Der geängstigte Steinkauz macht fortgesetzt Verbeugungen, indem er seinen Körper auf und nieder schnellt. Im Halbdunkel einer Baumhöhle bewegen sich dann die leuchtendgelben, großen Augen rasch hin und her, wodurch vielleicht der Marder oder das Wiesel, wenn sie den harmlosen Kauz in seinem Versteck überfallen wollen, sich abschrecken lassen.

Unter den Säugetieren nehmen die Flughunde eine Schutzstellung ein, die sie als Tiere unkenntlich macht. Sie hängen sich mit den Hinterfüßen an einem wagerechten Ast auf und lassen den Körper mit engangelegten vorderen Gliedmaßen herabhängen. Hierdurch gewinnen sie das Aussehen einer am Baume herunterhängenden Frucht. Dieser Eindruck wird noch dadurch vervollkommnet, daß die gesellig lebenden Tiere in großer Anzahl nebeneinander hängen, so daß ein Schlafbaum der Flughunde wie ein mit Früchten reichbesetzter Strauch aussieht.

Der auf den Sundainseln lebende Pelzflatterer oder Kaguang (Galeopithecus volans) hängt sich beim Schlafen mit allen vier Füßen an einem Zweig auf und sieht mit seinem braunen, weiß gesprenkelten Fell wie ein Auswuchs am Ast aus. Der Kaguang gehört mit Spitzmaus, Igel und Maulwurf zur Ordnung der „Insektenfresser“. Eine zwischen den Vorder- und Hinterfüßen ausgespannte Flughaut dient dem Tier als Fallschirm bei seinen Sprüngen durch die Luft.

Auch einige Amphibien und Reptilien wenden Schreckmittel an, um sich zu verteidigen. Die Natur hat ihnen besondere Vorrichtungen verliehen, ihren Körper plötzlich zu verunstalten und dadurch den Feind abzuschrecken. Der in Südamerika lebende braunfleckige Sumpffrosch aus der Gattung Paludicola und der afrikanische Kurzkopffrosch (Breviceps mossambicus) können ihren Körper mit Luft so stark aufblasen, daß er zu einer großen Kugel wird, wodurch froschfressende Tiere abgeschreckt werden.

Auch die Chamäleons blasen bei Gefahr ihren Körper auf, der hierdurch eine dicke und pralle Gestalt erhält, die keine Angriffsflächen bietet, so daß die Bisse des Gegners leicht abgleiten. Außerdem nimmt das Tier durch Aufblasen des Kehlsacks und der Hautlappen, die manche Arten an den Kopfseiten tragen, ein absonderliches, abschreckendes Aussehen an. Das Aufblasen des Körpers geschieht vermittels der Lungen, die zahlreiche, schlauchartige Fortsätze haben, die sogar bis zu den Eingeweiden reichen und mit Luft gefüllt werden können. Diese „Blindsäcke“ der Chamäleons sind eine ähnliche Vorrichtung wie die „Luftsäcke“ der Vögel, welche im ganzen Körper verteilt unter der Haut liegen und ebenfalls mit den Lungen in Verbindung stehen. Es tritt hier unverkennbar die nahe Verwandtschaft der Vögel mit den Kriechtieren hervor, die die Abstammungslehre als die Ahnen der Vögel ansieht. Der Kehlsack des Chamäleons steht mit der Luftröhre, die Hautlappen des Kopfes mit den Eustachischen Röhren in Verbindung und werden von hier aus mit Luft gefüllt. Genau dasselbe zeigt auch das pneumatische System der Vögel. Die unter der Schädelhaut befindlichen Luftsäcke sind in der Regel gleichfalls an die Eustachische Röhre angeschlossen und hängen nur bei wenigen Arten mit den Lungen und Bronchien zusammen. Auch bei den Anolis dient das Aufblasen des Kehlsacks als Schreckmittel ([Abbildung 24]).

