisen machen, auch auf etwa mitanwesende junge Leute oder Knaben nicht die mindeste Rücksicht nimmt.[941] Nicht anders handeln die Frauen; auch bei ihnen begegnet man dem Mangel an Zartgefühl, dem rohen, unverhüllten Berühren der geschlechtlichen Beziehungen, welches in den orientalischen Frauengemächern vorherrscht. In dieser geistigen Atmosphäre wächst die Kinderwelt heran, für welche somit das Geschlechtsleben weder in Wort noch That einen Schleier hat. Die dunkelsten Schattenseiten des Haremslebens liegen aber nach einer tieferen Richtung: in der Begünstigung unnatürlicher Laster. Ich sage: Begünstigung, denn irrig ist es doch, für dieselben den Harem allein verantwortlich zu machen. Ihr Entstehen ist nicht im Harem zu suchen, sie sind viel älter als dieser; wohl aber liefert er einen Boden, auf welchem die Giftpflanze üppig ins Kraut schiessen kann.

So hat unter den Frauen der Osmanen die Gepflogenheit, den Leibessegen zu entfernen, eine so gewaltige Ausdehnung gewonnen, dass die Regierung, aufgeschreckt über die verheerenden Folgen des Übels, sich vergebens bemüht, eine wirksame Abhilfe zu finden.[942] Da der Korân darüber schweigt, so konnten sich auch die islamitischen Gesetzgeber zu einer strengen Bestrafung dieser Handlung nicht verstehen. Auch in Persien, wo dem unverheirateten Mädchen, der Witwe oder Geschiedenen, welche etwa gebären würde, der Tod gewiss wäre, enden alle unehelichen Schwangerschaften mit Ekbolen; und die Sache wird ziemlich öffentlich betrieben, ihr auch kein Hindernis in den Weg gelegt. Dagegen kommt es niemals vor, dass, wie in den höheren Ständen der Türkei, die Frau, nachdem sie zwei Kinder geboren, mit Wissen ihres Mannes von nun an Abortus hervorruft, teils um ihre Körperschönheit zu erhalten, teils um die Nachkommenschaft zu verringern.[943] Da aber die Sitte der Fruchtentfernung nicht bloss im Harem auftritt, sondern auch bei vielen anderen, nicht einmal polygynischen, ja selbst hochgesitteten Völkern in weit grösserer Übung ist, als man meint, so ist deren Veranlassung mit weit mehr Recht zunächst in wirtschaftlichen Ursachen zu suchen, dieselbe also ein Ergebnis weder der Vielweiberei noch selbst des Harems, so sehr sie auch letzterer begünstigen mag. In weit grösserem Masse ist er jedoch verantwortlich für das, was man als „widernatürliche Laster“ bezeichnet, welche nicht wenig zur Entvölkerung des Orients beitragen. In den vielen müssigen Stunden und den langen Fasten des Harems oder der Zenana lernen die Frauen sehr leicht die Verirrungen der Masturbation, der sogenannten lesbischen Liebe (Cunnilingua) und des Tribadismus, jenes physischen Verkehrs zwischen zwei Frauen, welche die Römer mit den Wörtern Frictrices oder Subigatrices tauften. Allein schon der Umstand, dass die geschichtliche Überlieferung den Ursprung dieser Ausschweifung nach Lesbos[944] verlegt, also ausserhalb des Haremgebietes, deutet darauf hin, dass beide Erscheinungen nicht notwendig miteinander zusammenhängen. Thatsache ist allerdings, dass der Tribadismus unter den morgenländischen Mädchen ungemein verbreitet ist,[945] bekannt aber auch, dass er ferne vom Oriente und vom Harem, inmitten der zivilisierten Gesellschaft, im Schwange geht.[946]

