Eine neue Art der Lebensgemeinschaft finden wir bei den Blumentieren, jenen zarten, zum Teil herrlich buntgefärbten Meerestieren, die in ihrer Gestalt Pflanzen gleichen und die Besucher eines Aquariums immer wieder von neuem in Entzücken versetzen. Die rote Koralle, die in früherer Zeit als Schmuck bei der Damenwelt so beliebt war, ist das äußere Skelett einer großen Tierkolonie, in dem die einzelnen Tiere, „Polypen“ genannt, eingebettet sind. Das Skelett, das aus hornartiger oder kalkartiger Masse besteht, wächst durch Knospung dauernd weiter und zeichnet sich durch eine große Mannigfaltigkeit in seiner Form aus. Der Korallenstock der roten Edelkoralle gleicht mit seinen Verästlungen einem Baum. Der ganze Bau ist mit zahllosen Polypen besetzt, die einzeln in Röhren eingebettet sind. Sie können sich ganz in das Gehäuse zurückziehen. Zur Aufnahme von Nahrung strecken sie sich heraus und entfalten ihre zierlichen Fangarme. Der Polyp der Edelkoralle sieht wie ein kleiner weißer Stern aus, und der rote Korallenbaum, besät mit zahllosen Sternchen, ist ein herrlicher Anblick. Wie ein geheimnisvoller Zauber erscheint das Leben dieser Blumentiere.

Prächtige Gebilde zeigen auch die Hornkorallen, deren Skelett nicht wie bei der roten Edelkoralle aus Kalk, sondern aus Hornsubstanz besteht. Der gelb oder violett gefärbte Venusfächer aus dem tropischen Teil des westlichen Atlantik gleicht einem großen Fächer, der aufrecht im Wasser steht und von den Wellen leise hin und her geschaukelt wird.

Bei den Orgelkorallen hat jedes Tier sein eigenes, röhrenförmiges Gehäuse. Die Röhren stehen wie Orgelpfeifen dicht nebeneinander senkrecht auf einer Platte und sind noch durch Zwischenplatten fest verbunden.

Korallen, Korallenbänke, Korallengärten

In der Tierkolonie eines Korallenstockes herrscht die größte Gemeinschaft, da sämtliche Polypen durch Nahrungskanäle, die den ganzen Aufbau durchziehen, miteinander verbunden sind. Die Nahrung des Einzeltieres kommt also allen Bewohnern der Kolonie zugute.

Das Skelett ist kein totes Gehäuse, sondern ist ebenso wie das Skelett der Wirbeltiere am Stoffwechsel beteiligt. Stirbt der untere Teil eines Korallenstockes ab, so bildet sich eine Scheidewand zwischen dem noch lebenden und dem toten Teil der Kolonie. Der abgestorbene Teil dient dann nur noch als Wurzel oder Sockel für die lebende Kolonie.

Die Fortpflanzung erfolgt dauernd durch Knospung. Daneben werden zeitweise Eier ausgestoßen, die frei im Meere umhergetrieben werden, bis sie sich festsetzen und so die Grundlage zur Bildung einer neuen Kolonie geben. Die Korallen sind getrennten Geschlechts. Die männlichen und weiblichen Tiere leben entweder in besonderen Stöcken, oder sie sind an einem Stock vereint.

Von unvergleichlicher Pracht und Schönheit ist die Korallenbildung in den Tropen. Zwischen dem 25. Grad nördl. und dem 25. Grad südl. Br. in einer Wassertemperatur von mindestens 24 °C leben die Riffkorallen im flachen Küstenwasser bis zu einer Tiefe von etwa 30 m. Hier bedecken die Korallen in allen möglichen Farben, blau, grün, violett, gelb, purpurrot und zartrosa, auf weite Strecken den Meeresgrund und bilden die bekannten Korallenbänke, die sich gleich mächtigen Gebirgen unter dem Wasser auftürmen. Der Anblick eines solchen Blumengartens, in dem uns ein wundersames Tierleben die prächtigste Flora vortäuscht, ist das Unvergleichlichste und Schönste, was die Natur geschaffen hat. Selbst der nüchterne Gelehrte, der sonst gewohnt ist, die Erscheinungen der Natur im staubigen Zimmer unter dem Mikroskop zu erforschen, wird beim Anblick dieses Naturwunders zur Begeisterung entflammt. Die Hand des Künstlers vermag nicht jene Farbenpracht auch annähernd so stimmungsvoll wiederzugeben, wie sie in Wirklichkeit ist. Werden doch all die leuchtenden Farben der Korallenbank durch das Grün des Wassers wie von einem geheimnisvollen, duftigen Schleier überdeckt, der die Farbenkontraste zu herrlicher Harmonie abstimmt.

Ernst Häckel schildert den ersten Eindruck, den er von den Korallenbänken empfing, mit folgenden, begeisterten Worten: „Die vielgerühmte Pracht der indischen Korallenbänke in ihrem vollen Farbenglanz zu schildern, vermag keine Feder und kein Pinsel. Die begeisterten Schilderungen von Darwin und anderen Naturforschern, die ich früher gelesen, hatten meine Erwartungen hoch gespannt, sie wurden aber durch die Wirklichkeit übertroffen. Ein Vergleich dieser formenreichen und farbenglänzenden Meerschaften mit den blumenreichsten Landschaften gibt keine richtige Vorstellung. Denn hier unten in der blauen Tiefe ist eigentlich alles mit Blumen überhäuft, und alle diese zierlichen Blumen sind lebendige Korallentiere. An den verzweigten Bäumen und Sträuchen sitzt Blüte an Blüte. Die großen bunten Blumenkelche zu deren Füßen sind ebenfalls Korallen. Ja sogar das bunte Moos, das die Zwischenräume zwischen den größeren Stöcken ausfüllt, zeigt sich bei genauer Betrachtung aus Millionen winziger Korallentierchen gebildet. Und alle diese Blütenpracht übergießt die leuchtende arabische Sonne in dem kristallhellen Wasser mit einem unsagbaren Glanze.

In diesen wunderbaren Korallengärten, welche die sagenhafte Pracht der zauberischen Hesperidengärten übertreffen, wimmelt ein vielgestaltiges Tierleben. Metallglänzende Fische von den sonderbarsten Formen und Farben spielen in Scharen um die Korallenkelche, gleich den Kolibris, die um die Blumenkelche der Tropenpflanzen schweben. Noch viel mannigfaltiger und interessanter als die Fische sind die wirbellosen Tiere der verschiedensten Klassen, welche auf den Korallenbänken ihr Wesen treiben. Zierliche durchsichtige Krebse aus der Garnelengruppe klettern zwischen den Korallenzweigen. Auch rote Seesterne, violette Schlangensterne und schwarze Seeigel klettern in Menge auf den Ästen der Korallensträucher, der Schar bunter Muscheln und Schnecken nicht zu gedenken. Reizende Würmer mit bunten Kiemenfederbüschen schauen aus ihren Röhren hervor. Da kommt auch ein dichter Schwarm von Medusen geschwommen, und zu unserer Überraschung erkennen wir in der zierlichen Glocke eine alte Bekannte aus der Ostsee und Nordsee.“