Unbeirrt durch das angedeutete Getriebe stelle ich im folgenden einige der bemerkenswertesten einschlägigen Sitten oder „Unsitten“ Kulturarmer zusammen, es dem geneigten Leser überlassend, ob und welche Schlüsse er daraus ableiten will.
Ich wende mich zunächst nach jenem Erdteile, welcher seiner Entdeckung nach der jüngste, doch in Wahrheit als einer der ältesten zu betrachten ist, denn wir haben ihn als eine versinkende Weltinsel im Gewande der Tertiärzeit uns zu denken, als einen Erdraum, dessen Geschöpfe noch die Trachten der geologischen Vorzeit nicht abgelegt haben, da die Beuteltiere Mode waren. Wo immer Australien von europäischen Wanderern betreten wurde, begegneten sie Eingebornen oder ihren Spuren. Diese Bewohner des australischen Festlandes, samt den Küsteninseln und Tasmanien, bilden nun — so wird allgemein angenommen — ihrer Körpermerkmale wegen eine scharf abgesonderte Menschengruppe, welche als Verwandte den Papuanen, nicht den afrikanischen Negern am nächsten steht,[254] wie Robert Hartmann meint. An der Rasseneinheit der Australier halten die meisten Forscher[255] fest, wiewohl sie zugeben, dass zwischen den einzelnen Stämmen grosse Unterschiede in Körperbau wie in Gesittung stattfinden und die Berührungen, welche der Nordrand des Festlandes seit geraumer Zeit mit andern Völkerstämmen hatte, nicht ohne Einfluss auf die dortigen Bewohner geblieben sind.[256] Dr. Paul Topinard hat es dagegen ungemein wahrscheinlich gemacht, dass es in Australien zwei Rassen gebe.[257] Sei dem wie ihm wolle, jedenfalls darf man mit Recht die heutigen Australier für die ältesten Menschen erklären, für die Überbleibsel einer uralten und ganz besonderen Rasse, und in dieser sind wieder die westlichen Stämme den ersten Anfängen der menschlichen Gesittung am nächsten geblieben, somit die ältesten Australier.[258] Ihnen folgen dem Alter nach die Südaustralier, während die Bewohner der Nordhälfte wohl am spätesten den Boden des Kontinents betreten haben. Dort, besonders im hohen Norden der Kolonie Queensland, finden sich heute die Eingeborenen noch am zahlreichsten, dann von dort gegen die Flüsse Darling und Murray hinunter, von wo sie öfters in kleinen Horden zwischen den grossen, von den Europäern bewohnten Länderstrichen umherziehen. Kulturgeschichtlich müssen indessen gerade diese jüngsten unter den Australiern nebst jenen des Westens für die altertümlichsten gelten, denn im Süden sind die Eingebornen zum grössten Teile ausgerottet, ihre spärlichen Überbleibsel aber durch die mannigfachen Berührungen mit den Weissen ihrem Urzustande entfremdet worden. Es ist demnach ganz unzulässig zu generalisieren und von „Australiern“ im allgemeinen zu sprechen, wie zumeist geschieht, denn es herrschen bei den verschiedenen Stämmen die widersprechendsten Sitten, welche die grellen Abweichungen in den Urteilen der Beobachter begreiflich machen. Dank denselben werden die Australier nicht ohne Erfolg gerade so geschildert, wie man ihrer jeweils bedarf. Wert besitzen aber bloss jene Angaben, die sich auf bestimmte Stämme oder Landstriche beziehen. Im allgemeinen befestigen auch die rohesten der australischen Stämme, welche von europäischen Einflüssen noch unberührt geblieben, uns in der Überzeugung, dass die Stufe der Urzeit schon weit hinter ihnen liegt. Immerhin ist es bezeichnend, dass die Paarung meist während der wärmeren Jahreszeit, wo die von der Natur dargebotene Nahrung in reichlicher Fülle vorhanden und der Körper zu wollüstigen Regungen gestimmt ist, zu geschehen pflegt und auch in vielen Fällen auf jene Jahreszeit beschränkt bleibt.[259] Einzelne Stämme, wie die Watschandi am Murchisonstrome in Westaustralien, feiern dann ein grosses Fest, das „Kaoro“, das in Orgien ausartet. Die Männer umtanzen höchst unflätig eine Grube, die Gebüsch umgiebt, springen mit geschwungenen Speeren[260] und wilden, leidenschaftlichen Gebärden, welche ihre erregte Sinnlichkeit verraten, umher und stossen die Speere in die Grube unter Absingung des Liedes:
Pulli nira, pulli nira,
Pulli nira, wataka.[261]
