VIII.
Der Geschlechtsverkehr in der Urzeit.
Zweifellos hat von allem Anfange an der Mensch zu den geselligen Geschöpfen gehört. Sind doch gerade diese Triebe bei seinen nächsten Verwandten im Tierreiche besonders stark entwickelt. Wohl darf man daher schon den sprachlosen Urmenschen zu Herden vereinigt denken, die bei dem Mangel natürlicher Waffen in der Eintracht ihre Stärke suchten,[222] wie ja auch die Vierhänder thun. Lange über die Periode der Sprachlosigkeit hinaus mochte der nur langsam von Errungenschaft zu Errungenschaft sich forttastende Urmensch ausschliesslich in den Banden gröbster Sinnlichkeit liegen, während die seelischen Prozesse, welche das höher gestiegene Menschentum bewegen, zuerst gar nicht vorhanden waren und später noch, bei ihrer sehr allmählichen Entwicklung, bloss eine höchst untergeordnete Rolle spielten. Und dies trifft selbst heute noch zu bei ganz niedrigen Rassen, welche thatsächlich in ordnungs- und zusammenhangslosen Haufen oder Horden leben, wie die südamerikanischen Pescheräh. Von einer Gliederung in Sippen oder Stämme ist auf urzeitlicher Stufe nichts zu bemerken, noch viel weniger Spuren von dem, was wir mit einem fremden Worte und im weitesten, noch unbestimmtesten Sinne die „Familie“ nennen. Ein Bedürfnis, eine Veranlassung zur Bildung einer Familie besteht für den einzelnen nicht, und auch die Gesellschaft hat noch keinen Anlass, auf jene hinzuleiten. Keiner hat etwas, das er den Kindern mitteilen könnte; er besitzt weder ein geistiges, noch ein materielles Eigentum, das er den Seinen vererben möchte. Alle sind gleich, alles ist gemeinsam; die Horde bildet eine in sich völlig gleichförmige Einheit, sie ist selber die Familie, die in ihrem Innern noch keine besonderen Trennungen erträgt.[223] Natürlich wäre es ein schwerer Irrtum, wollte man darunter etwas auch nur im Entferntesten den dermaligen Vorstellungen von der Familie Annäherndes verstehen. Es beruht auf einem beklagenswerten Mangel an sprachlichen Unterscheidungen, dass man genötigt ist, mit dem nämlichen Worte zwei einander nicht im mindesten denkende Begriffe zu bezeichnen.
In den Geschlechtsgenossenschaften der Urzeit, wie man nach dem Vorgange Albert Posts[224] die ältesten Menschenvereinigungen nennen kann, hat die Familie in unserem Sinne also nicht bestanden und konnte auch nicht bestehen. Auch die mosaische Überlieferung, welche in die Urzeiten zurückführt, weiss nichts von der Familie. Nirgends meldet die Bibel, dass die vorsintflutlichen Menschen Familien gebildet hätten. Gen. 4 und 5 geben allerdings Geschlechtsregister, die aber keineswegs unsere Familie zwingend voraussetzen. Ebensowenig ist darin von der „Ehe“, noch welcher Art diese gewesen, die Rede. Auch diese hat es in den Urzeiten nicht gegeben. Durchaus zutreffend sondert Lippert scharf die Paarung oder den Geschlechtsverkehr von der Ehe als Gesellschaftsform im engsten Sinne; der Geschlechtsverkehr beruht auf einem Antriebe des allerursprünglichsten Instinktes und hat daher seit jeher stattgefunden; die Ehe als Grundlage der Familienorganisation welcher Art immer ist eine Schöpfung gesellschaftlicher Fürsorge, wie sie die Urzeit noch nicht kannte. Beide, Paarung und Ehe, stehen nach Entstehung und Zweck weit auseinander.[225] Der folgenschweren Verwechslung dieser beiden Begriffe scheint sogar Darwin nicht entronnen zu sein, insofern er davon spricht, dass in der Urzeit „alle Erwachsenen sich verheiratet oder gepaart haben“ werden.[226] Letzteres ist sicher, ersteres aber um so weniger, als sogar im heutigen Kreise grösster Kulturarmut die Ehe fast unbekannt und nur die Paarung unter den Schutz gewisser, oft sehr wenig drückender Sitten gestellt ist. Die nämliche Verwechslung der Begriffe „Geschlechtsverkehr“ und „Ehe“ begeht auch Dr. Wilhelm Schneider, der doch „Missverständnisse“ und „Missdeutungen“ in der Völkerkunde beseitigen will. Nur indem er beides vermengt, kann er versuchen, die Ehe als eine allgemeine Einrichtung (göttlichen Ursprungs) zu verteidigen.
