— — Wir sind aus der weinigen Gährung in die saure, ja in die faulige gerathen. Freilich ist das in Deutschland schon öfters vorgekommen (Bauernkrieg, Thomas Münzer, Bockold, Dreißigjähriger Krieg), und ich will deshalb nicht verzweifeln. Um sich aber dazu Glück zu wünschen, dazu gehört ein starker Glaube, — oder Aberglaube. Ob die Krankheit nach Ausscheidung des Giftstoffes (mag er von Metternich dem Fürsten, oder Metternich dem Aufrührer herstammen) zu verstärkter Gesundheit, zu langem, langem Siechthume, oder zum Tode führen wird, das liegt nicht mehr in der Hand des Einzelnen, — er sei König oder Demagog.
Den 4. October.
Gestern Abend beim General Cavaignac, unzählige Officiere, wenig schwarze Civilisten, noch weniger Damen; beim sardinischen Gesandten Brignole das Umgekehrte. Dieser Mann macht das angenehmste Haus, während sein König in Gefahr schwebt, auf dreifache Weise gestürzt zu werden, durch Feinde, Verbündete oder Freunde: Österreicher, Franzosen, eigene Unterthanen. Die Lösung der italienischen Frage zieht sich unglücklicherweise sehr in die Länge, wobei Palmerston (der sich jetzt auf dem Lande erholt) nicht ohne Schuld sein soll. — Ebenso zögert Preußen in unentschlossener Weise mit Ernennung zweier Männer für die provisorische Regierung in Holstein, und unterdessen begehen Dänen und Holsteiner neue Thorheiten. — Ich endlich, bin ich nicht auch in die verkehrte Welt gerathen? In den Stunden, wo ich sonst ruhig arbeitete, mache ich Besuche bei Gesandten und Nichtgesandten; Abends, wo ich sonst schon des Zubettegehens gedachte, fahre ich zierlich geputzt in die famosen Soireen; statt mich meines eigenen wohlgeordneten Hauses zu erfreuen, besehe ich Wohnungen nicht für mich, sondern für meinen künftigen, unbekannten Nachfolger; der ich am liebsten zu Hause Hausmannskost aß, muß täglich zum Restaurateur laufen und aus seiner Garküchenkarte mir mühsam meine Nahrung heraussuchen; der ich mir sonst die entferntere Bekanntschaft französischer Romane wünschte, studire sie jetzt eifrig — hauptsächlich um unbekannte neue Worte zu lernen. — Man möchte rufen: Beatus ille qui procul! Aber wo ist man denn fern von den Sorgen der Zeit, und am Ende einer Laufbahn, wo ich wissenschaftlich nichts mehr zu Stande bringen kann, darf ich es für ein Glück, oder doch für eine Schickung halten, in diese Bahn geworfen zu sein. Doch werde ich gewiß nicht lange darauf verharren, sondern bald wieder Nr. 67, Kochstraße, unterkriechen.
In unseren Tagen, wo auch das scheinbar Geheimste nach wenigen Tagen, ja Stunden zur Öffentlichkeit kommt, ist den Gesandten der meiste Stoff ihrer Berichte genommen. Seine eigene Meinung aber als gewichtig aussprechen zu wollen, läuft gegen die Gesetze der Wahrheit und der Bescheidenheit. Bisweilen fühlt man jedoch das Bedürfnis nicht sowohl einer amtlichen Berichterstattung, als einer vertraulichen Besprechung und Herzensergießung.
Der Beschluß, daß in Frankreich nur eine Kammer gebildet werden solle, macht eine gemäßigte und ermäßigte republikanische Regierung fast unmöglich. Die Kammer wird wahrscheinlich allmächtig oder ohnmächtig, und in beiden Fällen tritt Tyrannei abwechselnd mit Anarchie ein, welche beide sich am liebsten nach Außen hin Luft machen. Als die athenische Volksversammlung den Rath, die römische den Senat beseitigte, ging es mit republikanischen Formen und republikanischer Freiheit zu Ende. Dasselbe geschah in England während des 17. Jahrhunderts, nach Beseitigung des Königs und des Oberhauses. Die Assemblée constituante, législative und der Convent verfehlen das vorgesteckte Ziel, 30 amerikanische Staaten halten fest an zwei Kammern und Berlin und Frankfurt haben so viele entgegengesetzte Beispiele noch nicht widerlegt.
Zwei Hauptbewerber, L. Bonaparte und Henri V., hält man hier für persönlich ungeschickt, Frankreich zu regieren. Die Hauptstütze des Letzten ist der Begriff erblicher Legitimität, welcher Vielen ein Gräuel oder doch nicht die Mode des Tages ist. Der Erste beruft sich auf einen Namen, von dessen Gutem oder Bösem, man weiß noch nicht was, auf ihn übergegangen ist. Könnte Einer oder der Andere die Theorien und Praktiken, auf welche sie sich beziehen, geltend machen, in wie ganz entgegengesetzte Richtungen würde dadurch Frankreich geschleudert. Wie gefährlich ist die Unsicherheit, nicht zu wissen, wer durch das allgemeine Wahlrecht mehr oder weniger, kürzer oder länger Herr von Frankreich — oder doch auf die Tagesordnung gesetzt wird. Ja wohl auf die Tagesordnung: denn ein Wahlsieg mit nur relativer Stimmenmehrheit verbürgt keine Dauer!
Uns Deutschen aber thut Ordnung und Einigkeit mehr Noth als je; denn bei aller Friedensliebe der einzelnen Regierungen könnten die obwaltenden Mißverständnisse vielfacher Art leicht und unerwartet zu einem großen Kriege führen. Daher: si vis pacem, para bellum, — jedoch so wohlfeil als möglich. Die Franzosen sind jetzt weit besser gerüstet als die Deutschen und gegen das Ausland immer einig. Würde das jetzt in Deutschland der Fall sein und nicht vielmehr zu dem fremden Kriege sich ein nichtswürdiger Bürgerkrieg gesellen, wie im 17. Jahrhunderte?
Die Reichsgewalt kann und muß mit steigender Gefahr doppelten Muth zeigen und sich von Denen nicht einschüchtern lassen, welche frech auf der Bahn der frankfurter Meuterer beharren.