Neben dem Tribadismus tritt die Liebe zwischen Männern auf die Bühne; aber auch sie war und ist zu allen Zeiten und in allen Ländern, nicht bloss im Gebiete des Harems, viel verbreiteter als man denkt. Der Korân bestraft die Unzucht von Männern miteinander, bis sie Besserung versprechen, und in den ersten Zeiten des Islâms war man in dieser Hinsicht ziemlich strenge. Erst durch die näheren Beziehungen zu den Persern und besonders seitdem mit Beginn der Herrschaft der Abbassiden persische Sitten und Unsitten in den höheren Klassen der arabischen Gesellschaft mehr und mehr sich verbreiteten, griffen auch die widernatürlichen Laster mehr und mehr um sich, denn schon im Altertum erfreuten sich die Perser und Meder einer schmachvollen Berühmtheit in diesem Punkte. Die Knabenliebe (Päderastia) lernten die Perser, nach Herodots Bemerkung, von den Griechen, im Vendidad wird aber bereits Hyrkanien als das Land erwähnt, in welchem dieselbe betrieben werde.[947] Für den Islâm steht so viel fest, dass am Hofe von Bagdad schon zur Zeit Harun-al-Raschids diese Sitte eine ganz verbreitete war, deren man sich weder schämte, noch sie als etwas Übles ansah. Ja, die Sufi machten sie fast zum Dogma.[948] Der von Hafis und anderen Dichtern des Orients besungene Antinous war ehedem auch bei den sinnlichen Osmanen eine offen anerkannte Erscheinung. Man sprach von Machboub als etwas Selbstverständliches, wie unsere Jeunesse dorée von ihren Maitressen spricht. Der Page gehörte beinahe zum Hausstand des Grossen, der Mosaïb (Günstling) bekleidete eine öffentliche Stellung bei Hofe.[949] Die Nachkommen jener Horden, welche unter Dschingis-Chan und Timur Mittel- und Nordasien erobert, die ösbekischen Chane, hatten es später darin so weit gebracht, dass es bei ihnen für ein schlimmes Zeichen und für eine Schwäche galt, wenn einer von dem allgemeinen Gebrauche sich frei erhielt. Heute noch erreicht derselbe, welcher, geographisch gesprochen, an den Ufern des Bosporus anfängt und auf dem Wege nach Osten allmählich merklicher wird, seinen Gipfelpunkt in Bochârâ. Über Dinge, die unser europäisches Gefühl aufs höchste empören würden, wird hier wie über einen erlaubten Scherz verhandelt, und selbst die Religion, die einen leichten Fehltritt im Waschen oder anderen Vorschriften mit dem Tode bestraft, drückt hier ein Auge zu.[950] Dr. Polak bezeugt, dass auch in Persien widernatürliche Gepflogenheiten in den Städten sehr verbreitet seien und „dass sie nicht so allgemeine Entrüstung hervorrufen, wie es im Interesse der ganzen Menschheit zu wünschen wäre.“[951] Wie in den meisten orientalischen Ländern, so ist die Knabenliebe auch im westlichen Nordafrika, in Marokko, allgemein verbreitet; jeder der höheren Beamten hält eine mehr oder weniger grosse Zahl von verschnittenen Negerburschen.[952] Man darf wohl annehmen, dass die Sitte mit dem Islâm und dem Harem dahin gebracht worden ist. Und dennoch sind weder der eine, noch der andere ihre Geburtsstätte.

