[361] Lippert. Die Familie. S. 68–69.

[362] A. a. O. S. 24.


X.
Exogamie und Clanbildung.

Ungezählte Menschenfolgen mochten einander abgelöst haben, ohne eine Spur ihres Daseins zu hinterlassen, ehe ein neuer Fortschritt in den Verhältnissen der Geschlechter sich anbahnte. Nichts was nur entfernt den Namen einer „Ehe“ verdiente, war vorhanden in der endogamen Muttergruppe; das Kind gehörte, so lange es unselbständig, einzig der Mutter und ging dann später in der Horde auf. Es galt allein die Mutterschaft, eine Verwandtschaft mit dem Vater war ein völlig unbekannter Begriff, da die Vaterschaft sich gar nicht feststellen liess. Die heranreifende Jugend paarte sich innerhalb der Horde untereinander und was wir heute „Geschwisterehen“ nennen würden, war ein gewöhnliches Vorkommnis. Nicht nur bildete Blutsverwandtschaft gar kein Hindernis des Geschlechtsverkehrs, sondern gab vielmehr die alleinige Berechtigung zu demselben und zwar im unbeschränktesten Masse. Die Verwandtschaftsbegriffe einer späteren Zeit waren noch nicht geboren, man unterschied bloss ältere und jüngere Generationsschichten, und keine anderen Grenzen beschränkten die Geschlechtsvermischungen als jene, welche die Natur selbst zwischen den älteren und jüngeren Hordenmitgliedern gezogen, daher denn auch Geschlechtsverbindungen innerhalb derselben Generationsschicht — zwischen „Brüdern“ und „Schwestern“ im Sinne jener Zeiten — als der normale Zustand galten.[363] Die durch Sprachgemeinsamkeit verbundene Geschlechtsgenossenschaft bildet aber auch die ganze Welt jener Menschen; was ausserhalb stand, galt ihr als Feind. Die wilden Völker am Orinoko und Cassiquiare, von denen Humboldt erzählt, „zerfallen in eine Unzahl von Stämmen, die sich tödlich hassen und niemals Ehen untereinander schliessen, selbst wenn ihre Mundarten demselben Sprachstamme angehören und nur ein kleiner Flussarm oder eine Hügelkette ihre Wohnsitze trennt. Je weniger zahlreich die Stämme sind, desto mehr muss sich, wenn sich jahrhundertelang dieselben Familien miteinander verbinden, eine gewisse gleichförmige Bildung, ein organischer, recht eigentlich nationaler Typus festsetzen. Dieser Typus erhält sich unter der Zucht der Missionen, die nur eine Völkerschaft unter der Obhut haben. Die Vereinzelung ist so stark wie früher; Ehen werden nur unter Angehörigen derselben Dorfschaft geschlossen. Für diese Blutsverwandtschaft, welche so ziemlich um eine ganze Völkerschaft ein Band schlingt, hat die Sprache der Indianer, die in den Missionen geboren sind oder erst nach ihrer Aufnahme in den Wäldern spanisch gelernt haben, einen naiven Ausdruck. Wenn sie von Leuten sprechen, die zum selben Stamme gehören, sagen sie mis parientes, meine Verwandten.“[364] So kennen sie heute noch bloss ihre Familie und ein Stamm erscheint ihnen nur als ein grösserer Verwandtschaftskreis. „Die Wilden verabscheuen alles, was nicht zu ihrer Familie oder ihrem Stamme gehört, und Indianer einer benachbarten Völkerschaft, mit der sie im Kriege leben, jagen sie, wie wir das Wild. Die Pflichten gegen Familie und Verwandtschaft sind ihnen wohl bekannt, keineswegs aber die Pflichten der Menschlichkeit, die auf dem Bewusstsein beruhen, dass alle Wesen, die geschaffen sind wie wir, ein Band umschlingt. Keine Regung von Mitleid hält sie ab, Weiber oder Kinder eines feindlichen Stammes ums Leben zu bringen.“[365] Erst die Kultur hat dem Menschen die Einheit des Menschengeschlechts zum Bewusstsein gebracht und ihm offenbart, dass auch mit Wesen, deren Sprache und Sitten ihm fremd sind, ein Band der Blutsverwandtschaft ihn verbindet.