Ein Seitenstück zu diesem Tanze der Watschandi besitzen die Eingebornen des St. Vincentgolfes in Südaustralien.[262] Augustus Oldfield, welcher den Stämmen Westaustraliens sein besonderes Augenmerk zugewandt hat,[263] bemerkt, dass der Geschlechtsverkehr der Watschandi z. B. sich wenig über ein tierisches Beisammensein erhebe. Nebenbei bemerkt, erinnern auch Art und Weise der Paarung an sehr niedrige Zustände,[264] doch herrscht darin grosse Verschiedenheit unter den Stämmen Australiens.[265] M’Combie beschuldigt auch die Wilden im Innern der, übrigens weit ins Land greifenden, Kolonie Neusüdwales fast völliger geschlechtlicher Ungebundenheit.[266]
Die meisten Stämme der australischen Urbewohner befinden sich heute auf einer Stufe des Geschlechtsverkehrs, welche auch sonst gar häufig wiederkehrt. Sie kennen nämlich schon den Besitz bestimmter Weiber, für deren Wahl strenge Gewohnheitsgesetze bestehen und von welchen auch Treue gefordert wird, während die Jugend völlig ungebunden ist und weder Mädchen noch Witwen Keuschheit auferlegt wird, da sie gar nicht als Tugend gilt. Wer nicht absichtlich auf jede logische Erklärung verzichtet, wird nicht umhin können, in diesen Verhältnissen Spuren einstiger Schrankenlosigkeit zu erblicken. Wäre jemals in der Urzeit Keuschheit als eine Tugend angesehen worden und allgemein herrschend gewesen, wie es die Anhänger der Lehre vom Sündenfalle annehmen müssen, so liesse sich platterdings nicht erklären, wie dieselbe für den einen, sehr starken Bruchteil der Gesellschaft ihren Wert verloren, für den andern, schwächeren, behalten haben sollte. So weit die Leuchte der Geschichte der Zeiten Nacht erhellt, sehen wir stets das Besondere aus dem Allgemeinen hervorgehen. Und ist es nicht eine geradezu widersinnige Annahme, dass der Mensch von allem Urbeginn her eine Tugend besessen habe, die ihm die Bändigung eines der mächtigsten aller Triebe, gerade jenes Triebes zur Pflicht macht, auf dem die Erhaltung seines Geschlechts beruht? Die nämliche Logik könnte den alten Adam mit der Kraft ausstatten, seinem Hunger zu gebieten, was doch noch niemandem beigefallen ist. Wenn das Beispiel aller Völker ausnahmslos lehrt, dass der Mensch, wie natürlich, seinen ursprünglichen Instinkten desto freier folgt, je gesittungsärmer er ist, und umgekehrt die mit der zunehmenden Kultur schritthaltende Lebensfürsorge jüngere gesellschaftliche Instinkte zeitigt, welche erstere zu zügeln bestimmt sind, so ist es doch wahrlich aller Logik bar, einen umgekehrten Verlauf der Dinge vorauszusetzen. Bis auf weiteres, d. h. so lange nicht die Wahrscheinlichkeit urzeitlicher Vollkommenheit des Menschen mit streng logischen Gründen gestützt wird, halte ich die Annahme berechtigt, dass die Keuschheit eine allmähliche Kulturerrungenschaft ist, an welcher die Wilden keinen oder nur einen sehr schwachen Anteil haben. Dort wo dieselbe, wie in Australien, nur auf einen Teil der Gesellschaft beschränkt ist, verdient sie überhaupt noch kaum diesen Namen. Man verwechselt nämlich Treue mit Keuschheit. Keuschheit (Castitas) ist eine in der Kulturwelt durch langandauernde Vererbung gehäufter Selbstbeherrschung gewonnene Eigenschaft, die infolge dessen gewissermassen reflexiv sich äussert; Treue kann aber erzwungen werden, also auch ohne Keuschheit vorhanden sein. Und so verhält es sich auch in der That sowohl in Australien als anderwärts. Obwohl willig zugestanden werden soll, dass vereinzelte Beispiele von Liebe auch in Australien vorkommen, so ist es doch in der Regel durchaus nicht diese, welche dem Manne das Weib gewinnt. Solches erwirbt er zumeist durch rohe Gewalt, durch Tausch oder Kauf, und die Behandlung, die er ihr angedeihen lässt, unglaubliche Roheit, gepaart mit tiefster Verachtung, ist nicht geeignet, im Weibe zärtliche Gefühle für den Gatten — dies Wort gebraucht im physischen Sinne — zu erwecken. Wenngleich dies dennoch öfter geschieht, als man vermuten sollte, so stimmen doch alle Beobachter darin überein, dass die Treue nicht unter die Tugenden der Australierinnen zählt, wenn sie auch strenge gefordert wird. Oft genug geschieht es, dass während der Gatte mit seinen Freunden beim Feuer sitzt und arglos dem Gelage sich hingiebt, auf ein Gewisper oder ein anderes Zeichen, welches aus dem Gebüsche herübertönt, das Weib unter irgend einem Vorwande sich entfernt, um dort mit einem jungen Galan dem Genusse einiger seligen Augenblicke sich hinzugeben.