[1155] A. Giraud-Teulon. Les origines de la famille. S. 218–231.
XXVIII.
Die Altfamilie.
Werfen wir einen Rückblick auf die zuletzt erörterten Gestaltungen des Familienwesens unter Vatergewalt, so ergiebt sich, dass wir es stets mit Verbänden zu thun hatten, die auf der Herrschaft beruhen. Gleichviel ob man es Sippe, Geschlecht, Gesamt- oder mit Lippert Altfamilie nenne, Joint-Family der Engländer, immer ist es eine solche, welche unter einer Herrengewalt „Kind und Kegel“, alle nicht aus dem Hause getretenen Verwandten und alle dem Hause zugehörigen Knechte umfasst. „Vater“ bedeutet in diesen Verbänden nichts anderes als „Herr“; es ist für das Wesen derselben gleichgültig, ob dieser „Vater“ mit vielen oder wenigen aus der Gruppe wirklich verwandt ist; wer die Herrschaft hat, ist Vater, Patriarch.[1156] Erst innerhalb dieser grösseren Gruppen, deren Mitgliederzahl in die Hunderte gehen kann, bildet sich allmählich der Begriff der jüngeren Sonderfamilie, der engeren Familie im heutigen Sinne. Wenn M. Lange sagt: „Der Staat ist aus der Familie erwachsen, indem die Familie auf natürliche Weise zum Geschlechte (Gens), das Geschlecht sich zum Stamme... erweiterte, bis durch die Vereinigung verschiedener Stämme das Bedürfnis einer positiv staatlichen Gestaltung der vorauszusetzenden patriarchalischen Zustände eintrat,“[1157] — so ist diese ziemlich allgemein angenommene Darstellung dem Gange der Dinge gerade entgegengesetzt. Unsere Familie ist nicht der Ausgangs-, sondern der bisherige Endpunkt der gesellschaftlichen Entwicklung. Die Auflösung der alten kopfreichen Verbände wird allerwärts, wie schon einmal bemerkt, durch die Vermehrung der Menschen eingeleitet, welche auch den Übergang vom Gemein- zum Sondereigentum notwendig machte. Unlösbar ist die Geschichte der Familie mit jener des Eigentums verflochten. So hängt denn Wahrung der alten Verbände oder Auflösung in Sonderfamilien vielfach mit den Beschäftigungen und Besitzverhältnissen zusammen. So wirkt z. B. der Ackerbau, dieser alte Boden des Matriarchats, zersetzend, das Nomadentum dagegen erhaltend auf die Sippe, den aristokratischen Geschlechtsverband.[1158] Auch politische Ursachen, besonders der Aufbau des Staates, führten, wie Fustel de Coulanges scharfsinnig nachgewiesen, zur Auflösung der Sippen. So lange jede derselben für sich lebte, konnte ihre Einheitlichkeit erhalten bleiben. Mit dem Aneinanderschliessen mehrerer Geschlechter zu einem staatlichen Ganzen trat notwendig Zerfall ein. Das Vorrecht der Erstgeburt, in dem ihre Einheitlichkeit wurzelte, verschwand, die einzelnen Glieder trennten sich, es kam zur Aufteilung des Gemeindebesitzes unter die Sonderfamilien. Jede von diesen hatte nunmehr ihren eigenen Bodenanteil, ihre eigene Heimstätte, besondere Interessen und ihre Unabhängigkeit. Singuli singulas familias incipiunt habere, sagt der lateinische Rechtsgelehrte. Aus jener Zeit stammt wohl auch die alte Redensart: familiam ducere, welche besagte, dass jemand aus der Gens schied, um einen eigenen Hausstand zu gründen. Die alte Gens, das Geschlecht, behielt dann bloss noch eine ideale, religiöse Geltung für diese abgetrennten Zweige.[1159]
