Der Geselligkeitstrieb äußert sich bei den Raupen in verschiedener Weise. Bei manchen Arten tritt er nur zeitweise auf. So leben z. B. die Raupen des Ringelspinners (Malacosoma neustria), die in Obstkulturen großen Schaden anrichten, nur bis zu ihrer letzten Häutung gesellig, dann aber zerstreuen sie sich als Einzelgänger. Die Raupen des Mondvogels (Phalera bucephala) geben ihr Gesellschaftsleben vor der Verpuppung auf, während bei anderen Raupen der Geselligkeitstrieb überhaupt nicht erlischt. Letzteres ist beim Eichenprozessionsspinner (Thaumetopoea processionea) der Fall. Die Raupen, die durch ihren Kahlfraß in Eichenbeständen wahre Verwüstungen anrichten, verpuppen sich in gemeinsamen Nestern. Außer ihrer großen Schädlichkeit hat die Raupe des Eichenprozessionsspinners noch eine andere, sehr unangenehme Eigenschaft. Sie ist giftig. Zwischen den langen Haaren stehen noch winzig kleine Härchen, die sehr lose sitzen und schon bei der geringsten Berührung abfallen, ja sogar vom Winde abgestoßen und fortgetragen werden. Diese Haare sind giftig und erzeugen auf der Haut eine Entzündung mit starkem Juckreiz. Der Besuch eines von diesen Raupen heimgesuchten Eichenwaldes kann daher sehr böse und unangenehme Folgen haben, da die Gifthaare durch den Wind leicht in die Augen und Atmungsorgane geweht werden.
Tastsinn der Raupen
Eine andere, nicht leicht zu beantwortende Frage ist die, auf welche Weise die Raupen bei ihrem Gesellschaftsleben sich zusammenfinden. Die Raupen haben Geruch, Sehvermögen, Geschmack, Gefühl für Temperatur und Tastsinn, jedoch kein Gehör. Für die Bildung von Gesellschaften können von diesen Sinnen nur der Geruch, das Gesicht und der Tastsinn in Frage kommen. Der Geruch ist nur sehr gering ausgebildet, ja man kann sagen fast verkümmert, so daß also ein gegenseitiges Spüren nicht möglich ist. Mit den Augen vermögen die Raupen nur sehr nahe Gegenstände, die kaum weiter als 1 cm entfernt sind, zu erkennen. Der Sinn des Gesichts kann also die Tiere ebensowenig leiten. So bleibt nur der Tastsinn übrig, der bei den Raupen außerordentlich fein ausgebildet ist und seinen Sitz nicht nur in den Tastern hat, sondern über den ganzen Körper verteilt ist. Besonders die Haare der behaarten Raupen sind fein organisierte Taster. Ihre Berührung löst je nach der Körperstelle eine verschiedene Wirkung aus. Während eine leichte Berührung der Tasthaare am hinteren Leibesende die Vorwärtsbewegung beschleunigt, wird die Bewegung durch ein Berühren der Haare am vorderen Körper gehemmt. Ein starker Reiz veranlaßt die Raupe, sich zusammenzurollen. Sehr empfindlich sind die Raupen des Kiefernprozessionsspinners (Thaumetopoea pinivora). Bläst man sie mit dem Munde an, so löst dies einen starken, unangenehmen Reiz auf sie aus. Sie speien ihren Kropfinhalt aus, der als grüner Tropfen aus dem Munde tritt, und biegen den Vorderleib rückwärts. Werden die Raupen aber durch einen heftigen Windstoß erschüttert, so reagieren sie nicht darauf, sondern verhalten sich völlig teilnahmslos. Die Raupen vermögen also mit ihrem Tastgefühl sehr feine Unterschiede wahrzunehmen. „Das Tastgefühl“, sagt Deegener, der sich um die Biologie der Raupen sehr verdient gemacht hat, „scheint der Raupe alle Daten zu verschaffen, deren sie bedarf, um den sozialen Zusammenhang aufrechtzuerhalten und wiederherzustellen.“
Die Raupen hinterlassen auf dem Wege, den sie zurücklegen, einen Seidenfaden. Dieser Faden dient offenbar zur Orientierung für andere Raupen, denn sie folgen ihm mit Vorliebe, wobei wiederum das Tastgefühl als Vermittlerin dient. Mit dem Tastgefühl nimmt die Raupe den Seidenfaden einer Genossin wahr. So bilden zweifellos diese Seidenfäden, die die Spuren übermitteln, eine große Rolle bei dem sozialen Leben der Raupen. Dennoch sind sie nicht von ausschlaggebender Bedeutung, denn experimentell wurde nachgewiesen, daß die Raupen sich auch zusammenfinden, wenn keine Seidenfäden als Wegweiser vorhanden sind. Das Tastgefühl der Raupen muß so fein und so eigenartig entwickelt sein, daß es auch ohne unmittelbare Berührung zu wirken vermag. Vielleicht genügen schon geringe Schwingungen in der Luft, die durch die Bewegung der Raupen verursacht werden, um einen Empfindungsreiz auf die Tastorgane anderer Raupen auszulösen. Der Tastsinn der Raupen als Mittel für ihre Orientierung ist ein außerordentlich interessantes Problem, das noch eines gründlichen Studiums bedarf. —
Schwarmbildung der Fische
Unser Weg im Walde führt uns weiter an einen See, dessen blauer Wasserspiegel im wundersamen Kontrast steht zu den düsteren Tannen, die ihn umrahmen, und zu dem hellen Grün des Schilfes am Ufer; und doch vereint sich das Ganze zu einer bezaubernden Harmonie, die unserer Seele ein so wohltuendes Gleichgewicht verleiht. Wir stehen am Ufer, blicken in das klare Wasser und sehen eine Schar kleiner Fische, die sich hurtig und munter in dem nassen Element umhertummelt.
Auch hier wieder eine Ansammlung von Tieren auf engem Raum in inniger Gemeinschaft. Die Schwarmbildung der Fische beruht auf verschiedenen Ursachen, und man kann nach Schiemenz Geschlechts-, Ernährungs-, Familien-, Winter- und Wanderschwärme unterscheiden. Geschlechtsschwärme werden gebildet durch ein Zusammenscharen zahlreicher Fische an bestimmten Stellen in Flüssen, Seen oder im Meere, um das Fortpflanzungsgeschäft auszuüben. Die Ernährungsschwärme kommen zustande durch die Anhäufung bevorzugter Nahrung in gewissen Gegenden. Besonders die Planktonfresser folgen in großen Schwärmen der jeweiligen Verbreitung des Planktons. So bildet der Hering auf seinen Beutezügen gewaltige Scharen, die aus Millionen einzelner Fische bestehen.
James’ Preß Agency, London
Abbildung 29
Junge Schimpansen
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