Den 2. October.
Gestern fuhr ich nach St.-Cloud zu einem großen Feste. Das Schloß war geöffnet, und wir zogen mit Unzähligen durch die prächtigen, aber mit Gemälden und Zierathen überladenen Zimmer. Auch hätte ich mir nicht die Gemälde von Rubens über die Verheirathung Heinrich’s IV. mit der unangenehmen Marie von Medici (welche im Louvre hängen), als Gobelintapeten, noch einmal und immerdar vor die Augen bringen lassen. Die Springbrunnen belebten den Garten, und unzählige Menschen warteten auf den Augenblick, wo der größere Wasserfall mit vielen kleineren Springbrunnen in Thätigkeit gesetzt würde. Da kam plötzlich vom Himmel herab ein so starker Wasserfall, daß Alle die lang und sorgfältig verwahrten Plätze verließen und Schutz suchten. Doch nahm der Regen bald ein Ende, sodaß man das heitere Schauspiel ungestört ansehen konnte. Unzählige Buden bildeten einen großen Jahrmarkt; dazu Schießübungen, Glücksspiele, Schaukeln aller Art, Anstalten sich wiegen zu lassen, Marktschreier u. s. w. — hinreichende Mittel und Bestandtheile zu einem Volksfeste. Ich weiß nicht, ob ich mich irre, aber die Franzosen scheinen mir ernster und kälter, oder doch stiller als sonst bei Volksfesten, in den Straßen, in Omnibus- und Eisenbahnwagen. An Gründen des Ernstes und vorsichtigen Schweigens fehlt es freilich auch nicht, und wenn man gezwungen ist, viel an seine eigenen Verhältnisse zu denken, ist man ein schlechter Gesellschafter.
In dieser unsichern, bewegten Zeit hilft aber das Nachdenken oft zu gar nichts: so denke ich nach, ob, wann, wie lange ich hier, oder in Frankfurt bleiben, wenn eher ich wieder in den berliner Hafen einlaufen werde? Nun ist es zwar möglich, zur Verwirklichung des Einen oder des Andern wesentlich beizutragen: wenn sich aber die gegenseitigen Gründe ungefähr das Gleichgewicht halten, kommt man zu keinem Beschlusse, und wartet bis das Übergewicht von Außen herbeigeführt wird. Man möchte sich bisweilen mit dem Fanatismus der Muhamedaner beruhigen, oder die Vorherbestimmung Calvin’s schon aus Bequemlichkeit annehmen.
Seit 20 Jahren werden Berichte über die peinliche Rechtspflege in Frankreich bekannt gemacht. Die längeren Erfahrungen erlauben schon eher Schlüsse aus gewissen Thatsachen zu ziehen. Ich theile zunächst einige der letzteren mit. Von 100 Verbrechen sind etwa 27 gegen Personen, 73 gegen das Eigenthum gerichtet. Die Zahl der Verbrechen hat seit 20 Jahren, im Verhältniß zur Volksmenge, nicht zugenommen; wohl aber haben einzelne Verbrechen (betrügerische Bankrotte, Falschmünzerei) zugenommen, während andere sich minderten. Die Zahl der Vergehen (délits) ist mehr gestiegen, als die der Verbrechen. Es scheint, als ob die Zahl der Rückfälligen (récidivistes) zunähme, was Folge der Art der Gefängnisse, oder genauerer Voruntersuchungen sein kann. — Landschaft und Sitten haben den größten Einfluß auf die Verbrechen, so von 100 im Departement der Seine 89 gegen das Eigenthum, in Korsika 81 gegen die Personen. Auf dem platten Lande finden keineswegs weniger Verbrechen statt, als in den Städten; auch sind sie öfter von der schwersten Art und gegen Personen gerichtet. Man soll also (sagt ein Berichterstatter) Unschuld und Tugend nicht vorzugsweise auf dem Lande suchen. Von 100 Angeklagten konnten, im Jahr 1846, 52 weder lesen, noch schreiben; also ist die Zahl der nicht unterrichteten Verbrecher verhältnißmäßig viel größer. Seitdem mehre, allzuharte Strafen gemildert sind, finden weniger Lossprechungen statt, denn zuvor.
Den 3. October.