Mag man übrigens betreffs der lebenden Rassen sich zu dieser Frage stellen wie man wolle, für die Urzeit kommt wohl nur der Geschlechtsverkehr in Betracht. Wie hat sich dieser gestaltet, das ist die Frage. Selbstredend waren viele Verhältnisse, in denen der Urmensch lebte, verschieden von denen, welche jetzt bei Wilden anzutreffen sind. Nach Analogie mit niederen Tieren, urteilt Darwin, dürfte er damals entweder mit einem einzigen Weibe oder als Polygamist gelebt haben.[227] Der britische Forscher stützt diese seine Ansicht auf die Lebensgewohnheiten der Vierhänder, die allerdings in einem ungemein weit gespannten Rahmen sich bewegen und dabei der freiesten Auffassung Spielraum gönnen. Beachtenswert ist indes, dass gerade die menschenähnlichsten unter ihnen, die Troglodytes-Arten, welche sich auch durch den Bau eines künstlichen Obdaches uns nähern, in grösserer „Sittenreinheit“ glänzen. Dass sich auch bei anderen Tieren strenge Paarung findet, ist schon an gehöriger Stelle erwähnt. Mit Unrecht werden aber zu diesen auch Huftiere und Wiederkäuer gezählt, welche in Rudeln oder Herden leben und damit den urzeitlichen Geschlechtsgenossenschaften sozial ziemlich nahe stehen. Dieserhalb und aus verschiedenen andern Gründen hat eine nicht unbeträchtliche Reihe angesehener Forscher geschlossen, dass Weibergemeinschaft, allgemeine Vermischung, oder Promiskuität, die urwüchsigste Form des Geschlechtsverkehres gewesen sei. Alle Weiber einer Horde seien Gemeingut aller Männer gewesen. J. J. Bachofen, dem trotz mannigfacher Irrtümer das unbestreitbare Verdienst gebührt, die schwierige Frage der Ehe- und Familienentstehung zuerst beleuchtet zu haben,[228] hat für den „hässlichen Gedanken“,[229] wie Peschel ihn nannte, die Bezeichnung „Hetärismus“ vorgeschlagen. Trotz der gegen diesen Ausdruck vorgebrachten, nicht ungegründeten Bedenken[230] würde derselbe indes, meines Dafürhaltens, noch weitaus jenem der „Gemeinschaftsehe“ (Communal marriage) vorzuziehen sein, welchen der verdiente Erforscher der Urzeit, Sir John Lubbock, dafür gewählt hat.[231] Er scheint mir ganz besonders deshalb unzutreffend, weil er durch die Herbeiziehung des Wortes „Ehe“ die Vorstellung erweckt, als ob irgend etwas wie eine Ehe, wenn auch in schnödester Ausdehnung des Begriffes, ursprünglich existiert habe.
Obwohl Darwin zugiebt, „dass eine beinahe allgemeine Vermischung einmal äusserst verbreitet auf der ganzen Erde war,“[232] so scheint ihm doch allgemeine Vermischung der Geschlechter im Naturzustande äusserst unwahrscheinlich, ganz besonders nach dem, was wir von der Eifersucht aller männlichen Säugetiere wissen.[233] Ganz abgesehen von der grossen Schar der durch dogmatische Anschauungen mehr oder weniger beeinflussten Gelehrten, hat aber auch Karl Kautsky, dem wir ein scharfsinniges Werk über Volksvermehrung verdanken, die Weibergemeinschaft verworfen und als urwüchsigste Form des Geschlechtsverkehrs die Monogamie erklärt, wofür er den Grund in der ursprünglichen Gleichheit zwischen Mann und Weib sucht.[234] Dabei ist jedoch, wie er selbst sofort beifügt, an Ehen in unserem Sinne nicht zu denken. Sowie die Geschlechtsverbindungen im Urzustande formlos eingegangen wurden, so waren sie auch ohne Umstände jederzeit wieder löslich und zwar sehr leicht löslich. Solche Verbindungen nennt Kautsky hetäristische, seine Monogamie fällt also mit Hetärismus zusammen und solche Bündnisse als Monogamie zu bezeichnen, scheint mir ebenso unstatthaft als die Bezeichnung derselben als Ehen, wie seitens Kautskys geschieht. Derselbe trägt auch dem Liebemangel der Urzeit viel zu wenig Rechnung oder vielmehr er schlägt, wie ich glaube, die zarteren Regungen jener Urmenschen viel zu hoch an, wenn er ihre geschlechtlichen Vereinigungen den Freundschaftsbündnissen unserer Tage gleich erachtet. Freundschaftsbündnisse sind allerdings nicht unlöslich, aber doch ihrer Natur nach