Manche Raubvögel, wie der Fischadler und der Wespenbussard, haben die Gewohnheit, ihre aus Ästen und Reisig hergestellten Horste mit frischen, grünen Zweigen zu belegen, um den Nistplatz unkenntlich zu machen und zu verblenden. —
Die kunstvollen Bauten, welche Säugetiere, Vögel und Insekten ausführen, müssen um so mehr unsere Bewunderung erregen, als die kleinen Baukünstler ohne Werkzeuge und ohne Gerät ihre Arbeiten ausführen. Die Natur gab ihnen die notwendigen Werkzeuge mit auf den Lebensweg, indem sie ihren Körper entsprechend ausrüstete und dem Gebrauch der Organe zugleich die notwendige Geschicklichkeit verlieh. Der Vogel trägt das Material für den Nestbau mit seinem Schnabel herbei und benutzt diesen als Pfriemen, Nadel, Zange oder Meißel, wobei auch die mit Krallen bewehrten Füße zum Festhalten des Baustoffes gute Dienste leisten. Nagetiere, wie Biber und Eichhörnchen, besitzen in den scharfen, langen Nagezähnen vorzügliche Werkzeuge zum Zerkleinern von Holz und wissen außerdem ihre Vorderfüße sehr geschickt als Hände zu gebrauchen. Die Ameisen tragen mit ihren zu Zangen umgebildeten Kiefern den Baustoff herbei und schichten ihn sachgemäß auf. Die Schienen an den Hinterbeinen der Arbeitsbiene sind flach, etwas ausgehöhlt und mit Borsten besetzt. In diesen natürlichen „Körbchen“ sammelt die Biene den Blütenstaub, aus dem das für die Ernährung so wichtige „Bienenbrot“ bereitet wird.
Stachelkleid des Igels
Ein äußerst praktisches Werkzeug ist das Stachelkleid des Igels. Wird er von einem Feind bedroht, so rollt er sich zur Kugel zusammen. Kopf, Füße und Leib sind dann völlig in dem Stachelpanzer verborgen, der wie ein Verhau aus Stacheldraht den ganzen Körper schützt. Aber der Igel weiß die Stacheln noch in anderer Weise sehr praktisch zu benutzen. Sie dienen ihm als Gerät zum Fortschaffen von Gegenständen. Wenn er sich sein Winterlager bereitet, dann wälzt er sich im trockenen Laub. Die Blätter bleiben an den Stacheln haften, und er trägt sie dann auf dem Rücken nach seiner Behausung. Im Sommer und Herbst verzehrt der Igel mit Vorliebe Obst. Findet er unter einem Baum reichliches Fallobst, dann wälzt er sich auf dem Boden, spießt die Früchte hierdurch auf und trägt sie huckepack nach einem Versteck.
Aber auch Tiere, denen derartige natürliche Werkzeuge fehlen, wissen sehr kunstvolle Bauwerke zu errichten. Es gibt Fische, die für die Brutpflege Nester bauen, die kaum weniger kunstvoll sind als die Nester der Vögel, obwohl sie keine Gliedmaßen haben, die als Hand oder Werkzeug verwendet werden können.
Nestbau der Fische
Die meisten Fische legen ihren Laich einfach im Wasser ab und kümmern sich nicht um die Entwicklung der Jungen, die nach dem Ausschlüpfen auf sich selbst angewiesen sind und sich vom ersten Tage ihres Lebens an allein durch die Welt schlagen müssen. Einige Fischarten bauen jedoch regelrechte Nester zur Eiablage und unterziehen sich später mit großer Fürsorge der Erziehung der jungen Brut, und zwar ist es meist das Männchen, dem die Aufgabe des Nestbaus und die Führung der Jungen zufällt. In keiner Klasse der Wirbeltiere beteiligen sich die Männchen so eifrig und hingebend an der Erziehung der Nachkommenschaft als gerade bei jenen Fischarten, die sich durch Nestbau und Brutpflege auszeichnen.
Die Europas Küsten bewohnende Meergrundel (Gobius minutus) errichtet unter einer leeren Muschelschale eine Vertiefung im Sande, indem sie diesen mit dem Maul fortschafft und durch wirbelnde Schläge mit den Flossen fortweht. Liegt die Muschelschale nicht mit der hohlen Seite nach unten, so packt sie der Fisch mit dem Maul und wirft sie durch einen kräftigen Ruck herum. Die Oberseite der Muschel wird dann ebenfalls durch Befächeln mit den Flossen mit Sand überschüttet, so daß der Nistplatz völlig verdeckt und unkenntlich gemacht wird. In dies von ihm erbaute Nest treibt das Männchen mehrere Weibchen zur Eiablage hinein, die dann später von dem Männchen befruchtet werden. Solange Eier im Nest sind, hält das Männchen treulich Wache am Nest und vertreibt jeden Feind aus seiner Nähe. Mit dem Ausschlüpfen der Jungen hört die Brutpflege des Männchens auf, das sich um seine Kinder nicht weiter kümmert.
