Intelligenz und angeborene Triebe

Wenn wir die kunstvollen Bauten der Biber und anderer Nager, der Vögel, Fische und Insekten betrachten, so stehen wir bewundernd und staunend vor den Leistungen der Tiere, die den kühnsten Erfindungen des Menschengeistes kaum nachstehen. Dürfen wir diese Handlungen, die uns wie ein Zeichen von Kultur anmuten, auf Intelligenz, auf Verstand und Überlegung zurückführen?

Je mehr man sich mit der Beobachtung der Tierseele beschäftigt, um so mehr gewinnt man den Eindruck, daß das Tier in der Hauptsache von angeborenen Trieben beherrscht wird, die seine Handlungsweise bestimmen.

Als Ornithologe habe ich mich viel damit befaßt, junge Nestvögel aufzuziehen, um ihre körperliche und vor allem ihre seelische Entwicklung kennenzulernen. Da wundert man sich immer wieder, wie der junge Vogel ohne Pflege seiner Eltern, ohne von diesen Unterricht und Anweisung zu erhalten, in kurzer Frist seine Selbständigkeit erlangt und alle Lebensverrichtungen, wie sie für seine Art typisch und notwendig sind, sich aneignet. Der junge Vogel braucht das Fliegen, Laufen oder Schwimmen nicht erst zu erlernen. Sobald seine Schwungfedern ausgewachsen sind, weiß er seine Flügel zu gebrauchen. Er erhebt sich vom Nestrand in die Luft und schwingt sich in den freien Äther, ohne daß ihm von seinen Eltern gezeigt wird, wie man die Flügel zu bewegen hat, wie man den Schwanz zum Steuern gebrauchen muß, wie man den Körper um seine Längsachse drehen und wenden muß, um Schwenkungen auszuführen. Alles dies sind für den jungen Vogel, der seine ersten Flugversuche macht, sozusagen selbstverständliche Dinge, die er nicht erst mühsam zu erlernen braucht, sondern die die Natur als Erbstück ihm mit auf den Lebensweg gab.

Die kleine Ente und jeder andere Schwimmvogel begeben sich gleich nach dem Ausschlüpfen aus dem Ei ins Wasser und schwimmen und tauchen lustig in dem nassen Element, als ob sie es nie anders gekannt hätten.

Das junge Hühnchen, welches in einer Brutmaschine die Eischale verließ und niemals mit seiner Mutter oder anderen Hühnern in Berührung kam, läuft sehr bald hurtig umher und pickt die Körner, die es findet, auf. Ein angeborener Trieb sagt ihm, wie es sich zu ernähren hat.

Der Neuntöter oder Rotrückige Würger hat die Gewohnheit, seine Nahrung, die in Insekten, kleinen Fröschen und jungen Nestvögeln besteht, auf einem Dornzweig aufzuspießen, um sich einen Vorrat zu sichern. Wenn wir einen jungen, erst wenige Tage alten Würger dem Nest entnehmen und im Zimmer aufziehen, so beginnt er, sobald er selbständig geworden ist, Mehlwürmer oder kleine Fleischstücke auf einen Nagel oder Dornzweig, den wir in seinem Käfig angebracht haben, aufzuspießen und legt sich genau ebenso einen Galgen an, wie es seine Artgenossen in der Freiheit tun, obwohl er es niemals gesehen hat.

In meiner Schrift „Das Leben der Vögel“[4], die auch das Seelenleben der Vögel eingehend behandelt, habe ich darauf hingewiesen, daß dem Baumfalken, der ebenso wie der Wanderfalk nur von Vögeln lebt, die er fliegend fängt, sogar das Beutemachen im Fluge angeboren ist. Ein von mir erzogener junger Baumfalk beobachtete meine im Käfig befindlichen Zimmervögel gar nicht, sobald ich aber einen Vogel im Zimmer frei fliegen ließ, fing er ihn sofort sehr geschickt im Fluge mit den Fängen, fußte dann mit seiner Beute auf einem Schrank oder anderem hohen Sitzplatz auf, tötete das Opfer durch einen Biß in den Schädel, rupfte die Federn und begann dann zu kröpfen. Genau ebenso verfährt der Baumfalk in der Freiheit, und der junge Vogel, der in zarter Jugend aus dem Horst genommen und von Menschenhand aufgezogen war, tut dies genau in derselben Weise, ohne einen Unterricht von seinen Eltern erhalten zu haben. Die Vorstellung, daß die alten Vögel ihre Jungen in den für sie notwendigen Lebensverrichtungen unterweisen und anlernen, ist durchaus irrig. Die Lebensverrichtungen beruhen auf angeborenen Trieben, die ganz selbständig und von allein in der Vogelseele erwachen.

Sogar die Technik des Nestbaues ist dem Vogel angeboren. Der junge Vogel, der zum ersten Male zur Fortpflanzung schreitet, errichtet das Nest, wie es für seine Art typisch ist, ohne jeden Unterricht, ohne Kenntnis von den Gesetzen der Schwere, von geometrischen und mathematischen Regeln. Der Töpfervogel baut seine Lehmburg, der Schneidervogel näht Blätter zusammen, der Webervogel flechtet ein Hängenest, ohne in diesen Künsten unterrichtet zu werden. Wir sehen hieraus, daß der Nestbau weiter nichts ist als eine Triebhandlung, die der Vogel vollbringt, ohne sich selbst über seine Handlungsweise im klaren zu sein. Die Ausführung erfolgt vielmehr ganz mechanisch und automatisch, im Unterbewußtsein, wie es für die Triebhandlungen charakteristisch ist.

Ebenso wie mit dem Nestbau der Vögel verhält es sich auch mit den Bauten der Biber, Eichhörnchen und aller anderen Tiere. Wir dürfen sie nicht als das Ergebnis hoher Intelligenz, nicht als Auswirkungen verstandesmäßigen, logischen Denkens auffassen, sondern können hierin nur angeerbte, automatische Triebhandlungen erblicken. Dies zeigt sich am besten darin, daß die Tiere ihre Kunst lediglich nur so weit ausüben, als sie für ihre Lebensbedürfnisse in der Natur notwendig sind, jedoch nicht imstande sind, sie bei anderen Gelegenheiten zweckentsprechend anzuwenden. Der gefangene Biber denkt nicht daran, einen Haufen aus Reisern oder Ästen aufzuschichten, um die Einfriedigung seines Käfigs übersteigen zu können und sich einen Weg zur Freiheit zu verschaffen. Der gekäfigte Buntspecht zermeißelt die in seinem Gewahrsam aufgestellten Aststücke lediglich, um seinen angeborenen Trieb, nach im Holz verborgenen Larven zu suchen, zu befriedigen, wird aber niemals planmäßig und zielbewußt einen starken Holzpfeiler zertrümmern, um sich in den Besitz der Freiheit zu setzen. Solange ihm kein anderes Holz als der Pfeiler seines Käfigs zur Verfügung steht, hämmert er freilich an diesem umher. Er untersucht aber immer wieder andere Stellen und arbeitet ganz planlos daran herum, kommt aber nicht darauf, an einer bestimmten Stelle ein großes Loch zu meißeln, durch das er seinen Körper hindurchzwängen kann, und doch wäre dies für ihn ein leichtes, denn in der Freiheit stellt er ja solche Löcher her, wenn er einen Brutraum zimmert.