nicht leicht löslich, weil sie eben sonst keine Freundschaftsbündnisse wären. Erwägt man, dass der Eifersucht der männlichen Individuen deren unbestreitbaren und stark ausgeprägten polygamen Triebe gegenüberstehen, welche weder Darwin noch Kautsky und andere genügend berücksichtigen, so wird man weniger geneigt sein, Kautskys idealerer Auffassung des Hetärismus zuzustimmen. Für eine ursprüngliche Ungebundenheit des Geschlechtsverkehrs beim Urmenschen (Promiskuität) sprechen sich auch die Mehrzahl der mit dem Gegenstande vertrauten Forscher aus, unter andern der in Deutschland noch so gut wie unbekannt gebliebene Niederländer G. A. Wilken,[235] dessen Arbeiten ich einen grösseren Wert als allen übrigen zuerkennen muss, weil er von allen „Urstandsphilosophen“, wie Dr. Schneider sie spöttisch nennt, der einzige ist, dem ein jahrelanger Aufenthalt und genaue persönliche Beobachtungen inmitten barbarischer Völkerschaften zur Seite stehen. Freilich, eine schrankenlose Vermischung, wie sie etwa Sir John Lubbock und schon vor ihm Mc Lennan, Bachofen und Morgan annahmen, wonach jeder Mann physische Rechte über alle Weiber gehabt hätte, jedes Weib dem Manne unterschiedslos zu Willen gewesen wäre, eine solche Vermischung hat gewiss niemals bestanden. Dem widerspricht schon das Beispiel der Herdentiere, das Vorbild der urzeitlichen Geschlechtsgenossenschaften. Niemals findet da Verkehr zwischen den Gliedern verschiedener Herden statt, und wenn dies ausnahmsweise geschieht, so wird der abtrünnige Teil durch Ausstossen aus der Herdengemeinschaft bestraft. Der Hetärismus war also sicherlich auch beim Urmenschen zunächst auf die eigene Geschlechtsgenossenschaft beschränkt, und diese müssen wir uns anfänglich als ziemlich wenig zahlreich denken. Obendrein verhielten sich die einzelnen Herden, wie dies der Kampf ums Dasein eben mit sich bringt, meist feindlich gegen einander. Die Paarung konnte also nur innerhalb der Geschlechtsgenossenschaft und auf friedlichem Wege vor sich gehen. Darwin und Kautsky, deren Anschauung auch Mantegazza sich anschliesst, haben also unzweifelhaft Recht, die angebliche Weibergemeinschaft der Urzeit zu verwerfen, denn in einer menschlichen Gesellschaft konnte sie nie als dauernder Zustand existieren.[236] Ursprünglich, d. h. von Natur aus war das Weib sicher nicht Sklavin, sondern wenn auch der körperlich schwächere Teil, doch die freie Genossin des Mannes, der um ihre Gunst buhlen musste,[237] wie überall in der Natur. Wahr, der innere Trieb ist fast bei allen Männern der Erde polygam und fast bei allen Weibern polyandrisch;[238] immerhin lässt der urzeitliche Hetärismus nicht anders sich auffassen, als dass einfach noch keine Normen aufgestellt waren, welche das Paaren regeln sollten, dieses vielmehr ausschliesslich von dem Willen der betreffenden Individuen während der Herrschaft dieser Gesellschaftsform abhing. Schon vor Kautsky hat M. Kulischer in Kijew, dem wir wertvolle Untersuchungen über die geschlechtlichen Urzustände verdanken, wahrscheinlich gemacht, dass die Zeitdauer des Zusammenlebens zweier Individuen unbestimmt war, dass dasselbe nach Belieben gelöst und von denselben Personen mit andern aus der nämlichen Gemeinschaft aufgenommen werden konnte.[239]
Derart umgrenzt und eingeschränkt verliert die Ungebundenheit der Urzeit sehr viel von dem gesitteten Begriffe des Widerwärtigen, wogegen so heftig die Milch frommer Denkungsart eifert. Eine weitere Einengung erfährt dieselbe dadurch, dass das Paaren, wie Kulischers Ausführungen ungemein glaubhaft erscheinen lassen, nur zu einer gewissen Zeit im Jahre stattfand.