Ähnlich liegen die Verhältnisse bei den Zugvögeln. Der im Organismus des Vogels einsetzende Zugtrieb veranlaßt die Zugbewegung im Herbst, wobei freilich der Geschlechtstrieb nicht in Frage kommt. Anders liegen aber die Verhältnisse im Frühjahr. Hier erfährt der Zugtrieb des Vogels durch den gleichfalls erwachenden Fortpflanzungstrieb eine wesentliche Verstärkung, die sich darin zeigt, daß der Frühjahrszug bedeutend schneller verläuft als der Fortzug im Herbst. Die Allmacht der Liebe erzeugt in der Vogelseele das Bestreben, möglichst schnell nach dem Brutplatz der Heimat zu gelangen, und beschleunigt daher die Geschwindigkeit auf dem Zuge. Der weiße Storch durchmißt auf dem Herbstzuge täglich ca. 120–200 km, auf dem Frühjahrszuge dagegen 400 km. Ebenso wie die Fische zeigen auch die Zugvögel im allgemeinen das Bestreben, zur Fortpflanzung dorthin zurückzukehren, wo sie selbst das Licht der Welt erblickt haben. Die Rückkehr in die Heimat zur Zeit der geschlechtlichen Reife scheint also ein Naturgesetz zu sein, das im Tierleben weittragende Bedeutung hat.

Andererseits tritt auch ein grundlegender Unterschied zwischen den Wanderungen der Fische und dem Zuge der Vögel hervor. Der Laichplatz, den der wandernde Fisch aufsucht, ist seine Geburtsstätte, also ein Ort, an dem er schon einmal gewesen ist, und an den er sich eine Erinnerung bewahrt haben kann. Dies ist aber beim Zugvogel nicht der Fall. Der junge Vogel, der sich zum ersten Male im Herbst auf die Reise begibt, kennt weder das Land, dem er zustrebt, noch den Weg, der hinführt, denn er war ja noch niemals dort. Trotzdem findet er auf unbekanntem Wege in das unbekannte Land der Winterherberge, und zwar ohne Führung älterer Artgenossen oder seiner Eltern, denn viele Vögel, wie z. B. Raubvögel, der Kuckuck und andere, ziehen nicht gesellig, sondern einsam. Hier kann also von einer zielbewußten Orientierung überhaupt keine Rede sein, denn es fehlen jegliche Anhaltspunkte dafür, da sowohl der zurückzulegende Weg wie das Ziel der Reise völlig unbekannt sind. Es kann sich also nur um eine automatische Seelenfunktion handeln, die ohne Verstand, lediglich im Unterbewußtsein vollbracht wird, und darum nehmen wir Ornithologen an, daß dem Zugvogel zugleich mit dem Zugtrieb auch die Fähigkeit angeboren ist, eine bestimmte, zweckmäßige Richtung, die in ein geeignetes Winterquartier führt, auf der Wanderung einzuschlagen. Hierbei kann es sich natürlich nur um eine allgemeine Richtung handeln, z. B. im Herbst nach Westen oder Süden zu fliegen. Dagegen können wir nicht annehmen, daß das Innehalten eines komplizierten Wanderwegs, der seine Richtung vielfach ändert, auf reiner Vererbung beruhen soll. Hier müssen noch andere, von der Außenwelt stammende Reize hinzukommen, und diese Reize geben vermutlich die Wasserläufe, die Flüsse und Meeresküsten, denen die Zugvögel mit Vorliebe folgen. Dies gab mir Veranlassung, eine doppelte Art der Orientierung der Zugvögel anzunehmen, die ich in meiner Schrift „Die Rätsel des Vogelzuges“ grobe und feine Orientierung genannt habe. Die grobe Orientierung, d. h. die Fähigkeit, einer bestimmten Himmelsrichtung zu folgen, ist eine angeborene Eigenschaft, die feine Orientierung erfolgt durch äußere Reize. In dieser Richtung fliegt der Zugvogel so lange, als der Zugtrieb in ihm rege ist. Hört der Zugtrieb auf, so bleibt der Vogel dort, wo er sich gerade befindet, und diese Stelle ist eben sein Winterquartier. Die Dauer des Zugtriebes ist von der Natur so abgestimmt, daß sie zu der Länge des Zugweges bei normaler Flugleistung im gleichen Verhältnis steht. Auf diese Weise wird auch die Frage, wie der junge Vogel, der zum ersten Male allein ohne Führung seiner Eltern die weite Reise ausführt, das entfernte, ihm unbekannte Winterquartier findet, ohne Schwierigkeit gelöst. Er strebt überhaupt nicht einem bestimmten Ziele zu, sondern das Ziel der Reise ergibt sich von selbst aus dem Erlöschen des Zugtriebes.