Freilich schritt mit dem Erscheinen des Vaterrechts in den patriarchalisch geordneten Gruppen auch allmählich eine Umbildung der volkstümlichen Vorstellung von der Zeugungsphysiologie Hand in Hand, welche, wie wir wissen, ursprünglich das Kind lediglich der Mutter zuwies, eine Verwandtschaft des männlichen Erzeugers gar nicht zuliess. Aber auch noch im starren Patriarchate gehört das Kind durch das Band des Blutes zur Mutter, zum Vater nur nach dessen Herrschaftsrecht. Nach und nach änderte sich aber diese Auffassung und schlug sogar in ihr Gegenteil um. Mit der durch das Patriarchat verursachten Knechtung des Weibes entwickelte sich auch die Ansicht, dass die Natur der Frauen derjenigen der Männer untergeordnet, ja dass die Fortpflanzung des Geschlechts ausschliesslich Sache der Männer sei, da die Frauen dabei eine sehr untergeordnete Rolle spielen. Schon die Ägypter meinten, wie Diodor bezeugt, dass der Vater die einzige Ursache der Zeugung sei, die Mutter aber dem Kinde nur Nahrung und Aufenthalt gewähre. Die gleiche Vorstellung entwickelte sich bei den Indiern, Hebräern, Griechen und, allerdings erst später, bei den Römern. Ja, noch Thomas von Aquino (1225–1274) folgerte aus diesen Ansichten, dass dem Vater eine grössere Liebe als der Mutter gebühre. Gewann diese physiologische Vorstellung erst genügend Boden, so fiel mit ihr der Vaterbegriff nach zwei verschiedenen Seiten auseinander: neben den Vater der Herrschaft tritt ein Vater der Verwandtschaft.[1160] Damit musste auch ein neuartiger Familienbegriff entstehen; diesem Begriffe nach mussten innerhalb der Gesamtfamilie oder Sippe jüngere Familien genau so um den jedesmaligen Vater als den Erzeuger sich ordnen, wie sich solche einst vor Entstehung irgend einer Art von Vaterfamilie um die Mutter geordnet hatten.[1161]
Ein Trugschluss wäre es jedoch zu meinen, dass die Umbildung der physiologischen Vorstellungen die Auflösung der Sippenverbände veranlasst hätte. Zwar ist die Entstehung der Sonderfamilien so mannigfaltig, dass man sie nicht nur, wie Lippert bemerkt, bei jedem Volke, sondern auch wieder auf jeder Bildungsstufe desselben für sich verfolgen müsste, wollte man mehr als Allgemeines feststellen. Wie wenig aber die erwähnte Umbildung die treibende Ursache gewesen, geht daraus hervor, dass die Sonderfamilie ältester Form, wie wir sie aus Hellas und Rom kennen, noch nichts von jener Veränderung der physiologischen Begriffe verrät, sondern noch ganz im Rahmen der auch der Sippe eigenen Vorstellungen sich bewegt. Auch diese älteste Sonderfamilie, auf welche ich Lipperts Bezeichnung „Altfamilie“ beschränken möchte, ist noch immer lediglich auf das Besitz- und Herrschaftsverhältnis gegründet, zum Unterschiede von der später entstandenen Neufamilie der väterlichen Verwandtschaft. Das Wort „Familie“ selbst hat keine andere Bedeutung, als „Eigentum“; es bezeichnete das Feld, das Haus, das Vermögen, die Sklaven,[1162] weshalb auch das Zwölftafelgesetz vom Erben einfach sagt: familiam nancitor. Das griechische οἶκος aber giebt ohnehin keinen anderen Sinn als den von Eigentum oder Wohnung.[1163]