[240] Nicht wie später erstreckte sich dasselbe auf alle Zeiten des Jahres; wenn auch der Urmensch gleich uns das menschliche Vorrecht gehabt haben mag, in jedem Klima und jeder Jahreszeit seine Lust befriedigen zu können, so stellte sich der Paarungstrieb doch vornehmlich in jener Zeit ein, als er auch in der Tierwelt erwacht, nämlich im Frühjahre und zur Erntezeit. Vielleicht klingt eine Erinnerung an jene entfernten, längst entschwundenen Zustände in der hellenischen Sage von den Amazonen nach, welche der Erhaltung ihres mythischen Staates wegen nur im Frühjahre mit den Männern der Nachbarländer Umgang pflogen. Bei einzelnen Völkern hat sich die Sitte der Paarung im Frühlinge und zur Erntezeit sogar noch bis in unsere Tage bewahrt, und auch wo sie untergegangen, weisen mitunter symbolische Handlungen auf jenen Urzustand zurück. Dies hat Kulischer sogar für vorgerücktere Zeiten bei den gesitteten Nationen unseres Erdteiles sehr schön nachgewiesen.[241] Sicher ist auch, dass wir mitten im Kulturbereiche, ebenso wie die Menschen der vormetallischen Zeit, den Stachel der Sinne im Frühjahre und Sommer schärfer empfinden,[242] und statistische Erhebungen lassen darüber keinen Zweifel, dass eben um diese Zeiten der Paarungstrieb am stärksten thätig ist. Um wie viel mehr erst in der Urzeit, als der Mensch der Tierwelt noch um so viel näher gerückt war! Wie in dieser war die Paarung damals kein Geheimnis, die ganze Geschlechtsgenossenschaft vollzog sie öffentlich, aber nur in den gedachten Zeiten. Man sieht, wenn auch bei noch fehlender Zügelung durch geistige Thätigkeit in den Banden grösster Sinnlichkeit gefangen, frönte der Urmensch nicht etwa heftiger oder leidenschaftlicher dem erotischen Triebe als seine fortgeschritteneren Nachkommen. Eine Verstärkung dieser Ansicht läge in meiner Vermutung, wonach dem Urmenschen bei gröber organisiertem Nervensystem auch die physischen Freuden geschlechtlicher Umarmungen in bescheidenerem Grade zugemessen waren. Giebt es doch in der Gegenwart Völker, welche, wenigstens weiblichen Teils, nur geringen Hang zu erotischen Genüssen haben, wie z. B. die im Geschlechtsakte phlegmatischen Karibinnen,[243] ja die sich sogar unendlich kalt und eisig bezeigen, wie nach Dr. Otto Finschs Mitteilungen die Frauen und Mädchen auf der Karolineninsel Ponape.[244] Dem Manne der Urzeit konnte hinwieder das Weib, körperlich wie physisch von ihm wenig differenziert, ihm ähnlicher, nicht anders begehrenswert erscheinen als in dem, was jede gewähren konnte, während auch dem Weibe, dessen Urtrieb es ohnehin im allgemeinen unwiderstehlich zum Gewöhnlichen, zum Dutzendmenschen hinzieht, ein besonderes männliches Individuum kaum beglückenswerter erscheinen mochte, als ein anderes, sofern nicht Gesundheit und Körperkraft in Frage kamen. Zu gleichem Ergebnisse gelangt wohl auch Darwin in Bezug auf die Urzeit. „Wenn,“ so sagt er, „den Frauen ebenso wie den Männern gestattet wurde, irgend welche Wahl auszuüben, so werden beide Geschlechter sich ihren Gatten gewählt haben, und zwar nicht um geistige Reize oder grossen Besitz oder soziale Stellung, sondern beinahe einzig und allein der äusseren Erscheinung nach.“[245] Der grosse britische Forscher, der alle seine bisherigen Gegner um Haupteslänge überragt, urteilt weiter, dass in der Urzeit alle Bedingungen für geschlechtliche Zuchtwahl viel günstiger gewesen sein dürften, wie in einer späteren Periode, als der Mensch, in seinem geistigen Vermögen vorgeschritten, aber in seinen Instinkten zurückgegangen war.[246]
Aus dem Gesagten lässt sich, denke ich, schliessen, dass es nicht gut angeht, monogame Zustände an der Wiege unseres Geschlechts vorauszusetzen, nicht einmal wenn man sie mit Kautsky zu „hetäristischen Ehen“ abschwächt, ebensowenig einfache Vielweiberei, wenn darunter die mehr oder weniger geregelte Polygamie der Gegenwart verstanden wird. Was Platz griff, war wohl ungeregelte Polygamie, welche aber ziemlich naturgemäss Polyandrie nach sich zieht und aus dieser Vermischung jenen ehelosen Geschlechtsverkehr schuf, für welchen noch die richtige Benennung fehlt. Das Wort „Hetärismus“ brandmarkt den „ausserehelichen“ Verkehr der Geschlechter. Von solchem kann man aber nicht reden, so lange es noch keine „Ehe“ giebt. Versteht man unter „Ehe“ mit Professor Friedrich Ratzel „das stillschweigende oder vertragsmässig formulierte Übereinkommen zwischen Mann und Weib, einen gemeinsamen Hausstand zu begründen und in demselben ihre Kinder aufzuziehen“,[247] so ist sogar innerhalb dieser weiten Grenzen in der Urzeit davon keine Rede. Mit Recht besteht daher Lippert darauf, dass der Name „Ehe“ in dem angedeuteten Sinne einer jüngeren gesellschaftlichen Schöpfung vorbehalten bleibe.