Durch Messungen der Fluggeschwindigkeit ziehender Vögel wurde festgestellt, daß sie auf dem Wanderfluge etwa die Schnelligkeit eines Eilzuges entwickeln, also ca. 60–70 km in der Stunde.
Zugstraße u. Zug i. breiter Front
Die viel umstrittene Frage, ob die Vögel auf ihren Wanderungen bestimmten, gesetzmäßig festliegenden Zugstraßen folgen, ist durch die Vogelberingung dahin geklärt worden, daß manche Vogelarten zweifellos solche Zugstraßen haben, andere dagegen nicht, sondern auf dem Zuge sich fächerförmig über den Erdteil verteilen, nur einer allgemeinen Richtung folgend. Man spricht in letzterem Falle vom Zuge in „breiter Front“. Ein Vogel, der ganz bestimmte Zugstraßen innehält, ist der weiße Storch. Die Beringung von Störchen hat ergeben, daß die Brutvögel aus Mittel- und Osteuropa im Herbst über den Balkan, die Dardanellen, Kleinasien, Syrien, Palästina und den Suezkanal nach Afrika ziehen, während die westlichen Vögel ihren Weg über Frankreich, Spanien und Gibraltar nehmen. Die Grenze zwischen diesen beiden Zuggebieten bildet die Weser. Beim Zug des Storches ist es also vollauf berechtigt, von „Zugstraßen“ zu sprechen, die freilich nicht auf engen, schmalen Linien verlaufen, sondern eine breite Ausdehnung haben, die z. B. auf dem Balkan und in Kleinasien ca. 200–400 km beträgt.
Viele Vögel scheinen auf ihrem Zuge durch die Sahara den Tarso- und Tassili-Gebirgen zu folgen. Diese Zugstraße ist noch breiter, sie hat eine Ausdehnung von etwa 1000 km. Gleichwohl kann man auch hier noch von einer Zugstraße sprechen, denn sie hebt sich als fest begrenzter Abschnitt aus dem großen Wüstengebiet der Sahara heraus, das in seiner Gesamtausdehnung eine Breite von ca. 5000 km besitzt.
Mit dem Begriff „Zugstraße“ dürfen wir also keine schmale Linie verbinden, sondern die „Zugstraße“ charakterisiert nur die Zugbewegung auf einer enger begrenzten Fläche innerhalb eines größeren zu Gebote stehenden Raumes. Wird dieser Raum in seiner ganzen Breite überflogen, dann sprechen wir vom Zuge in „breiter Front“.
Über die Bezeichnungen „Zugstraße“ und „breite Front“ im Problem des Vogelzuges ist in unserer ornithologischen Literatur schon so viel Verwirrung angerichtet worden, daß es mir notwendig erschien, diese Begriffe hier näher zu erläutern. —
Entstehung u. Ursachen d. Zuges
Die Entstehung des Vogelzuges müssen wir auf die Eiszeit und den durch sie hervorgerufenen Wechsel der Jahreszeiten zurückführen. Solange noch gleichmäßig warmes, tropenartiges Klima in unseren Breiten herrschte, fanden die Vögel während des ganzen Jahres geeignete Lebensbedingungen in ihrer nördlichen Heimat. Dies änderte aber die Eiszeit mit ihren klimatischen Umwälzungen. Viele Vögel wurden durch das kalte Klima allmählich aus ihrer Heimat verdrängt und siedelten sich im Süden unter dem Äquator an, wo die Unwirtlichkeit der Eiszeit sie nicht berührte. Später, nach dem Rückgang der Eiszeit, erfolgte dann von neuem eine Ausbreitung von Süden nach Norden, wo die Vögel im Sommer wieder geeignete Lebensbedingungen fanden. Der Winter zwang aber die Vögel, in das warme Tropenklima zu flüchten, um dann im Frühjahr zum Brüten wieder nach dem Norden zurückzukehren. Mit Berechtigung kann man fragen: Warum blieben die Vögel nicht in ihrer südlichen Heimat, die ihnen zu allen Jahreszeiten die besten Lebensbedingungen spendete, und weshalb nahmen sie die Schwierigkeit und Unbequemlichkeit der Wanderung auf sich? Wenn wir auch bei der Beantwortung dieser Frage lediglich auf Spekulation angewiesen sind, so geht man vielleicht nicht fehl, die Ausbreitung des Brutgebiets nach Norden auf eine Übervölkerung der Vögel in der tropischen Zone zurückzuführen, wo sich die Vögel zur Eiszeit in großen Massen zusammendrängten. Außerdem wohnt vielen Vogelarten eine ausgesprochene Neigung inne, ihr Brutgebiet dauernd zu vergrößern. Auch heute können wir solche Verschiebungen in der Vogelwelt beobachten. So dehnt z. B. der Girlitz beständig sein Wohngebiet nordwärts aus.
Der Girlitz, der ja nur eine geographische Rasse des wilden Kanarienvogels ist und infolgedessen nach der ternären Nomenklatur den Namen Serinus canaria serinus L. führt, war ursprünglich ein Bewohner des subtropischen Klimas der Mittelmeerländer. Von hier breitet er sich ständig nach Norden aus. Vor etwa 300 Jahren war er bis Süddeutschland vorgedrungen und bereits bei Frankfurt a. M. ein häufiger Brutvogel, wonach er damals „Frankfurter Vögelchen“ genannt wurde. Heute ist er bereits in der Mark Brandenburg, in Pommern, Schlesien und dem westlichen Polen eingewandert und in neuerer Zeit sogar in Schweden festgestellt worden. Die Singdrossel, die zu Linnés Zeiten in Skandinavien noch unbekannt war, singt ihr Lied bereits unter dem 60. Grad nördl. Br. Ähnliche Beispiele ließen sich noch für viele andere Vogelarten anführen.
Die Eiszeit mag nicht alle Vögel aus dem Norden verdrängt haben. Sie war wohl kaum so unwirtlich, daß nicht einige Arten mit kräftiger und widerstandsfähiger Natur in den kurzen Sommermonaten hier ausharren konnten. Nur der Winter zwang sie, vorübergehend im Süden ihren Aufenthalt zu nehmen. So entwickelte sich auch bei ihnen die Eigenschaft des Ziehens unter der klimatischen Umwälzung der Eiszeit.