[267] Der Treubruch wird freilich blutig gerächt, d. h. mit dem Tode, der an den Schuldigen meist von den eigenen nächsten Verwandten vollzogen wird,[268] denn die Männer sind angeblich meist erstaunlich eifersüchtig und haben, je älter sie sind, um so mehr Grund dazu. Nur muss man sich hüten, in der Liebe den Grund zu dieser Eifersucht zu suchen, wie dies gar zu gerne geschieht. Diese Eiferfurcht, wenn man sie überhaupt mit diesem Namen bezeichnen darf, entspringt lediglich dem Gefühle des Besitzes. Tausende von Beispielen sprechen dafür, dass dem Wilden das Weib eine einfache Sache des Besitzes ist; jeder Besitz aber macht eifersüchtig auf die Erhaltung desselben. Der Treubruch ist eine offenkundige Verletzung des Eigentumsrechtes, welches der Mann am Weibe durch Gewalt oder Vertrag erworben hat, und wird als solcher geahndet. Beweis dafür, dass öfters Männer, welche mehrere Weiber besitzen, einem unbeweibten Freunde eines derselben abgeben, ja dass in Victoria die Männer ihre Weiber für eine bestimmte Zeit wechseln. Dies nennen sie Be-ama. Es giebt Fälle, in welcher diese Frist einen Monat dauert.[269] Solches Ausleihen und Vertauschen der Weiber kommt auch anderwärts, sogar bei den christlichen Insulanern Hawaiis[270] vor und ist wohl überall ein Beweis, dass die männliche Eifersucht nur im Besitzgefühle wurzelt, in keiner höheren Regung. Andernfalls wären Zustände wie die angedeuteten nicht möglich. Der Mann legt Wert auf die weibliche Treue nur insofern als er selbst darüber nicht anders verfügt. Wer sie gegen seinen Willen verletzt, begeht einfach einen Diebstahl. Und dass auch bei den Verführern zumeist nicht Liebe, sondern sinnliche Gründe vorwalten, geht aus mancherlei Thatsachen hervor. So hat in australischen Augen z. B. ein sehr fettes Weib einen solchen Reiz, dass dasselbe beständig in Gefahr schwebt, gestohlen zu werden, wäre es auch noch so alt und hässlich.[271]
Gewiss ist der Geschlechtsverkehr der meisten australischen Stämme, wie er sich für Victoria nach den neueren Forschungen von Brough Smyth darstellt,[272] schon weit entfernt von völliger Ungebundenheit; immerhin steht derselbe in Bezug auf die Anbahnung des Zusammenlebens auf ungemein niedriger Stufe. Noch handelt es sich dort weder um „Ehe“, noch um „Ehebruch“, sondern einfach um Besitz und Eigentumsverletzung. Das australische Besitzverhältnis mit der Benennung „Ehe“ zu schmücken, den Bruch einseitig geforderter Treue zum „Ehebruch“ zu stempeln, wie jetzt Mode wird, zeugt von einer Genügsamkeit ethischer Ansprüche, die ich anzustaunen bereit bin, aber nicht zu teilen vermag. Kulturgeschichtlich ist nach meinem Dafürhalten scharf zu unterscheiden zwischen Beweibtsein und Ehe, welch letztere sich unseren Begriffen nach an die Begründung der Dauerfamilie knüpft. Von einer solchen ist aber, wie ich später zeigen werde, noch keine Rede auf der Stufe der Australier. Erst unlängst sind wir über die Sitten und Zustände der Kamilaroi im Gebiete des Darlingflusses unterrichtet worden.[273] Darnach herrscht bei den Kamilaroi, sehr wahrscheinlich aber unter den meisten Stämmen Australiens, das ursprüngliche System, dass ein Mann nicht mit einem bestimmten Weibe lebt, sondern dass (in der Theorie) eine ganze Sippe Männer einer gewissen Klasse, von Geburts wegen, mit einer ganzen Sippe Weiber einer andern Klasse geschlechtlich verkehren. Heute ist dieses Verhältnis ebenfalls schon weit von eigentlicher Vermischung entfernt, denn in Wirklichkeit sind diese Verkehrsrechte schon beträchtlich eingeschränkt, und zweifelsohne bekunden die jetzigen Sitten der Kamilaroi einen entschiedenen Fortschritt gegenüber der ursprünglichen ehelosen Geschlechtsgenossenschaft. Die Verkehrsrechte haben schon sehr an Umfang verloren, aber die Nomenklatur der Urzeit hat sich im Gebrauche erhalten. Begreiflicherweise kennt die urzeitliche Geschlechtsgenossenschaft kein Individuum als solches, sondern bloss als Teil einer Sippe. Das Nämliche gilt von den Kindern. Alle Kinder einer Sippe sind untereinander Geschwister und zwar nicht bloss dem Namen nach, sondern jedes einzelne Individuum einer Sippe anerkennt seine Geschwisterpflicht gegen alle übrigen.