[248] So müssen wir denn ehelose Geschlechtsgenossenschaften für die ältesten geselligen Menschenvereinigungen halten, in welchen, wie sich von selbst ergiebt, man weder von Blutschande noch von Keuschheit wusste. Auch diese beiden Begriffe gehören einem jüngeren Zeitalter an. Dass den Ehezeiten eine solche Periode grösserer Ungebundenheit, wenn auch keineswegs schrankenloser Vermischung, voranschritt, leuchtet wohl auch durch die Worte der Bibel hindurch, wo es heisst: „Da sahen die Kinder Gottes nach den Töchtern der Menschen, wie sie schön waren, und nahmen zu Weibern, welche sie wollten.“[249]
Nirgends mehr in unseren Tagen trifft man eine völlige Ungebundenheit als Grundlage einer Gesellschaft oder als tägliche Gewohnheit in den geschlechtlichen Beziehungen, selbst nicht auf den niedersten Staffeln der menschlichen Stufenleiter. Dürften wir indes geschichtlichen Nachrichten trauen, so hätte es im Altertume an Völkern nicht gefehlt, welche in gänzlicher Vermischung lebten, und bei welchen die Weiber einen Gemeinbesitz des Stammes bildeten. Strabo erzählt dies von den Massageten und den afrikanischen Troglodyten, was Diodor von Sizilien bestätigt; Mela, Plinius, Solinus und Martianus Capella von den Garamanten, Xenophon endlich von den Mösinöken, welche den Kriegern des Kyros durch die Öffentlichkeit ihrer Umarmungen Ärgernis gaben. Nikolaus von Damaskus bezeugt die Weibergemeinschaft bei den Liburnern und den Galaktophagen. Sextus Empirius behauptet das Nämliche von einigen indischen Stämmen, ohne jedoch deren Namen zu nennen. Von den Mäaten berichtet Dio Cassius, dass sie ebenfalls ihre Frauen in Gemeinschaft besassen und alle Kinder gemeinschaftlich auferziehen liessen.[250] Die Agathyrsen, die südlichen Nachbarn der Skythen, lebten, alles nach Herodot, mit den Weibern insgemein, damit sie alle Brüder untereinander seien und als Verwandte keiner wider den andern Neid oder Feindschaft hegten.[251] Von den Nasamonen berichtet der nämliche Herodot: „Weiber hat jeder in grosser Zahl, aber den Umgang mit ihnen pflegen alle Männer insgemein. Wer zu einer Frau will, der stellt seinen Stab vor ihre Thüre und wohnt ihr bei, ähnlich wie bei den Massageten. Freiet ein Nasamone sein erstes Weib, so ist es Brauch, dass sich die junge Frau in der ersten Nacht allen Hochzeitsgästen der Reihe nach hingiebt und jeder der ihr beiwohnt, giebt ihr ein mitgebrachtes Geschenk.“[252] Und von den äthiopischen Ausern am Tritonissee sagt er gar: „Die Weiber sind alle gemein; Ehen kennen sie nicht, sondern sie kommen zusammen, wie das Vieh. Hat ein Weib ihr Kind aufgenährt, so kommen im dritten Monat hernach die Männer zusammen, und welchem Manne das Kind ähnlich sieht, der gilt für den Vater.“[253] Bei aller Ehrfurcht vor dem Vater der Geschichte möchte ich diese Angaben, so bestimmt sie auch klingen, doch durchaus nicht an sich für beweiskräftig erklären, denn Völkerkunde ist niemals die starke Seite der Alten gewesen und wenn wir uns vergegenwärtigen, welch unsinnige Fabeln noch vor wenigen Jahrhunderten über entfernte Völker bei uns in Umlauf waren, so dürfen wir dies den Alten um so weniger verargen; dafür haben wir das Recht, ihnen gegenüber misstrauisch zu sein, zumal ihre Berichte ausnahmslos solchen Völkern gelten, welche am äussersten Rande der damals bekannten Erde, abseits vom Weltgetriebe standen.
