„Man könnte glauben,“ fährt der große Forscher fort, „daß in diesen bezaubernden Korallenhainen, wo jedes Tier zur Blume wird, der glückselige Friede der elysischen Gefilde herrscht. Aber ein näherer Blick in ihr buntes Getriebe lehrt uns bald, daß auch hier, wie im Menschenleben, beständig der wilde Kampf ums Dasein tobt, oft zwar still und lautlos, aber darum nicht minder furchtbar und unerbittlich. Überall lauert Schrecken und Gefahr.“ —
Korallenriffe, Koralleninseln
Außer den Küstenriffen, wo die Korallenbildung sich unmittelbar an die Küste anschließt und diese gewissermaßen fortsetzt, gibt es noch Damm- oder Barriereriffe, die in größerer Entfernung der Küste vorgelagert sind. Sie haben bisweilen eine gewaltige Längenausdehnung. Das größte Barriereriff liegt vor der nördlichen Festlandküste Australiens in einer Entfernung von 80 bis 150 km vom Lande und hat eine Länge von 2000 km. Sogar mitten im offenen Ozean finden sich Korallenriffe, die Inseln bilden.
Wie kommt die Korallenbildung in so weiter Entfernung von der Küste zustande, wenn der Polyp, der die Koralle bewohnt, nur in flachem Wasser gedeihen kann? Die Antwort auf diesen scheinbaren Widerspruch verdanken wir Darwin, der es verstand, auch dies Rätsel der Natur in genialer Weise zu lösen. Hiernach sind die Barriereriffe früher Küstenriffe gewesen. Die Küste ist allmählich tiefer gesunken, und zugleich haben die Korallen sich nach oben ausgedehnt, um unweit der Wasseroberfläche zu bleiben, wie es ihre Lebensbedingung verlangt. Ebenso erfolgte die Bildung der Koralleninseln, auch Atolls genannt. Ursprünglich war hier eine richtige Insel, an deren Küste Korallenbänke standen. Die Insel versank allmählich in den Fluten des Meeres, und die Korallen türmten ihre Bauten immer höher, um lebensfähig zu bleiben, so daß schließlich anstatt der einstigen Insel nur das Korallenriff übrigblieb, das die Stelle, wo die Insel versank, als breiter Ringstreifen umschließt und in seiner Mitte einen See bildet. Auf den über den Meeresspiegel hervorragenden Teilen des Atolls bildet sich häufig ein üppiger Pflanzenwuchs. Sogar Kokospalmen wachsen hier, da nicht allzu selten Kokosnüsse angeschwemmt werden. Diese Palmenhaine im Meere zeigen schon aus weiter Entfernung dem Schiffer die gefahrbringenden Korallenriffe an, an denen schon so manches stolze Ozeanschiff gescheitert ist.
Die Richtigkeit der Darwinschen Erklärung für die Bildung von Atolls und Dammriffen zeigt sich am besten darin, daß stets nur die obere Schicht der Korallenstöcke mit Polypen besetzt ist, während die darunter befindliche tiefere Schicht, die bisweilen hunderte und tausende Meter hoch ist, nur aus abgestorbenen Skeletteilen besteht.
Nicht immer sind Koralleninseln die Wahrzeichen versunkenen Landes, sondern sie können auch auf andere Weise entstehen, nämlich durch Hebung des Meeresbodens, die so groß ist, daß der flache Wasserstand eine Korallenbildung begünstigt. Die Darwinsche Erklärung läßt sich also nicht in allen Fällen anwenden, wie die neueren Forschungen ergaben.
Seefedern
Ebenso wie die Korallen bilden auch die gleichfalls zu den Blumentieren gehörenden Seefedern eine große Tierkolonie. Nicht ein äußeres Skelett vereint die Tiere, sondern die einzelnen Polypen gruppieren sich um einen großen Hauptpolypen, der mit einem Stiel lose im Schlamm des Meeresbodens steckt. Der Hauptpolyp besitzt in seinem Innern eine hornige oder kalkartige Achse. Im Gegensatz zu den Korallen haben wir hier eine innere Skelettbildung. Ernährungskanäle verbinden die Tiere untereinander. Eine „koloniale“ Muskulatur befähigt die Kolonie, sich als ein Ganzes zusammenzuziehen und auszudehnen. Die Seefedern sind hierdurch imstande, ihre Gestalt auffällig zu verändern. Sie vermögen durch Ausdehnung ihren Körperumfang um das Sechzigfache zu vergrößern. Die Schönheit der Seefedern wird noch durch ihr Leuchtvermögen erhöht. Das Leuchten wird durch eine chemische Umsetzung von Fetteilchen in den Körperzellen hervorgerufen.
Staatsquallen
Eine Tierkolonie bilden auch die farbenprächtigen Staatsquallen, die wir schon in dem Abschnitt über „Biotechnik“ kennengelernt haben. Hier begegnen wir zum ersten Male einer Staatenbildung im Tierreich, d. h. es findet eine Arbeitsteilung unter den einzelnen Wesen der Kolonie statt. Die Schwimmglocken, medusenartige Wesen, sorgen für die Fortbewegung, schlauchartige Freßpolypen führen die Ernährung aus. Letztere stehen mit einem weitverzweigten Röhrennetz in Verbindung, das die Nahrung an alle Bewohner der Kolonie weitergibt. Ferner gibt es besondere Tastpolypen, die Taster und Fangarme tragen, und Gonophoren, die als männliche und weibliche Geschlechtstiere die Fortpflanzung besorgen. Das Ganze gruppiert sich abteilungsweise um einen vertikalen Stamm, der oben eine Luftblase enthält, die den Auftrieb beim Schwimmen gibt. Die Kolonie hat in ihrer Gesamtheit das Aussehen einer Qualle, ist aber in Wirklichkeit die Vereinigung zahlreicher Einzeltiere zu einem Staatswesen mit sehr sinnreicher Arbeitsteilung. —