Wir sehen hieraus, wie automatisch, rein triebmäßig eine Zugbewegung verlaufen kann, und dies dürfen wir bei anderen Tieren, die wie die Fische geistig erheblich hinter den Vögeln zurückstehen, erst recht vermuten. —

Wenn wir von den Fischen uns weiter zurück in das Reich der Tiere wenden, so finden wir wieder bei den Insekten große Wanderungen, die hauptsächlich der Suche nach geeigneten Nahrungsplätzen gelten.

Heuschreckenplagen

Berüchtigt seit alten Zeiten sind die Wanderzüge der Wanderheuschrecke, die in mehreren Arten Südeuropa, Afrika, Asien und Amerika bewohnt. Eine der sieben Plagen, die zu Moses Zeiten Ägypten heimsuchten, war das Massenauftreten der Heuschrecken, die das Land verwüsteten. Berühmt ist die anschauliche Schilderung, die der Prophet Joel (Kap. II, 2–10) von einer über Palästina hereinbrechenden Heuschreckenverheerung gibt. Er vergleicht die Heuschrecken mit einem feindlichen Heer, das plündernd und sengend das Land durchzieht: „Vor ihm geht ein verzehrend Feuer und nach ihm eine brennende Flamme. Das Land ist vor ihm wie ein Lustgarten, aber nach ihm wie eine wüste Einöde. Sie sprengen daher oben auf den Bergen, wie die Wagen rasseln, und wie eine Flamme lodert im Stroh, wie ein mächtiges Volk, das zum Streit gerüstet ist. Sie werden laufen wie die Riesen und die Mauern ersteigen wie die Krieger. Sie werden in der Stadt umherreiten, auf der Mauer laufen und in die Häuser steigen, und wie ein Dieb durch die Fenster hineinkommen. Vor ihm erzittert das Land und bebet der Himmel; Sonne und Mond werden finster, und die Sterne verhalten ihren Schein.“

Diese klassische Schilderung des Propheten entspricht durchaus der Wirklichkeit. Zu Myriaden, in dichtgedrängter Masse fallen die Heuschrecken gleich einem Wolkenbruch in das Land ein und vernichten in kurzer Frist Felder, Weinberge, Anpflanzungen und Gärten. Alles Grün ist kahl gefressen, das Land ist auf weite Strecken völlig verödet und gleicht den traurigen Verheerungen einer gewaltigen Feuersbrunst. Brehm berichtet in seinem „Tierleben“, daß eine aus vierzigtausend Pflanzen bestehende Tabaksplantage innerhalb einer halben Minute von einem plötzlich einfallenden Heuschreckenschwarm völlig vernichtet wurde. Die Tiere bedeckten wie ein dichter Mantel die ganze Anpflanzung, die völlig verschwunden war, als der Schwarm nach einer halben Minute sich erhob und weiterzog, um das grausige Werk an anderer Stelle fortzusetzen.

Schon die ungeflügelten Heuschreckenlarven begeben sich in großen Scharen zu Fuß auf die Wanderschaft und ziehen plündernd durch das Land. Durch Hineinreiten und Schwenken mit Tüchern wissen die Farmer die gefräßigen Tiere von ihren Anpflanzungen abzuhalten, während man gegen den Überfall der erwachsenen Flugheuschrecken völlig machtlos ist.

Im Altertum und im Mittelalter scheinen die Heuschreckenplagen gewaltiger und zahlreicher gewesen zu sein, als es in unserer Zeit der Fall ist, obwohl die Nachrichten über Verheerungen durch Heuschrecken bis heutigen Tages nicht verstummen. Besonders Afrika hat unter der Plage zu leiden. Im Jahre 1799 wurde fast ganz Marokko von den Heuschrecken verwüstet, und ein Jahr später wiederholte sich dasselbe Schauspiel in Kleinasien. 1747 fand ein großer Einbruch in Europa vom südlichen Rußland aus statt. Gewaltige Schwärme traten zuerst in Ungarn auf, verbreiteten sich von hier über Süddeutschland bis nach Frankreich und zogen sogar über den Kanal nach England. Selbst über das offene Meer nehmen die Heuschrecken ihren Weg. Berger beobachtete einen Flug Wanderheuschrecken mitten auf dem Ozean auf der Fahrt von Hongkong nach Manila. —

Heerwurm, Raupen und Prozessionsspinner