Beispiele eheloser Zustände oder was dem ungemein nahe kommt lassen sich noch an verschiedenen Stellen unseres Planeten nachweisen. Ziemlich gut beglaubigt ist durch Azurara eine ausgedehnte Vermischung bei den Guantschen der Kanarieninsel Gomera,[274] die nackt in Höhlen hausten, wie der Venezianer Aloisio Cadamosto berichtet, welcher 1455 den Archipel besuchte. Garcilaso de la Vega versichert desgleichen, dass bei einigen peruanischen Stämmen vor der Inkazeit kein Mann eine ihm allein gehörende Frau besessen habe. Ganz besonders gilt dies von den barbarischen, völlig nackten Passau, welche weder Götter, noch Kultus, weder Dörfer, noch Häuser hatten, sondern in den hohlen Bäumen der dichten Waldungen ihres Landes lebten, keine eigenen Weiber besassen, ihre eigenen Kinder nicht kannten und öffentlich Sodomie begingen.[275] Da Garcilaso selbst ein Abkömmling der Inka und ein guter Kenner seines Volkes sowie dessen Geschichte war, so ist sein Zeugnis wohl nicht ganz kurzer Hand abzuweisen. Die Engeräckmung oder Botokuden Brasiliens werden zwar stark von Eifersucht geplagt und besitzen sogar den Ausdruck Hä-rang für Schamröte,[276] dennoch ist ihre Polygamie nicht viel besser als ein wechselndes Konkubinat. Ein Fehlen der Ehe wird in Amerika ferner bemerkt bei den Guaykuru, Arawaken in der südlichen Hälfte des Kontinents, dann in Nordamerika bei den Kutschin-Indianern und den Kuskokwim, sowie bei den Haidah und manchen Kaliforniern. Von den letzteren bemerkt Baegert, sie hätten „nicht viel acht auf die Freund- und Schwägerschaft, so dass sich auch die eigene Tochter unter den Ehefrauen finden mochte.“ Das Wort für „heiraten“ (tikere undini) wurde erst seit den Missionären gebildet, das Wort „Ehemann“ dagegen „kann von einem jeden Mann, der ein Weibsbild missbrauchet, in all seiner Bedeutung und Etymologie gesagt werden“ (wie tägliches Ehebrechen vorkam, „ohne alle Furcht und ohne alle Scham“). Mitunter besuchten sich die angrenzenden Völkerschaften, um „etliche Täg in öffentlichem Luderleben unter einander zuzubringen, bei welcher Gelegenheit alles Preis war“. Sobald die Einsegnung (oder die Mission) vorbei ist, gehen Mann und Frau nach verschiedenen Seiten auseinander, „ihr Essen, eines jedes für sich zu suchen“ und sahen sich oft tagelang nicht, wie sie sich auch wenig um die Kinder kümmerten. Ein treffenderes Bild eheloser Ungebundenheit konnte Baegert gar nicht liefern! Auch bei den Cayapo, dem zahlreichsten Volke auf den centralen Tafelplatten Brasiliens, das jetzt etwa 10000 Köpfe zählt, herrscht nach Dr. Couto de Magelhaes so gut wie Weibergemeinschaft. Das mannbar gewordene Mädchen kann sich jedem beliebigen Manne zum Umgange hingeben. Sobald sie sich in anderen Umständen befindet und so lange sie ihr Kind an der Brust hat, bleibt sie bei dem Vater des letzteren; diesem aber ist es unverwehrt, mit andern, die auch noch in derselben Hütte wohnen, die vertraulichsten Beziehungen zu unterhalten. Die Verbindung mit dem Vater des Kindes hört auf, sobald das letztere nicht mehr die Muttermilch bekommt, kann aber wieder angeknüpft werden. Nimmt des Mädchen sich einen andern Mann, so hat dieser das Kind seines Vorgängers zu erhalten.[277] Über die Geschlechtssitten der Pescheräh wissen wir nichts Bestimmtes; Beobachtungen an den vor mehreren Jahren nach Europa gebrachten Gruppen lassen aber auf das Fehlen jeglicher ehelichen Bande schliessen.