Den 8. October.
Nur eins weiß man über die Zukunft Frankreichs mit Gewißheit, nämlich, daß sie völlig unbekannt und ungewiß ist. Denn wenn auch die Nationalversammlung höchst wahrscheinlich für die Wahl eines Präsidenten durch das ganze Volk (ohne Abstufung) entscheiden wird, so steht doch gar nicht fest, wer die Mehrheit der Stimmen erhalten, und ob man sich dieser (vielleicht nur geringen) Mehrheit ruhig unterwerfen wird. Viele Legitimisten haben nichts gegen L. Bonaparte: denn er müsse erst völlig abgethan und verbraucht sein, bevor ihr Bewerber mit sicherem Erfolge an die Reihe komme. — Eine angenehme Aussicht auf mannigfaltige Umwälzungen!! — Die Hoffnung: man könne durch irgend eine förmliche Bestimmung der Verfassungsurkunde alle Wünsche unterwerfen und vereinigen, alle Ansprüche beseitigen, alle Leidenschaften bändigen, — ist durchaus täuschend. Nach so vielem Wechsel von Regierungsformen und regierenden Personen hält man jede neue Veränderung für leicht und erlaubt; ehe etwas Wurzel gefaßt hat, wird es ausgerissen und weggeworfen. Die Forderung: daß zwischen der Nationalversammlung und dem Präsidenten steter Friede sein soll, lautet gar schön, wird aber den ewigen Frieden nicht so mühelos herbeiführen, wie Lamartine und ähnliche Phantasten sich einbilden. Wer da, in der etwa ausbrechenden Fehde obsiegen wird, hängt zuletzt (wie die Erfahrung gezeigt hat) weit weniger von buchstäblichen Vorschriften und ängstlichen Auslegungen, als von den Personen ab, von ihrem Muthe und ihrer Kraft. Das beweisen z. B. der 18. Fructidor und der 18. Brumaire. — Wenn man die ganze Verfassungsurkunde ins Feuer wirft, so kommt gar nichts mehr darauf an, was in einem einzelnen Absatze steht. — Doch genug für heute von den Krankheiten Frankreichs. Stände es nur daheim besser! Ist es nicht ein Jammer, daß die Reichsminister der preußischen Regierung sagen und sagen müssen, sie möchten Preßfreiheit und Klubs zügeln, und daß sie dennoch nicht den Muth und die Geschicklichkeit haben, es zu thun! — — — —
Siebzigster Brief.
Paris, den 9. October 1848.
Die jetzige französische Regierung hat dafür gestimmt, daß der künftige Präsident durch die Nationalversammlung und nicht durch allgemeine Volkswahl ernannt werde. Sie konnte aber wohl kaum überrascht sein, daß sich die Mehrzahl der Abgeordneten für das letzte Verfahren erklärte, da man ja in unseren Tagen (ohne Rücksicht auf volksthümliche Verhältnisse) das am meisten Demokratische überall für das Beste hält. Merkwürdig, daß man zu gleicher Zeit unbedingte Einheit (unité) der Gewalt verlangt, hiebei vergessend, wie jene Einheit eben die Form der Despotie, der unbedingten Allmacht ist, mag nun ein Czar, ein Senat oder ein Convent an der Spitze stehen.
Nachdem gestern meine gesandtschaftlichen Arbeiten beendet waren, ging ich den Kays der Seine entlang, zur Kirche Notre-Dame. Jene Kays (die in London an der Themse leider fehlen) erhöhen die Schönheit von Paris gar sehr, und tragen gewiß auch zur Gesundheit einiger Stadttheile bei. Die Kirche unserer lieben Frauen ist groß und merkwürdig, steht jedoch den vollkommeneren Bauwerken dieser Art nach, sowohl hinsichtlich der Auffassung und der Verhältnisse des Ganzen, als in Rücksicht auf die Vollkommenheit der einzelnen Theile. — Nun zum Luxemburg.
