GRÖSSERES BILD

So finden wir überall im Tierleben eine mannigfache Technik. Die Gliedmaßen und Organe sind zum Teil zu Instrumenten geworden, wie sie menschlicher Erfindungsgeist zur Ausübung der Kunst, für die Forschung in der Wissenschaft und zum Handwerk ersann. Die Natur gab den Tieren diese technischen Hilfsmittel zur Erfüllung ihrer Lebensaufgaben und ihrer Daseinsnotwendigkeiten, damit sie den Kampf des Lebens siegreich bestehen, bis die Kräfte erlahmen und des Lebens Kreislauf sich schließt, um neuen Generationen Platz zu machen, die vielleicht dereinst in Anpassung an veränderte Lebensbedingungen, die Erdumwälzungen hervorrufen, in fortschreitender Entwicklung eine andere Technik des Lebens erwerben.

[1] Friedrich von Lucanus, Das Leben der Vögel. Verlag August Scherl, Berlin 1925.

Wanderungen

Die Lust zum Wandern ist nicht allein eine uralte, tiefeingewurzelte Eigenschaft des Menschengeschlechts, sondern sie tritt in noch höherem Maße in der Tierwelt auf.

Wanderungen der Zugvögel

Alljährlich im Herbst und Frühjahr begeben sich unsere Zugvögel auf die weite Wanderschaft, die sie von Erdteil zu Erdteil führt. Gewaltige Strecken werden auf dieser Luftreise durchflogen. Kuckuck, Schwalben, Segler, Nachtigall, Pirol und viele andere Vögel suchen das tropische Afrika als Winterherberge auf. Freund Adebar dehnt sogar seine Reise bis über den Äquator hinaus aus und überwintert im südlichen Afrika, in der englischen Kapkolonie und den früheren Burenstaaten, wo die dort zahlreich auftretenden Heuschrecken, die eine gewaltige Plage des Landes sind, ihm zur Nahrung dienen. Vielleicht bilden die Heuschrecken die Ursache zu dieser weiten Wanderung der Störche.

Ganz gewaltige Reisen vollbringen die Regenpfeifer und Strandläufer, die das arktische Gebiet der Alten und Neuen Welt bewohnen. Sie ziehen aus ihrer zirkumpolaren Heimat bis Südafrika, Südamerika und Indien und überfliegen zum Teil nicht weniger als 133 Breitengrade, was eine Entfernung von etwa 15000 km bedeutet! Diese weite Strecke legen die Vögel zweimal im Jahre, auf dem Herbstzug und auf dem Frühjahrszug, zurück! Das sind gewaltige Flugleistungen, die aber noch von einer Vogelart, der Küstenseeschwalbe (Sterna paradisea), übertroffen werden. Die Küstenseeschwalbe ist von allen Vögeln am weitesten nach Norden vorgedrungen. Ihr Brutgebiet reicht bis zum 82. Grad nördl. Br. Von hier zieht sie nach den Berichten amerikanischer Ornithologen bis zum südlichen Eismeer, um dort zu überwintern. Sie überfliegt also zweimal jährlich den ganzen Erdkreis.

Auf diesen weiten Wanderungen nehmen sich die Vögel freilich Zeit. Sie fliegen in kleineren Etappen, die täglich etwa 200 bis 300 km betragen, und brauchen mehrere Wochen, bis sie am Ziel sind. Die alte Annahme, daß die Zugvögel mit gewaltiger Geschwindigkeit reisen, die sie in wenigen Stunden über ganze Erdteile trägt, ist durch die neueren Forschungen widerlegt worden und gehört in das Reich der Fabel.

Andere Vögel, wie z. B. die kleineren Singvögel, reisen noch langsamer. Durch die Vogelberingung, die heute unser bestes Mittel zur Erforschung des Vogelzuges ist, wurde nachgewiesen, daß Stare, Drosseln und Rotkehlchen nur 30–60 km täglich zurücklegen.