Die wegen ihres gefährlichen Bisses so gefürchtete indische Brillenschlange, die Kobra der Schlangenbeschwörer und Zaubrer, kann die vorderen acht Rippen ihres Leibes seitlich abspreizen, wodurch der hinter dem Kopf befindliche Körperteil die Form eines großen, breiten Schildes erhält. Die Schlange nimmt diese Stellung nur ein, wenn sie gereizt oder bedroht wird, und richtet sich hierbei senkrecht in die Höhe. Der zum Schild erweiterte Hals schützt den kleinen Kopf des Tieres und wirkt auch abschreckend auf den Feind ein. Die Brillenschlange führt ihren Namen nach der sonderbaren Brillenzeichnung auf der Oberseite des Halses, die bei entfaltetem Schild besonders zur Geltung kommt. Andere Schlangen, wie die afrikanischen Baumschlangen der Gattungen Dispholidus und Thelotornis, blähen den Hals ballonartig auf, um ihre Feinde abzuschrecken und einzuschüchtern. Bei der grauen Baumschlange Afrikas wird der gespensterhafte Eindruck des aufgeblasenen Halses noch dadurch erhöht, daß die teils schwarz, teils weiß gefärbte Haut zwischen den Schuppen, die in der Ruhe nicht sichtbar ist, beim Aufblasen des Halses stark hervortritt. Das Tier, welches die Schlange ergreifen will, sieht dann plötzlich anstatt des unscheinbar grau gefärbten Reptils einen schwarzweiß leuchtenden Ballon vor sich, erschrickt und ergreift die Flucht.

Die australische Kragenechse (Chlamydosaurus kingi) trägt einen 15 cm breiten Halskragen, der in der unteren Hälfte mosaikartig orange, rot, blau und braun gefärbt ist. Der Kragen kann wie ein Regenschirm zusammengelegt und aufgespannt werden ([Abbildung 25]). Die mit dem langen Schwanz 80 cm messende, braun und schwarz gezeichnete Echse ist sehr erregbar und spannt, wenn sie erschreckt wird, sofort den Schirm auf, wobei sie stets den Vorderkörper aufrichtet. Der Kragen dient sowohl als Schild beim Abwehrkampf, den die mutige Echse tapfer aufnimmt, wie als Schreckmittel, wobei wieder die bunte Färbung große Bedeutung hat. Die Entfaltung des Kragens erfolgt durch die in ihn hineinreichenden, sehr langen Zungenbeinhörner. Die Eidechse hat die sonderbare Gewohnheit, bisweilen in aufrechter Haltung auf den Hinterfüßen zu laufen, wobei der Schwanz als Stütze dient.

Die Unken nehmen auf dem Lande, wenn sie sich bedroht fühlen, eine ganz eigenartige Abwehrstellung ein. Sie biegen Hals und Kopf rückwärts und verschränken die Vorderfüße auf dem gekrümmten Rücken. Hierdurch treten die gelbgefärbte Unterseite und die hellen Fußflächen hervor, und das Tier erhält ein ganz anderes Aussehen, das eher einem verschrumpften, dürren Blatt als einem Tier ähnelt. In dieser Stellung verharrt die Unke regungslos, bis die Gefahr vorüber ist.

Manche Fische haben auf den Flossen, an den Kiemen oder in der Augengegend lange Stacheln, die willkürlich angelegt und aufgerichtet werden können. Bei Gefahr spreizt der Fisch die Stacheln und schreckt durch das so plötzlich veränderte und drohende Aussehen seinen Gegner ab. Diese Stacheln finden sich besonders bei den Barschen, beim Zander und anderen „Stachelflossern“ sowie beim Stichling. Mag dies Abwehrmittel auch in vielen Fällen erfolgreich sein, so nützt es doch nicht immer, denn gerade der Stichling wird trotz seiner wehrhaften Stacheln auf dem Rücken von größeren Raubfischen verschlungen.

Giftige Fische