Besser als dem Ur erging es dem Wisent, der sich bis auf den heutigen Tag, freilich nur in wenigen Überresten, erhalten hat. Im Altertum sehr zahlreich über ganz Europa verbreitet, lebte der Wisent hier noch in einzelnen Gegenden bis in das 18. Jahrhundert. In der Mitte des 14. Jahrhunderts kam der Wisent noch in Pommern vor, und selbst im 18. Jahrhundert gab es noch einige Wisente in Ostpreußen. Der letzte deutsche Wisent in freier Wildbahn wurde bei Tilsit im Jahre 1755 von einem Wilderer erlegt. Hundert Jahr länger erhielt sich der Wisent in Ungarn, wo er bis zum Ende des 18. Jahrhunderts noch in Siebenbürgen, im Rodnaer und im Keleman-Gebirge vorkam.

Für den Weidmann bildete die Erlegung eines Wisents, dieses tapferen und wehrhaften Wildes, seit den ältesten Zeiten die Krone der Jagd. Die alten Germanen und die Ritter des Mittelalters gingen im mutigen Kampfe mit dem Speer dem Wisent zu Leibe. Die Erlegung eines Wisents im tapferen Zweikampf erfüllte den Jäger mit Ruhm und Stolz. Als später nach der Erfindung der Feuerwaffe der Bestand der Wisente erheblich verringert war, wurde die Jagd auf den Wisent ein Vorrecht gekrönter Häupter, die das begehrte Wild in besonderen Revieren hegten und große Treibjagden veranstalteten. Besonders die Könige von Polen und die Zaren des Russischen Reiches widmeten sich mit größtem Eifer der Wisentjagd. So blieb diesem edlen Wilde in Polen und in Rußland eine Zufluchtsstätte erhalten, wo es dank der weidmännischen Bestrebungen der Herrscher mit Verständnis gehegt wurde. Der Wald von Bialowies und der Kaukasus waren diese ehrwürdigen Stätten, wo die letzten Reste des Wisents als Zeugen herrlicher, verklungener Zeiten ihr Leben fristeten. Leider muß man sagen „waren“, denn heute sind sie nicht mehr. Der sinnlosen Wut und dem blöden Unverständnis des russischen Bolschewismus mußten diese herrlichen Naturdenkmäler zum Opfer fallen. Die Rätetruppen haben die Wisente schonungs- und erbarmungslos niedergeknallt. Hat man doch in Rußland Treibjagden auf Wisente mit Maschinengewehren unter Aufbietung ganzer Regimenter der roten Garde als Schützen und Treiber abgehalten. So haust der Bolschewismus, der im Kleide des Kommunisten und Spartakisten auch an unsere Tür klopft. Darum, deutsche Jugend, sei auf der Hut vor diesem alle Kulturwerte zerstörenden Wahnwitz menschlichen Geistes!

Maßnahmen zur Erhaltung des Wisents in Europa

Außer in den russischen Jagdgehegen wurden noch in den europäischen Zoologischen Gärten und in einem Wildpark des Fürsten Pleß Wisente gehalten, die sich regelmäßig fortpflanzten und so einen dauernden Bestand bildeten. Die Not des Krieges hat auch hier aufgeräumt, so daß die Anzahl sehr zusammengeschmolzen ist. Der Wisentpark im Pleßschen Revier ist leider auch ein Opfer der Revolution geworden. Die letzte Stunde des gewaltigsten europäischen Naturdenkmals begann zu schlagen. Da ertönte der Ruf edel denkender Männer: „Wisent in Not, in allerhöchster Not.“ Unter Führung des Direktors des Zoologischen Gartens der Stadt Frankfurt a. M., Dr. Priemel, taten sich zahlreiche Männer zusammen, um den Wisent vor dem Untergange zu retten und begründeten im Jahre 1923 die „Gesellschaft zur Erhaltung des Wisents“. Die letzten Reste des edlen Wildrindes sollen gesammelt und zur weiteren Zucht zunächst in einem geeigneten, größeren Gehege untergebracht werden, das Graf Arnim in Boitzenburg in der Uckermark in hochherziger Weise zur Verfügung gestellt hat. Ist der Bestand genügend herangewachsen, dann wird eine Aussetzung des Wildes in einem der größeren Staatsforsten in Ostpreußen geplant. Möge das edle Werk durch vollen Erfolg gekrönt sein! —

Ebenso wie in Europa war der Wisent auch in Asien in früheren Zeiten weit verbreitet, wo er jedoch bis auf ein kleines Rückzugszentrum im Innern von Persien ebenfalls völlig verschwunden ist. Aber auch hier sind die Tage des Wisents gezählt, der in Persien nicht den geringsten Jagdschutz genießt. Die „Gesellschaft zur Erhaltung des Wisents“ plant daher, einige Wisente aus Persien zu überführen zur Blutauffrischung des hiesigen Bestandes, den die Gefahren der Inzucht allzusehr bedrohen.

So wird es hoffentlich gelingen, eins der wertvollsten Naturdenkmäler aus der Tierwelt vor dem Untergang zu bewahren. —

Rentier

Ebenso wie der Bison unternimmt auch das Rentier in Sibirien und Nordamerika regelmäßige, große Wanderungen ([Abbildung 12]). Im Herbst verlassen die Rentiere die baumlosen Niederungen und suchen in den Wäldern Schutz vor den Unbilden des Winters, um dann im Mai wieder in die Steppe zurückzuwandern. Bei diesen Wanderungen werden gewaltige Strecken von mehr als 100 geographischen Meilen zurückgelegt, wobei sich die Rentiere zu großen Herden vereinigen. Da bei den Rentieren nicht wie bei den anderen Hirscharten nur die männlichen Tiere, sondern auch die Kühe Geweihe tragen, so gleicht eine in dichtgedrängter Masse wandernde Rentierherde mit den Geweihen einem wandelnden Wald.

Das erste dicht über der Stirn hervorsprießende Ende am Geweih wird in der Weidmannssprache „Augsprosse“ genannt. Sie ist beim Rothirsch die Hauptwaffe für den Kampf, und jene Hirsche, bei denen die Augsprossen besonders lang sind und sich nicht nach oben biegen, sondern wagerecht nach vorn stehen, sind die gefährlichsten Gegner. Sind zugleich die übrigen Enden des Geweihs nur schwach oder gar nicht entwickelt, dann ist die Gefährlichkeit der starken Augsprosse noch größer. Solche Hirsche forkeln im Zweikampf jeden anderen Hirsch, auch wenn er stärker ist, mit den wie Dolche wirkenden Augsprossen zu Tode. Der Jäger nennt sie daher „Schadhirsche“, weil sie unter dem Wildstand argen Schaden anrichten.

Bei dem Rentier ist die Augsprosse auch stark entwickelt, aber sie trägt vorn eine breite Schaufel, die zwar keine gefährliche Waffe ist, aber ein sehr praktisches Gerät, um im Winter auf der Nahrungssuche den tiefen Schnee fortzuschaufeln. Für das Rentier ist also das Geweih notwendiger als für andere Hirscharten, da es eine praktische Bedeutung hat. Dies mag wohl der Grund sein, weshalb nicht nur die Hirsche, sondern auch die Kühe ein Geweih tragen. —