Wenn man täglich Dasselbe sieht, hört und lieset, so ist es sehr natürlich, daß man auch Dasselbe schreibt. Dies unaufhörliche, unvermeidliche Andrängen derselben Gegenstände, Ereignisse und Urtheile hat seine große, eigenthümliche Bedeutung: es ergiebt sich daraus, was die Zeit beherrscht, was man wünscht, oder fürchtet, was mit Vorliebe behandelt, was unbillig und einseitig zurückgesetzt wird. Die sittliche und politische Cholera hat ihre Zeit, wie die körperliche: Niemand soll deshalb ganz verzweifeln oder nutzlos flüchten, sondern der Gefahr muthig entgegengehen, auf Heilmittel sinnen und sie anwenden. Der schrecklichste Wahnsinn ist: die Krankheit für Gesundheit zu halten, mit ihr zu hätscheln, das Gift mit Wohlgefallen zu erzeugen und zu verbreiten. Der Schrecken über die frankfurter Gräuel hat die Frechheit der äußersten Linken nicht vermindert, und ein Frevler und Tollhäusler, wie Struve, wird von ihr zum Märtyrer gestempelt werden. Selbstaufopferung allein giebt aber keinen Anspruch auf ächtes Märtyrerthum; sie ist eine doppelte Sünde, wenn sie für eine schlechte unedle Sache frech gewagt wird.
In Berlin beschließt ein Klub: die frankfurter Meuterer hätten sich ums Vaterland verdient gemacht, und ein Mann, dem Verbrechen halber das Bürgerrecht genommen worden, der Jahre lang im Zuchthause saß, der ehemalige weggejagte Mädchenlehrer und verdorbene Conditor Karbe, wird vom Pöbel im Triumphe umhergeführt als Vertheidiger der höchsten Freiheit. Und dies geschieht in einer Stadt, welche sich rühmt, an der Spitze der geistigen Bildung zu stehen, und die besten Schulanstalten zu haben! Die Geschichte Berlins im Jahre 1848, das gerühmte Feuerwerk, ist in die dunkelste Nacht gesunken, und die Gräuel des alten Roms sind großartig und furchtbar im Vergleiche mit der Feigheit, Nichtigkeit, Albernheit und Misère, welche leider nur zu Viele an vielen Orten zeigen oder dulden. Auch meine Collegen, die Stadtverordneten, möchte man mit Siebenschläfern vergleichen, die nur von Zeit zu Zeit taktlos aufseufzen.
Wenn man dies Alles sieht und fühlt, darf man Frankreich (wie manche Deutsche es noch immer thun) nicht allein und vorzugsweise anklagen. Es fällt der hiesigen Regierung nicht ein, mit den frankfurter Meuterern zu liebäugeln, oder Struve und seine Rotte irgend zu beschützen. Sie hat sich hinsichtlich der diplomatischen Beziehungen zur Reichsgewalt nicht übereilen wollen, ist aber friedlicher gegen Deutschland gesinnt, als irgend eine französische Regierung seit dem Kardinal Richelieu. Ihr Sturz würde wahrscheinlich schlimmere und gefährlichere Verhältnisse zu unserm Vaterlande herbeiführen; — und doch, wer kann für ihre Dauer einstehen!
Man spricht und schreibt jetzt so viel davon, daß keine Regierung sich über verschiedene Völker erstrecken solle; auch hat dies den guten Sinn, daß jede Regierung den Eigenthümlichkeiten jedes einzelnen Volkes solle angepaßt werden, und die Vernachlässigung dieses Grundsatzes, Unzufriedenheit und Aufruhr erzeuge. Andererseits haben sich Regierungen thatsächlich (und zuletzt auch aus natürlichen und zureichenden Gründen) über verschiedene Völker erstreckt, von den Assyrern, Medern und Persern, bis auf England und Österreich. In der That wird aber der Grundsatz über die vereinzelte Unabhängigkeit der Völker von den heutigen Weltverbesserern einem andern untergeordnet: dem der Übereinstimmung hinsichtlich gewisser Ansichten. Daher erklären Ruge und Consorten (oder Complicen) jede Vaterlandsliebe für Thorheit; das politische Glaubensbekenntniß trennt oder einigt jetzt so, wie das theologische im 17. Jahrhunderte, und Stammgenossen richten sich in wahnsinnigem Bürgerkriege zu Grunde, statt in Liebe und Treue auch in bösen Tagen miteinander auszuhalten. Deutschland, dessen wahre Staatsweisheit verlangt, sich mit der Schweiz, Holland, Schweden und Dänemark zu einem großen germanischen Bunde zu einigen, ist mit Allen (die Schuld theilt sich) in Händel gerathen, und es wird sehr viel Zeit und Mühe kosten, die wahrhaft natürlichen Verhältnisse herzustellen. Unterdessen werden die einzelnen Regierungen immer schwächer, nirgends ein Fürst von so überlegener Größe daß er für die Monarchie begeistern könnte, nirgends bei den Demokraten Achtung vor den Gesetzen, republikanische Träumereien, ohne republikanische Selbstbeherrschung und Aufopferung!