Einen sehr eigenartigen Nestbau vollbringt der chinesische Großflosser (Macropodus viridiauratus), ein kleines, nur etwa 8 cm langes Fischchen, dessen blaugrüner Körper schön kupferfarben quergestreift ist. Der Fisch zeichnet sich durch unverhältnismäßig große, breite Flossen aus, die schön rotbraun gefärbt sind und bei dem größeren Männchen bedeutend stärker entwickelt sind, als bei dem kleineren, auch unscheinbarer gefärbten Weibchen. Zur Laichzeit baut das Männchen an der Oberfläche des Wassers ein Nest aus Luftblasen, die es ausspeit und die mit einer feinen schleimigen Schicht überzogen sind, wodurch die luftige Wiege eine gewisse Dauerhaftigkeit erhält. Unter innigem Liebesspiel, wobei sich die Gatten mit den Lippen erfassen und wirbelnd herumdrehen, erfolgt die Ablage der Eier unter dem Nest. Sie steigen in die Höhe und bleiben an dem Schaumnest kleben. Das Männchen übernimmt allein die Brutpflege und bewacht sorgsam das Nest mit dem Laich, sowie später die jungen Fischchen, die in den ersten Lebenstagen noch im Nest bleiben. Verläßt ein Jungfisch die Wiege, so wird er vom Vater mit dem Maul erfaßt und wieder in die schützende Wohnung hineingespien. Schwächliche Junge hüllt der fürsorgende Vater in eine Luftblase ein, um ihnen auf diese Weise reichlicheren Sauerstoff zuzuführen. So groß die Liebe des Makropodenmännchens zu seiner Nachkommenschaft auch ist, so hält sie doch nur solange an, als die Jungen der Führung und Aufsicht bedürfen. Ist diese Zeit vorüber, dann erlöscht der Bemutterungstrieb und das Männchen, das noch kurz zuvor ängstlich auf das Wohl seiner Kinder bedacht war, trägt kein Bedenken, diese zu verspeisen, falls sie sich nicht rechtzeitig aus seiner Nähe entfernen. Wir sehen hieraus, wie rein triebmäßig und automatisch das Tier handelt. In dem Augenblick, wo der angeborene Trieb zur Brutpflege erloschen ist, weiß der Fisch offenbar gar nicht mehr, daß die bei ihm weilenden kleinen Fischchen seine eigenen Jungen sind. Er betrachtet sie einfach als willkommene Beute. Ohne Verstand und ohne Überlegung befriedigt er ganz maschinenmäßig den angeborenen Trieb!
Ein äußerst geschickter Baumeister unter den Fischen ist der europäische Stichling (Gasterosteus aculatus), ein etwa 8 cm langes, buntfarbiges Fischchen, dessen Rücken mit drei kräftigen Stacheln bewehrt ist, mit denen die sehr erregbaren und eifersüchtigen Männchen erbitterte Zweikämpfe ausfechten, indem sie sich gegenseitig die Stacheln in den Leib zu bohren suchen. In der Fortpflanzungszeit baut das Männchen zwischen Wasserpflanzen ein etwa faustgroßes, länglichrundes, überdachtes Nest aus Pflanzenteilen, die es mit dem Maul abbeißt und herbeischleppt. Das Nest hat zwei Öffnungen. Bei der Auswahl des Baumaterials geht der Fisch ganz planmäßig zu Werke. Er prüft das Gewicht des Materials, indem er es fallen läßt, und wählt nur die schweren Stücke, die untersinken, während die leichten Teile, die zur Wasseroberfläche emporsteigen, keine Beachtung finden. Die Stoffe werden sorgfältig zusammengeschichtet, ungeeignetes Material wird entfernt und durch neues ergänzt. Die einzelnen Teile werden mit einem aus der Harnblase abgesonderten Nierensekret zusammengeklebt, wodurch der Bau Festigkeit und Widerstandsfähigkeit gegen den Einfluß des Wassers erhält. Das Zusammenleimen erfolgt in der Weise, daß der Fisch mit dem Leib über den Bau hinweggleitet und dabei einzelne Tropfen des Klebstoffs ausscheidet und auf das Baumaterial fallen läßt. Die äußeren Umrisse des Nestes werden in wenigen Stunden hergestellt. Die Vollendung des Baues dauert einige Tage. Dann begibt sich der Stichling auf die Brautschau. Er treibt mehrere Weibchen nacheinander in das Nest, wo sie ihren Laich ablegen. Nun hält das Männchen treulich Wacht und verteidigt den Brutplatz mit größtem Mut gegen sich nähernde Feinde. Jede schadhafte Stelle des Nestes wird sofort ausgebessert. Ferner begibt es sich häufig in das Nestinnere, um durch zitternde Bewegungen mit den Brustflossen das Wasser in Fluß zu bringen und zu erneuern, wodurch den Eiern der für ihre Entwicklung so notwendige Sauerstoff zugeführt wird. Die ausgeschlüpften Jungen werden vom Vater geführt und beschützt, bis sie so weit herangewachsen sind, daß sie sich allein ernähren können.