[5] Friedrich von Lucanus, Schutzfärbungen und Nutztrachten, Journal für Ornithologie 1902.
Verstellungskünste
Ein herrlicher Sommertag lockt uns in die freie Natur. Wir wandern am Waldesrand entlang. Drossel- und Amselschlag erquickt unser Herz und Gemüt. Vom nahen Felde her dringen die jauchzenden, wirbelnden Triller der Lerche an unser Ohr. Wir lassen uns am Grabenrand unter einer Dornenhecke nieder, um ein Weilchen auszuruhen und die Stimmung der Natur in vollen Zügen zu genießen. Doch was ist das? Vor uns flattert auf dem Erdboden ein kleines, graues Vögelchen, anscheinend krank und flügellahm. Wir wollen das Tier ergreifen, um es mit nach Haus zu nehmen und es zu pflegen, bis wir es gesundet der Freiheit zurückgeben können. Der arme Wicht läßt sich aber nicht so leicht fangen, wie wir glaubten. Er flattert mühsam vor uns her, und jedesmal, wenn wir mit der Hand zufassen, entgleitet er unseren Nachstellungen. In der Verfolgung entfernen wir uns immer weiter von unserem Platz, da erhebt sich der Vogel, der eben noch so matt und krank erschien, hoch in die Luft und verschwindet unseren Blicken. Es war eine Grasmücke, die in dem Dornbusch, unter dessen Schatten wir ruhten, ihr Nest mit Jungen hat. Der Vogel war nicht krank, er stellte sich nur flügellahm, um in der Sorge für das Leben seiner Kinderschar unsere Aufmerksamkeit auf sich selbst zu lenken und durch die geschickten Verstellungskünste uns von dem Nistplatz fortzuführen.
Diese Verstellungskünste zum Schutze der Jungen vollführen außer den Grasmücken auch viele andere Vögel, nachdem sie vorher ihre Jungen durch einen Warnruf zur Ruhe gemahnt haben. Ich habe es einst im Harz bei einer Auerhenne beobachtet, und neuerdings ist dasselbe auch bei Wildtauben festgestellt worden.
Die Kunst, den Feind durch List zu täuschen, wird hauptsächlich von solchen Vögeln angewendet, die zu schwach sind, ihre Brut zu verteidigen, während wehrhafte Vögel, wie Raubvögel, Störche und Reiher in solchen Fällen dem Feinde mutig zu Leibe gehen.
Schutz- und Schreckstellungen
Andere Tiere üben solche Verstellungskünste zu ihrer eigenen Sicherheit aus. Die Eulen machen sich bei Gefahr ganz dünn, indem sie den Körper hochrecken und das Gefieder eng anlegen, so daß sie dann nicht mehr in ihrer Gestalt als Vogel zu erkennen sind, sondern einem dürren Ast gleichen und übersehen werden.
Die Rohrdommel sucht einer Gefahr dadurch zu entgehen, daß sie ihren Körper und Hals senkrecht in die Höhe streckt, so daß sie einem Pfahl oder einem Rohrhalm gleicht und auf diese Weise in dem dichten Röhricht verschwindet.
Der Ziegenmelker, der seinen abenteuerlichen Namen nach dem Volksglauben führt, daß er nachts in die Stallungen fliegt, um den Ziegen Milch zu rauben, was natürlich ein Märchen ist, setzt sich zur Ruhe nicht quer auf einen Ast, wie es alle anderen Vögel tun, sondern der Länge nach. Er gleicht dann dem Auswuchs eines knorrigen Baumastes und wird von seinen Feinden nicht so leicht erkannt.
Bei diesen Verstellungskünsten kommt der Eule, der Rohrdommel und dem Ziegenmelker noch die düstere, unscheinbare Färbung des Gefieders zugute, welche die Wirkung der Täuschung noch erhöht.