Haben wir die schrankenlose Vermischung schon für die Urzeit als unglaubwürdig zurückgewiesen, so wäre es selbstredend vergeblich, um Beispiele derselben im heutigen Kreise der kulturarmen Menschheit sich umzusehen. Immerhin kennt die letztere Verhältnisse, Zustände und Sitten, welche die urzeitliche Ehelosigkeit sehr nahe streifen. Unter dem Einflusse einer dem Glaubensbedürfnisse zugänglicheren Zeitströmung hat sich indessen in Deutschland neuerdings eine Ethnologenschule aufgethan, welche die Benutzung dieser Fingerzeige verwehren will und es als leichtsinnig und unwissenschaftlich erklärt, von den heutigen Wilden auf den Urmenschen zu schliessen. Diese Schule merkt nicht, dass sie im Grunde ganz das Nämliche thut, indem sie sich bestrebt, von den Barbaren der Jetztzeit jeden Makel möglichst zu entfernen, dort aber, wo dies unthunlich, für eine örtliche Verirrung auszugeben, welche eben keine Schlüsse zulässt. Auch die sogenannten „Rudimente in Brauch und Sitte“, sowie die „Nachklänge in Mythe und Sage“ sollen nichts beweisen, da sich die Entstehung derselben vielfach recht wohl auf andere Weise erklären lasse. Uns diese andere Erklärung mitzuteilen, damit befassten sich diese Völkerkundigen nicht; sie sind mit dem Reinwaschen, mit dem Emporziehen ihrer Pfleglinge, der Wilden und Halbwilden, vollauf beschäftigt. So stehen denn den älteren Angaben über Barbarei, Grausamkeit, Hartherzigkeit, Sinnenlust und Unkultur für ein und das nämliche Volk aus neuerer Zeit Zeugnisse von Milde, Liebesgefühlen, Enthaltsamkeit, Treue und Sittsamkeit, kurz einer bunten Musterkarte aller Tugenden entgegen. Die älteren und auch die ungünstig lautenden Berichte Neuerer beruhen eben auf ungenauen Beobachtungen, so sagt man, ohne für die Richtigkeit der widersprechenden Angaben die geringste Bürgschaft zu bieten. Sie bezwecken insgesamt, die Ungesitteten der Gegenwart in unserer Achtung zu heben, weil ganz unabwendbar ein günstigerer Rückschluss auf ihre vorgeschichtlichen Vorgänger damit verknüpft ist und der Abstand, welcher diese von ihren tierischen Anfängen trennt, immer mehr vergrössert wird, was schliesslich des Pudels Kern ist. Die Weisen dieser Schule verzichten damit allerdings auf jegliche vernunftgemässe Erklärung der Kulturerscheinungen, sie begnügen sich — anspruchslos wie sie überhaupt auch in der Auffassung und Deutung der physischen und geistigen Thätigkeitsäusserungen beim Wilden sind — mit der einfachen Feststellung ihrer Beobachtungen und suchen Trost dafür in der Ansicht, dass alles andere „Spekulation“, „gelehrte Dichtung“, wenn nicht gar Märchen und daher unwissenschaftlich sei. Übersehen wird dabei bloss, dass schon aus Scheffels nach den Quellen herausgearbeitetem Roman Ekkehard ein viel plastischeres Kulturbild des zehnten Jahrhunderts gewonnen wird, als aus so manchem gelehrten Geschichtswerke.