Zu Anfang des 17. Jahrhunderts erregte eine wundersame, gespensterhafte Erscheinung die Aufmerksamkeit der Menschen. Eine graue, 3–4 m lange Schlange bewegte sich in langsam schlängelnden Windungen durch das Dunkel des Waldes. Das seltsame Gespenst trat hin und wieder in Deutschland sowie in Schweden und Norwegen auf. Eine nähere Untersuchung ergab, daß die Schlange aus zahllosen kleinen Würmern bestand, die in dichtgedrängter Masse über den Waldboden wanderten. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gelang es durch wissenschaftliche Forschungen festzustellen, daß diese Würmer die Larven einer Mücke sind, die nach dieser eigenartigen Erscheinung Heerwurm-Trauermücke (Sciara militaris) benannt wurde. Die Larven nähren sich von den auf dem Boden des Laubwaldes liegenden faulenden Blättern und leben meist versteckt unter dem Fallaub. Zu ihrem Gedeihen bedürfen sie eines bestimmten Feuchtigkeitsgrades. Allzu große Trockenheit wird ihnen ebenso verderblich wie übermäßige Nässe. Sagt ihnen die Feuchtigkeit ihres Aufenthaltsorts nicht zu, dann scharen die Larven sich zusammen und wandern, ein langes, finger- bis handbreites Band bildend, aus, um eine andere Gegend aufzusuchen. Die einzelne Larve in dem langen Zuge bewegt sich nach Art der Raupen fort, indem sie den Körper nach oben krümmt, den hinteren Teil des Leibes vorschiebt und den vorderen Teil ausstreckt. Hierdurch erhält der wandernde Heerwurmzug eine wogende, wellenförmige Bewegung.

Mit dem Heerwurm verband sich allerhand Aberglauben. Zog ein Heerwurm talabwärts, so deutete man hieraus auf Frieden und reiche Ernte, bewegte er sich bergan, so wurde Krieg und Unglück prophezeit. Wer einem Heerwurm im Walde begegnete, legte seine Kleider vor ihn auf den Weg. Kroch der Heerwurm darüber fort, so galt dies als ein glückbringendes Orakel, wich er dem Kleidungsstück aus, dann lautete die Wahrsagung auf Unheil und Tod.

Die weit verbreitete Gattung der Trauermücken „Sciara“ hat ihren Namen nach den dunkeln Flügeln dieser Insekten erhalten, die in Laubwäldern leben.

Ähnliche Wanderungen wie beim Heerwurm finden wir auch bei den Raupen des Prozessionsspinners, die an Eichen, Kiefern und anderen Nadelhölzern leben. Sind die Bäume ihres Aufenthaltsorts kahl gefressen, so verlassen die Prozessionsraupen ihren Aufenthaltsort und kriechen, wie der Heerwurm ein dichtes Band bildend, nach anderen Bäumen, deren Laub ihnen Nahrung spendet.

Die Raupen des Eichenprozessionsspinners (Cnethocampa processionea) spinnen sich am unteren Teil des Stammes, am liebsten in einer Astgabel, ein Nest aus lockerem Gewebe, in dem sie den Tag verbringen. Bei der Abenddämmerung verlassen sie ihre Behausung und kriechen im Gänsemarsch, eine hinter der anderen, am Baumstamm zur Krone herauf, um hier die Blätter zu verzehren. Sind die Tiere sehr zahlreich, dann bilden sie auf ihrem Nahrungszuge einen Keil. Eine Raupe übernimmt an der Spitze die Führung, ihr folgen paarweise geordnet zwei Raupen, und die nächsten Glieder sind zu dreien, vieren usw. gebildet. Haben sich die gefräßigen Tiere gesättigt, so begeben sie sich in ihre Behausung zurück. Dieser eigentümliche, an eine Prozession erinnernde Marsch hat dem Schmetterling den Namen „Prozessionsspinner“ gegeben. —

[2] Friedrich von Lucanus, Die Rätsel des Vogelzuges. Ihre Lösung auf experimentellem Wege durch Luftfahrt und Vogelberingung. Verlag Beyer & Söhne, Langensalza. 2. Auflage 1923.

In Nacht und Finsternis

„Alles Leben und alle Bewegung auf unserer Erde wird mit wenigen Ausnahmen unterhalten durch eine einzige Triebkraft, die der Sonnenstrahlen, welche uns Licht und Wärme bringen.“ Diese Worte des großen Physikers Helmholtz zeigen die gewaltige Bedeutung der Sonne für das organische Leben auf der Erde. Ohne Sonne wäre eine Entwicklung des Lebens gar nicht denkbar gewesen. Sie ist die Quelle und die Ursache alles Lebens. Entziehen wir der Pflanze nur für kurze Zeit das Sonnenlicht, so verkümmert sie. Der menschliche und tierische Körper verfällt, des Sonnenlichts beraubt, elendem Siechtum. Das Sonnenlicht ist der ärgste Feind jener kleinsten Organismen, die als Bakterien unser Dasein bedrohen. Die heilende Wirkung der Sonnenstrahlen kann durch nichts ersetzt werden.

Maulwurf

So wichtig Sonnenlicht und Sonnenwärme für die organische Welt auch sind, so gibt es dennoch sogar unter den höherstehenden Tieren solche Formen, die das Sonnenlicht scheuen, ja für die Nacht und Finsternis notwendige Lebensbedingungen sind.