Die mythologische Überlieferung führt den Ursprung der Knabenliebe auf Orpheus und die Thraker zurück. Jedenfalls war sie im Altertume längst in Übung. Karthago war darob berüchtigt und die Karthager rühmten sich ihrer Kraft in deren Ausübung. Aristoteles erzählt, dass dieselbe auf der Insel Kreta gesetzlich erlaubt war, um einer zu starken Volksvermehrung entgegenzuwirken. Von deren Ausdehnung im alten Hellas und in Rom wird noch an späterer Stelle die Rede sein. Bedeutsam ist, dass es in Europa ein Land gibt, wo die dorische Knabenliebe in der verklärten Gestalt genau so, wie die Alten sie uns darstellen, noch heutzutage blüht und auf das Innigste mit der Sitte und Lebensweise seiner Bewohner verwachsen ist. Dieses Land ist nach den Mitteilungen G. v. Hahns, derjenige Teil Albaniens, den die Gegen[953] bewohnen, der Zweig eines Volkes, das man als die reinsten Nachkommen der alten Illyrier betrachten darf, von welchen auch die Vorväter der Hellenen abstammten. In hoher Form ward Päderastie bei der Entdeckung Amerikas fast überall unter den Eingeborenen angetroffen, wenngleich bei den höher stehenden Völkern als Laster gebrandmarkt und bestraft. An vielen Stellen, besonders der Nordwestküste, ist sie jetzt noch gang und gäbe. Von Aljaschka bis hinab nach Darien sieht man als Frauen erzogene und gekleidete Jünglinge, die mit den Grossen, den Häuptlingen und Herren, im Konkubinat leben.[954] Ähnliche Gepflogenheiten herrschen bei den Aleuten und den Inuit oder Eskimo. Dass sie bis in manche Kreise der höchstgesitteten Nationen hineinragen, will ich nicht weiter berühren.[955] Diese Beispiele beweisen zur Genüge, dass jene beklagenswerten Verirrungen nicht an den Harem, noch weniger an die Vielweiberei gebunden sind. Sicher ist dagegen, dass sie im Bereiche des Harems und der Sonderung der Geschlechter den günstigsten Boden finden. In der Türkei ist indessen, so versichert Murad Efendi, die erwähnte Unsitte durch die neuen gesellschaftlichen Anschauungen nicht allein in der „Gesellschaft“ bedeutend gemindert, sondern gänzlich in den Schatten verbannt worden. Wo sie allenfalls noch ihr Unwesen treibt, darf sie doch nicht mehr eingestanden werden, sondern gehört, wie im Abendlande, zu den heimlichen Lastern. „Man zieht ihr die Mütze über die Ohren.“[956]

Diese kurze Erörterung der hier zuletzt erwähnten Thatsachen, welche gewöhnlich, weil dem Gefühle des Kulturmenschen zuwider, mit Stillschweigen übergangen werden, hielt ich nicht für unstatthaft, denn in der Völkerkunde gibt es nach des vortrefflichen Post Bemerkung die Frage gar nicht, ob irgend etwas gut oder böse, recht oder unrecht, wahr oder unwahr, schön oder unschön sei; sondern es gibt nur die Frage, ob irgend eine Anschauung im Völkerleben existiert, und weshalb sie existiert oder weshalb nicht, ohne dass der individuellen Wertschätzung einer solchen Sitte oder einer solchen Anschauung irgend ein Gewicht beigelegt wird. Rückhaltlos unterschreibe ich die Worte des Bremer Rechtsgelehrten, dem die Aufhellung der Geschichte der Familie schon so viel verdankt, und der da spricht: „Die individuelle Wertschätzung ist ein ganz schwankender Faktor, welcher jede streng wissenschaftliche Behandlung des ethnologischen Gebiets unmöglich macht. Sittliche Entrüstung des Ethnologen, dass ein Volk ehelos lebt, dass es dem Kannibalismus huldigt, dass es Menschenopfer bringt, dass es seine Verbrecher spiesst oder rädert oder seine Hexen und Zauberer verbrennt, trägt gar nichts zur Lösung ethnologischer Probleme bei; sie verwirrt nur den Kausalzusammenhang der ethnologischen Erscheinungen, dem der Ethnologe mit dem kalten Auge eines Anatomen nachzuspüren berufen ist. Wer imstande ist, von unsinnigen Sitten und unsinnigen Volksanschauungen zu sprechen, der ist für die ethnologische Forschung noch nicht reif.“[957]