Die Altfamilie zeigt bei Griechen und Römern nicht in allen Stücken die nämlichen Züge.[1164] Jedes Volkstum schuf sich eben, wie dies stets geschieht, seine besonderen Formen. Was nun Hellas anbelangt, so muss man einen Unterschied machen zuerst zwischen der mythischen oder poetischen Epoche, dem sogenannten Heroenzeitalter, wie es in Homer sich abspiegelt und in den Trauerspielen sich fortsetzt, und dann der späteren geschichtlichen Zeit. Es ward schon an früherer Stelle betont, wie gerade in der älteren und roheren Zeit die Frauen unzweifelhaft eine höhere Stellung einnahmen, auch die Auffassung der Ehe eine sehr geläuterte war. Den Homerischen Menschen ist die Hausfrau noch durchaus nicht unterwürfige Dienerin und Lagergenossin des Mannes, sondern ihm gleichstehende Lebensgefährtin und in dem durch die Natur dem Weibe zugewiesenen Wirkungskreise ganz ebenso geachtet wie der Hausherr. Niemals sind auch jungfräuliche Keuschheit und eheliche Treue, die Zierden sowohl wie die Tugenden der vollkommensten Weiblichkeit, vortrefflicher dargestellt worden, als in den homerischen Gesängen, und wenn man sich auch gegenwärtig hält, dass die vorgeführten Gestalten dichterisch verklärt sind, so kann doch der Dichter unmöglich ganz zu seiner Zeit Undenkbares geschaffen haben. Ich meine die richtige Deutung dieser später abhanden gekommenen Wertschätzung des Weibes darin zu finden, dass sie eben noch ein Nachklang älterer, mutterrechtlicher Zustände in dem aufkommenden, aber noch nicht völlig entwickelten Patriarchate war. Denn zu gleicher Zeit war die Stellung der Frauen in vieler Hinsicht eine niedrige. Die Sitte, dem Vater der Braut ein Kaufgeld zu zahlen, herrschte allgemein. Die Männer scheinen auch dem Umgange mit Kebsinnen, ohne sich Zwang anzulegen, gehuldigt und in diesem Punkte geringen oder gar keinen Tadel erfahren zu haben, was deutlich schon auf patriarchalische Gepflogenheiten hinweist. Begeisterte Lobredner der Hellenen haben diese auch gepriesen wegen der Einführung der Einzelehe, welche von den ältesten Zeiten an der griechischen Gesittung ihre Überlegenheit über die ihr vorangegangenen asiatischen Zivilisationen gesichert habe. Wahr ist aber bloss, dass in Hellas nur eine Frau rechtliche Geltung hatte, und diesen Zustand hat man trotz der zahlreich gehaltenen Kebsweiber als monogamisch bezeichnet. In Wirklichkeit aber blieben die Griechen bei der Übergangsstufe der Unterscheidung einer ersten Frau von den Nebenfrauen stehen; zu einer Monogamie mit der Folge der gegenseitigen Beschränkung gelangten sie nie.[1165] Einer Kebsin Sohn zu sein, gereichte nicht zur Schande, war doch selbst Ulysses in dieser Lage.
In der nachtroischen, geschichtlichen Zeit Griechenlands erfuhr die Stellung des Weibes eine wesentliche Veränderung; dass dieselbe jedoch, wie häufig angenommen wird, eine plötzliche gewesen, dem widerspricht die erhaltene hellenische Litteratur durchaus. Die Wandlung vollzog sich vielmehr in gleichem Masse als die Mannesherrschaft in der Altfamilie sich befestigte. Auch begegnen wir einem auffallenden Unterschiede in der Erziehung und Stellung der Frauen bei den einzelnen, nach Sitten, Denk- und Mundart allerdings sehr verschiedenen Stämmen der Griechen, und namentlich sehen wir das Weib in Athen ganz anders aufgefasst als in Lakedämon. Das scheinbar Unvermittelte zwischen den Verhältnissen der heroischen und der geschichtlichen Zeit verliert auch seine Schroffheit durch die Erwägung, dass wir ja bei Homer fast gar keine Nachrichten über die Zustände in den mittleren und unteren Volksschichten erfahren. Zudem musste der Unterschied zwischen den beiden Geschlechtern um so schärfer hervortreten, je mehr deren Interessen auseinander gingen.