Wer möchte, wenn er die Verhältnisse der Menschen zueinander sich vergegenwärtigt, wie die beglaubigte Geschichte sie sogar von den Kulturnationen Europas im frühen Mittelalter verzeichnet, im Ernste bezweifeln, dass in Humboldts obiger Schilderung zugleich ein treffendes Gemälde urzeitlicher Zustände zu erblicken ist? Wie lange die Menschen darin verharrten, niemand wird es je ermitteln, — höchster Wahrscheinlichkeit nach aber sehr, sehr lange, denn die ersten Schritte sind es stets, welche am schwersten fallen. Allzu leicht sind wir geneigt, „Fortschritt“ für das allgemeine Gesetz der menschlichen Gesellschaft zu halten; nähere Prüfung lehrt jedoch, dass dem nur mit einer gewissen Einschränkung so sei. Nur wenige Nationen, und zwar europäischer Abkunft, schreiten wirklich fort, die meisten verhalten sich stationär; aber bei allen hat es eine Zeit gegeben, in welcher sie gewisse Fortschritte machten. Diese hielten auf verschiedenen Stufen inne oder wurden zum Stillstande gebracht; zweifellos hat aber der englische Soziologe Walter Bagehot Recht mit der Behauptung: in geschichtlicher Zeit sei der Fortschritt gering gewesen, sehr beträchtlich müsse er dagegen in den vorgeschichtlichen Epochen gewesen sein.[366] Zu diesen wesentlichsten Fortschritten rechne ich nun das Erwachen der Scheu vor Blutnähe mit der sich daran knüpfenden Sitte der Exogamie und der Ausbildung des Begriffes der Blutschande, welche dermalen bei ungemein niedrig stehenden Menschenstämmen oft am schärfsten entwickelt ist. Die Scheu vor Blutnähe ist nämlich nicht als ein blosser Brauch, sondern als ein menschlicher Charakterzug zu betrachten, welcher sich schon in unvordenklichen Zeiten bildete und befestigte.[367] Sie ist ein gesellschaftlicher Instinkt jüngerer Ordnung, und wenn sich in der Geschichte wie auch in der Gegenwart noch manche Nichtberücksichtigung desselben wahrnehmen lässt, so sind dies aus der oben gekennzeichneten Urzeit hereinragende Überbleibsel der ursprünglich herrschenden Inzucht oder Endogamie. Die Entstehung dieses wertvollen jüngeren Instinktes hat niemand wahrscheinlicher gemacht, als Moriz Wagner, dem ich mich bis auf ein paar untergeordnete Einzelnheiten anschliesse.

Es wurde schon betont: in der ursprünglichen Geschlechtsgenossenschaft scheint auch der nächste Verwandtschaftsgrad kein Paarungshindernis gewesen zu sein, noch weniger der zweite Grad, also der Verkehr unter Geschwistern. Wo Endogamie herrscht, wie zur Zeit der Muttergruppen, wird das Weib innerhalb derselben Geschlechtsgenossenschaft gewählt; so beweibten sich die Khoikhoin oder Hottentotten nicht ausser ihren Kraalen. Auf den Stamm beschränkt sehen wir den Geschlechtsverkehr auch bei den Aht in Nordwestamerika, bei den Kooch, Toda und Kalang in Indien. Ein Bodo darf nur mit Bodo heiraten. Die Lappen mischten sich in allen Graden, und selbst die Stoiker hielten die Ehe unter Blutsverwandten für naturgemäss. Die Keime zur später so allgemeinen Scheu der Blutnähe sind aber etwa auf die Periode der Eiszeit zurückzuführen, als nämlich ein bleibendes Zusammenwohnen der einzelnen Geschlechtsgenossen zu Schutz und Trutz gegen Feinde stattfand. Erst der diluviale Mensch bewohnte mit seinen Nächsten eine gemeinsame Hütte oder Höhle, die er sich zum Schutze gegen Kälte und Nässe mit künstlichen Werkzeugen wohnlich einrichtete und die ihn zu einem engen bleibenden Beisammensein nötigte, aus welchem das menschliche Familienleben, so verschieden von der Tierfamilie, sich allmählich entwickelte. Erst in dieser Zeit gewann der Verkehr der Geschlechtsgenossen eine gewisse Stetigkeit und verlor die Ungebundenheit früherer Tage. Es kam in der Muttergruppe zu zeitweiligen Bündnissen von verschiedener Dauer, die ich mich zwar sehr hüten werde mit dem Ehrennamen „Ehe“ zu schmücken, die aber immerhin als Vorläufer derselben gelten dürfen. Die Gewohnheit des dauernden Beisammenseins übt nun, wie die Erfahrung lehrt, eine abstumpfende Wirkung auf den sinnlichen Reiz: was man von frühester Kindheit an täglich und stündlich vor Augen hat, begehrt man nicht mit Leidenschaft. Diese tägliche Gewohnheit des Beisammenwohnens, wie es der eine gewisse Gemeinschaft bildenden Muttergruppe sicherlich eigen wurde, war und ist stets und überhaupt der stärkste Dämpfer der Phantasie und Sinnenlust. Dieselbe lässt eine geschlechtliche Neigung zwischen Geschwistern gar nicht aufkommen, oder wenn dennoch, so geschieht es nur da, wo jede anderweitige Gelegenheit zur Befriedigung des Geschlechtstriebes fehlt. Nur das Neue, das Fremde und Fernerliegende reizt die Phantasie und die Begierde nach dem Besitz. Deswegen pflegen jetzt selbst bei endogamen Zuständen die nächsten Grade der Blutsverwandtschaft verboten zu sein, was freilich wiederum erst das Ergebnis späterer Epochen ist. Aller Wahrscheinlichkeit nach darf man nun die Entwicklung der Geschlechtsgenossenschaft zum Stamme in eine wenig spätere Zeit, als das Aufkommen des Beisammenlebens unter künstlichem Obdach versetzen: in den Anfang des Diluviums. Die durch Gewohnheit verbotenen Verwandtschaftsgrade werden nunmehr auf den ganzen Stamm ausgedehnt, denn der Stamm, innerhalb dessen Grenzen man sich nicht beweiben mag, wird eben als die Erweiterung der ursprünglichen Geschlechtsgenossenschaft gedacht, und alle Stammesmitglieder gelten, wie die obigen Beispiele zeigen, miteinander für verwandt,[368] sind es ja auch in gewissem Grade. Es entstand daher allmählich die Sitte, einem fremden Stamme die Weiber zu entnehmen. Dies machte sich um so leichter, als mit der Stammesbildung auch jene grösseren Massenwanderungen begannen, jene Raubzüge und Eroberungen, die in der Regel von selbst zu massenhaften Vermischungen mit fremdem Blute führten. Die menschliche Neigung zu fremden Weibern und zur Vielweiberei liess den stärkeren Erobererstamm die Weiber der Besiegten verschonen und sich aneignen, wenn er die männliche Bevölkerung tötete oder zu Sklaven machte. Durch Generationen vererbt ist dann in der späteren morphologischen und physiologischen Fortbildung des Menschengeschlechts, gegen das Ende der Tertiärzeit, eine geschlechtliche Abneigung gegen die Blutnähe, als Exogamie, und damit eine starke Beschränkung der Inzucht in Familie und Stamm Brauch und Sitte geworden,[369] welche allmählich die Kraft eines Kultgebotes gewann und sich so fest einbürgerte, dass jeder Verstoss gegen dieselbe geradezu als Verbrechen geahndet wurde. Vermischung innerhalb des Stammes wird z. B. unter den Khond als blutschänderisch betrachtet und mit dem Tode bestraft; sie ist verabscheut bei den Tscherkessen, deren Brüderschaften oft Tausende von Personen umfassen, zwischen denen das Heiraten durch altes Gesetz gänzlich verboten ist. Dies ist auch der Fall bei den Samojeden, und ebenso hat es Manu in seinen Satzungen angeordnet, welche Heiraten unter Leuten desselben Familiennamens untersagen. So z. B. könnten in Schottland ein Fraser keine Fraser, ein Mac Intosh keine M’Intosh heiraten. Auch in China müssen Frau und Mann verschiedene Namen tragen. In Australien hindert bei einigen Stämmen, nicht bei allen, der „Kobong“, bei den Indianern Nordamerikas der „Totem“ jede Verbindung, und es bestand sogar, wie es jetzt scheint, eine ähnliche Sitte unter den alten Hochländern von Schottland.