Im Hofe war große militairische Parade. Die Soldaten lebendig, kühn, furchtbar; die Bewegungen gewandt, doch ohne ängstliche Pedanterie; die Ausführung der Musik gut, die Compositionen gesucht und manierirt. — Der Garten, bekanntlich ein würdiges Seitenstück zu den Tuilerien, eine Wohlthat für diesen Theil der großen Stadt; Gottlob noch gut erhalten. — Die Sammlung von Gemälden neuerer französischer Meister. Ich danke dem Himmel, daß ich nicht verpflichtet bin ein großer Kunstkenner zu sein, oder ihn zu spielen und mit aufgebauschten, schwülstigen, gestempelten Redensarten um mich zu werfen. Mir ist diese ganze Richtung der Kunst widerwärtig; ich halte sie für eine Ausartung die man bekämpfen, und der man nicht (um einzelner Vorzüge und einzelner Ausnahmen willen) schmeicheln und sie verhätscheln soll. Welche Technik! ruft man mir entgegen. Diese sogenannte Technik findet sich aber keineswegs überall; vielmehr sehe ich Nachlässigkeiten unmittelbar neben der Sorgfalt, Verzeichnungen, häßliche Farben, unnatürliche Verkürzungen u. s. w. Wenn der Zeus, oder die Athene des Phidias sich herabließen in den Tuilerien spazieren zu gehen, und sich daneben ein Seiltänzer auf dem Schleppseile sehen ließe, würden die privilegirten Kunstkenner diesen auch vorziehen und ausrufen: welche Technik!! — Die Wahl fast aller Gegenstände zeigt eine krankhafte, unschöne Leidenschaftlichkeit; eine Vorliebe für das Gewaltsame, Übertriebene, Unschöne. Oder, wo große Künstler durch Ermäßigung verschönerten, schlagen diese in einer Art von schlechter Branntweinbegeisterung den umgekehrten Weg ein. So z. B. ein Prometheus in der unnatürlichsten, widrigsten Stellung; Abel, ein lümmelhaftes Ungethüm, im Vergleiche mit dem vielbekrittelten, rührenden Werke von Begasse. Der Hund auf dessen Bilde ist mehr werth, als der ganze französische Skandal. — Fast kein Bild ohne Kranke und Leichen; ja, ohne Zweifel ist die Zahl der Leichen größer, als die der Bilder, und zwar Leichen blau, grün und gelb, der widrigsten Art. Sowie manche ekelhafte Schwelger stinkendes Fleisch und stinkende Fische allen frischen, gesunden Speisen vorziehen, scheinen diese französischen Künstler, Aas und Leichen den schönsten lebendigen Gestalten vorzuziehen und sich daran zu ergötzen. — Daß sie sehr selten religiöse Gegenstände behandeln, mag gut sein, es würde doch nur auf eine Profanation des Heiligen hinauslaufen: ein Christus erinnert sehr an die Schröder-Devrient. Ich könnte noch viel Einzelnes beibringen; dieser Stoßseufzer mag indeß genügen. — Auf dem Rückwege sahen wir noch die Kirche S. Sulpice und daneben einen neuen, reichlich fließenden Springbrunnen. In vier Nischen sitzen über den Wasserfällen: Flechier, Massillon, Fenelon, Bossuet; die letzten ruhig nebeneinander, obwohl sie sich den Rücken zukehren. Das nebenstehende College für Erziehung der Geistlichen, hat wohl Veranlassung zu dieser Ausschmückung des Springbrunnens gegeben.
Die französischen Zeitungen beschäftigen sich viel mit deutschen Angelegenheiten. In der Regel verstehen sie nichts davon, oder nehmen gern alle Lügen auf, die in ihren Kram dienen. Schlimmer, wenn ein Mann wie Ledru-Rollin darüber mit großer Anmaßung dummes Zeug vorbringt. Das Journal des débats hat ihn heute über mehre Punkte zurechtgewiesen und auch die Frage über das deutsche Gesandtschaftswesen berührt und dessen Schwierigkeiten nachgewiesen. Diese zu beseitigen ist lediglich Sache der Deutschen; nicht unnatürlich wenn sie aber auch hier hervortreten und mir meine Bahn erschweren. Das Journal des débats thut mir indessen die Ehre an zu sagen: la personne de Mr. de Raumer est faite pour sauver bien des difficultés. — Erst störten mancherlei Thorheiten meine Kreise; jetzt die Raschheit mit welcher man von Frankfurt aus alle deutschen Gesandtschaften aufheben möchte. Ich wiederhole zwar: daß mit Anerkenntniß eines Reichsgesandten, neben allen anderen Gesandten, nichts über deren jetzige und künftige Stellung ausgemacht sei und ausgemacht werden solle; man wird dennoch hier scheu und möchte keinen Schritt thun, der von Einzelnen als verletzend könnte ausgelegt und aufgenommen werden. — Das frankfurter Schreiben an Preußen war in der That sehr unzart abgefaßt und konnte nicht: sauver bien des difficultés.
Die jetzigen Machthaber werden, zufolge des obigen Wahlbeschlusses, darauf dringen, daß der provisorische Zustand baldigst beendet und ein Präsident erwählt werde. Jene fühlen, sie seien schon im Sinken begriffen und suchen die Entscheidung schwieriger Sachen ihren Nachfolgern zuzuschieben. Auch meine Zwecke werden deshalb langsamer, oder jetzt gar nicht erreicht; und ein Tag nach dem anderen vergeht, ohne daß eine Macht der Welt im Stande ist, in dieser allgemeinen Bewegung etwas Dauerndes festzustellen, oder festzuhalten. Bastide ist seiner Stellung überdrüssig und sein Nachfolger wird für mich (sofern ich dann noch hier bin) gewiß minder bequem sein.