Selbst das Mündliche mochte ich (res scripta manet) nicht niederschreiben und lieber unausbleiblichen Vorwürfen entgegengehen, als mit Wahrung meiner Person mein Vaterland einer strengen und leider gerechten Censur unterwerfen. Chi va piano, va sano. Ich habe den bittern Kelch einer schwierigen, diplomatischen Stellung bis auf die Hefen geleert, aber niemals die Hoffnung eines endlichen glücklichen Ausganges ganz aufgegeben. Der Vorwurf: ich habe mich schwach oder charakterlos benommen, ist für den entfernteren Beobachter so natürlich, daß ich mich darüber gar nicht beschweren kann. Vorstehende Andeutungen und Zeugnisse des Hrn. Ministers Bastide, sowie aller vom Gange der Dinge hier unterrichteten Gesandten, würden die Überzeugung hervorrufen, daß ich mich nicht anders benehmen und (trotz des besten Willens und der reiflichsten Überlegung) in höchst ungünstigen Verhältnissen nicht mehr und nichts schneller erreichen konnte.

Zu Dem, was ich am 21. d. M. über die italienischen Angelegenheiten schrieb, füge ich noch Folgendes hinzu: — In einer gestrigen Audienz klagte Hr. Minister Bastide sehr, daß die erneute Blokade Venedigs den Gang der Unterhandlungen erschwere, die Aussicht auf den nothwendigen Frieden vermindere und den Österreichern zuletzt keine bessere Bedingungen verschaffe, als sie ohnedies erhalten würden. Hr. Bastide wünscht, daß die Reichsgewalt diese Ansichten theile und unterstütze. Hr. von Thom hat dies in seinem gestrigen Berichte ebenfalls gethan, gegen Hrn. Bastide aber bemerkt, daß die Blokade wahrscheinlich mit Recht deshalb erneut sei, weil von Ankona aus Schiffe mit Mannschaft und Kriegsmitteln in Venedig eingelaufen seien.

Hr. Bastide wünscht Beschleunigung der Vermittlung, stellt eine etwaige Gränzveränderung ganz in den Hintergrund, bezeugt aufs Feierlichste, bei einem Kriege würde kein Theil gewinnen, sondern Alle verlieren, verspricht alles Mögliche für Erhaltung des Friedens zu thun, klagt aber daß sich immer wieder neue und große Schwierigkeiten erzeugten.

Frankreich wünsche ernstlich, daß Österreich groß und mächtig bleibe, an der unteren Donau schützend auftrete und eine innige Annäherung und Freundschaft zwischen Deutschland und Frankreich stattfinde.

Die Verzögerung der italienischen Vermittlung und die Schwierigkeit, welche Deutschlands Theilnahme findet, scheint weit mehr von England als von Frankreich auszugehen.

Den 30. September.

Es ist merkwürdig, wie die Beschlüsse der hiesigen Nationalversammlung in Weisheit und Thorheit abwechseln, z. B. Verwerfen der steigenden Auflagen und Assignaten, Bewilligung von Ausfuhrprämien, eine Kammer statt zweier u. s. w. Lamartine hat in seiner breiten Empfehlung einer Kammer zuletzt nichts gesagt, als: Die Gefahren des Augenblicks machten die Diktatur oder Despotie nothwendig. Mit Recht hat Odilon-Barrot dies hervorgehoben, aber mit Unrecht hinzugefügt: verfassungsgebende Verfassungen müßten nur eine Kammer haben. Die englische Reformbill ward z. B. von beiden Häusern des Parlaments berathen und beschlossen, und in Frankfurt und Berlin geht es mangelhaft zu, weil die ermäßigende erste oder zweite Kammer fehlt. — Da die Wahl des zukünftigen Präsidenten der französischen Republik den allgemeinen Wahlen zugewiesen wird, hiebei aber aus Bequemlichkeit, Gleichgültigkeit oder anderen Gründen Hunderttausende ausblieben, so wird das Ergebniß doppelt ungewiß, und ist als eine Art von Glücksspiel zu bezeichnen. Cavaignac’s dreimonatliche Herrschaft dauert Vielen schon zu lange, die da herrschen, oder Herrscher erschaffen wollen.

Den 1. October.

Deutsche Zeitungen klagen fortwährend: daß ich hier nicht mehr ausgerichtet und Frankreich sich nicht zuvorkommender benommen hätte. Die Anklagenden vergessen, daß vorzugsweise die äußerste Linke in Frankfurt den Franzosen ihre Freundschaft anbot; diese Linke aber beim General Cavaignac gerade so beliebt ist, wie die rothen Republikaner, welche er im Junius todtschießen ließ. Ferner standen den frankfurter höflichen Redensarten feindliche Thaten gegenüber; sehr natürlich also, daß die Franzosen sich durch jene nicht bestechen ließen.