Ist die Zahl der Thatsachen und Überlebsel erdrückend gross, welche beweisen, dass eine jüngere Form der Beweibung im Zusammenhange mit der Annäherung der bis dahin vereinzelten Stämmchen dazu geführt hat, dass der Mann nur noch das Mädchen eines fremden Stammes zum Weibe gewinnen konnte, so machen die ewigen Fehden, welche zwischen Wilden statthaben, es wahrscheinlich, dass der Mann zumeist auf dem Wege der Gewalt, des Raubes, seinen Zweck erreicht. Es ist auch nicht unwahrscheinlich, dass die Erbeutung von Weibern endlich nicht mehr bloss zufällige Folge des Krieges, sondern sehr oft dessen Veranlassung wurde, wie Kautsky bemerkt.[370] Olaus Magnus schildert z. B. die Stämme des europäischen Nordens als in beständigem Kriege mit einander liegend, entweder wegen geraubter oder wegen zu raubender Jungfrauen, „propter rapias virgines aut arripiendas.“ Sein Bruder Johannes bespricht dasselbe Thema und erwähnt eine Menge Fälle, in welchen die Räuber den Königshäusern von Dänemark oder Schweden angehörten. Wie es die Könige machten, so machten es auch ihre Unterthanen. Unter den Skandinaviern, ehe sie Christen wurden, kämpfte man fast beständig um die Frauen und beweibte sich auf der Spitze des Schwertes. In Schweden wurden die Weiber, selbst lange nach der Einführung des Christentums, oft noch geraubt, wenn sie schon der Schliessung der Heirat wegen auf dem Gange zur Kirche waren. Ein Heiratsgeleite bestand aus einer Abteilung Bewaffneter, und der grösseren Sicherheit halber wurden die Vermählungen gemeiniglich bei Nacht gefeiert. Noch jetzt soll in der alten Kirche von Husaby, in Gotland, ein Haufen Lanzen aufbewahrt werden, auf welche Fackeln gesteckt wurden; diese Waffen wurden von den Leuten des Bräutigams getragen und dienten zu dem doppelten Zwecke, Licht und Schutz zu verschaffen. Ein solches Vorherrschen von Gesetzlosigkeit, das nach Einführung des Christentums und vergleichsweiser Sittigung noch bestand, lässt uns auf die Gewohnheiten des Volkes in einem ursprünglicheren Zeitalter schliessen.