In Lappland ist das Rentier seit langen Zeiten zum Haustier geworden ([Abbildung 13]). Es vertritt dort unser Rindvieh. Sein Wildbret dient den Lappen zur Nahrung, die Decke wird zu Kleidungsstücken und Leder verarbeitet, aus den Knochen werden Geräte hergestellt. Das gezähmte Rentier unterscheidet sich von dem wilden durch seine etwas schwächere Gestalt und das Auftreten von weißen und weißgescheckten Tieren. Die weiße Farbe beruht jedoch nicht auf Albinismus, sondern ist das sogenannte domestizierende Weiß, was bei allen Haustieren vorkommt. Infolgedessen haben weiße Haustiere auch keine roten Augen, die nur für den Albinismus charakteristisch sind. Den Albinos fehlt jegliches Pigment, infolgedessen auch das Pigment in der Iris, die durchsichtig ist und das rote Blut durchscheinen läßt.
Wohlhabende Lappländer besitzen Rentierherden von mehreren tausend Stücken. Die Einbürgerung des Rentiers als Haustier läßt sich bis in das 9. Jahrhundert verfolgen, wahrscheinlich ist sie aber noch viel älter.
Moschusochse
Ebenso wie das Rentier unternimmt auch der Moschusochse, der das Polargebiet von Nordamerika bewohnt, im Winter große Wanderungen, die das Tier jedoch aus dem arktischen Gebiet nicht hinausführen, sondern nur der Nahrungssuche dienen. Haben sie an einer Stelle die unter der hohen Schneedecke verborgene kümmerliche Äsung aufgezehrt, dann wandern die Moschusochsen weiter und legen hierbei häufig große Strecken in dem weiten Gebiet der Arktis zurück. Der Weg führt über das Eis des zugefrorenen Meeres von Insel zu Insel. Entsprechend des Aufenthalts in einem kalten Klima ist der Moschusochse mit einem langhaarigen Pelz bekleidet, der eine dichte Unterwolle trägt. Trotz der scheinbaren plumpen Gestalt sind die Tiere sehr beweglich. Sie laufen schnell und gewandt und erklettern ebenso geschickt wie Ziegen und Gemsen hohe und steile Felsen und führen sogar an schroffen Felswänden im losen Steingeröll die sichersten Sprünge aus.
Wanderungen der Lemminge
Während Bison, Rentier und Moschusochse regelmäßige Wanderungen ausführen, die mit den Lebensbedingungen dieser Tiere in engster Verbindung stehen, werden andere Säugetiere nur zeitweise von einem Wandertrieb erfaßt, der an keine bestimmte Jahreszeit gebunden ist und ebenso wie die Wanderungen des sibirischen Tannenhähers und des Steppenhuhns sich in ganz unregelmäßigen Abständen wiederholt. So unternimmt z. B. der im arktischen Europa und Asien beheimatete Lemming, ein kleines nur 15 cm langes, gelb und schwarz geflecktes Nagetier, zeitweise große Wanderungen, bei denen sich die Tiere meist nur zu kleineren Scharen von höchstens 100 Stück vereinigen und nur ausnahmsweise große Gesellschaften, die nach Hunderten zählen, bilden. Die Tiere drängen sich auf ihren Wanderungen nicht dicht zusammen, sondern halten größere Abstände voneinander. Jedes Tier sucht sich seinen eigenen Weg. Die Wanderungen bewegen sich in der Regel aus dem Gebirge nach der Ebene, und da die Tiere sich hierbei die gangbarsten Stellen aussuchen, so gibt es in manchen Gegenden ganz bestimmte Pfade, die die Lemminge immer wieder benutzen. Ebenso wie beim Vogelzuge kann man auch bei den Wanderungen der Lemminge von „Zugstraßen“ sprechen. Bestimmte Himmelsrichtungen werden jedoch von den wandernden Lemmingen nicht innegehalten, sondern die Richtung der Zugbewegung hängt lediglich von der Richtung der von den Gebirgskämmen in die Ebene führenden Pfade ab. In der Regel verlassen nicht alle Lemminge ihre Heimat, sondern immer nur ein Teil ihres Bestandes, und zwar meist die Männchen. Es scheint also das Wandern der Lemminge mit dem Sexualleben in Verbindung zu stehen. Die überzähligen Männchen wandern aus, um in anderen Gegenden auf die Suche nach einer Frau auszugehen. Den Massenwanderungen der Lemminge geht stets eine übergroße Vermehrung der sehr fruchtbaren Tiere voraus, die eine Übervölkerung hervorruft. Die Übervölkerung führt naturgemäß zu einer Ausbreitung, die die Tiere allmählich in Regionen bringt, die ihnen weniger zusagen. Das Gefühl der Unbehaglichkeit ergreift sie und weckt das Bestreben, geeignetere Gegenden aufzusuchen, die bessere Lebensbedingungen bieten, woraus dann der Wandertrieb entsteht. So mag neben dem unbefriedigten Fortpflanzungstrieb der Männchen, deren Zahl bei starker Vermehrung vielleicht unverhältnismäßig groß ist, auch die Übervölkerung und der Trieb zur Ausbreitung die Ursache der Wanderungen sein. —
Alle Tiere, welche wie die Zugvögel, der Wisent und das Rentier regelmäßig wandern, kehren stets in ihre Heimat zurück. Die Tiere aber, die sich nur ausnahmsweise und in ganz unregelmäßigen Abständen auf die Wanderschaft begeben, kehren fast niemals zur alten Wohnstätte zurück, sondern gehen auf der Reise, die eine regelrechte Auswanderung ist, meist zugrunde. Dies ist beim Tannenhäher, dem Steppenhuhn und auch beim Lemming der Fall. Nur sehr selten sind Rückwanderungen von Lemmingen beobachtet worden. Die wandernden Tiere werden in der Regel von Seuchen befallen, die sie völlig aufreiben, oder gelangen in Gegenden, die ihren Lebensbedingungen nicht entsprechen, und sterben des Hungertodes. Den wandernden Lemmingscharen folgen mit Vorliebe die Raubvögel, besonders Schnee-Eule und Rauhfußbussard, um sich den durch die Natur reichgedeckten Tisch nicht entgehen zu lassen. So werden durch die Wanderzüge eines Tieres auch andere Tiere zum Wandern veranlaßt. —
Wanderungen der Eichhörnchen
Übervölkerung und Nahrungsmangel treiben mitunter auch das Eichhörnchen auf die Wanderschaft. Besonders in Sibirien sind Massenwanderungen von Eichhörnchen keine seltene Erscheinung. Wenn auch die Eichhörnchen meist nur in kleineren Trupps wandern, so kommen hin und wieder auch größere Massenvereinigungen vor, die Hunderte, ja Tausende von Tieren zusammenscharen. Diese lassen sich bei ihren Wanderungen durch keine Hindernisse aufhalten, dringen in Ortschaften ein, übersteigen hohe Gebirgszüge und durchschwimmen sogar reißende Flüsse, wie den breiten Jenissei. Ebenso wie die Lemminge sind auch die wandernden Eichhörnchen dem Tode preisgegeben. Auch bei uns in Deutschland wurden schon Wanderzüge von Eichhörnchen beobachtet. Im Jahre 1907 durchzog eine große Schar Eichhörnchen den Harz und tat in den Kulturen der Nadelbäume bedeutenden Schaden. Der Durchzug währte jedoch nur wenige Tage.
Wanderungen der Ratten