Den 10. October.
Wenn in Nordamerika (wo die Menschen an strenge Befolgung der Gesetze gewöhnt sind) die in zwei Abstufungen eintretende Wahl des Präsidenten dennoch eine lange und große Aufregung hervorbringt; wie viel mehr wird dies bei einer, ganz allgemeinen Wahl in Frankreich der Fall sein, wo man so unruhig und so geneigt ist, sein persönliches Meinen und Wünschen über die Gesetze hinaufzustellen. Hiezu kommt, daß in Amerika gewöhnlich 2, höchstens 3 Bewerber auftreten und von alten Ansprüchen oder Berechtigungen gar nicht die Rede ist. Lamartine läugnet zwar, gegen die offene Wahrheit, deren Dasein, Bedeutung und Einfluß; wenn jene Präsidenten aber auch sämmtlich zur Seite bleiben, oder zur Seite geworfen werden, so bessern sich die Verhältnisse dadurch keineswegs, sondern die Unbestimmtheit und Ungewißheit wird noch größer. Oder wo ist der Mann auf den ganz Frankreich mit Vertrauen und Ehrfurcht hinblickte, oder hinzublicken genügenden Grund hätte, wie auf einen Washington, Jefferson oder Napoleon. — Cavaignac hat zu wenig gethan um den Leuten auf die Dauer zu imponiren, und was man ihm im Augenblicke der Angst vor der rothen Republik zu Gute rechnete, wird bereits vergessen, oder als übertriebene Härte dargestellt und umgedeutet. Lamoricière steht mit Cavaignac ungefähr auf derselben Stufe; Ledru-Rollin ist ein neuer Abdruck des alten Terrorismus; und Lamartine ein Rhetor, dessen Verwirrung und Schwäche, Andere als Heuchelei bezeichnen. Und doch hat er vielleicht geglaubt mit seiner letzten Rede die Präsidentenwürde zu erobern. Sie Jahre lang zu behaupten, würde ihm so unmöglich werden, als auf die Vendomesäule hinaufspringen und sich auf die Schultern Napoleon’s setzen. Daß übrigens Lamartine keinen Blick für geschichtliche Wahrheit hat, erweiset seine Geschichte der Gironde jedem unbefangenen Kenner. Welch eine Thorheit für einen Staatsmann, das, hier ganz unpassende Wort Cäsars zu wiederholen: jacta est alea! aus dem Regieren vorsätzlich ein dummes Glückswürfelspiel machen, und es durch einseitige, unbedachtsame Beschlüsse darin verwandeln.
Anlagen zur Demokratie, ächte Lebenselemente derselben, sehe ich fast nirgends; überall nur demokratische Gelüste, beruhend auf Eitelkeit, Anmaßung und Verachtung alles Gesetzlichen. Wer sich nirgends unterordnen will, sondern Willkür des Einzelnen an die Spitze stellt, der hat das ABC einer rechten Demokratie noch nicht begriffen. Damit daß man Namen verändert, ist für die Sachen noch kein anderes Dasein begründet: rue royale oder rue de la révolution; théâtre français oder de la république! An allen Kirchen, öffentlichen Gebäuden, Ministerwohnungen: liberté, égalité, fraternité; ein gutes, einträgliches Geschäft für Die, welche es anschrieben und dereinst, für Bezahlung aus öffentlichen Kassen, vielleicht wieder auslöschen. Die Republik, sagen Manche, ist nicht improvisirt, nicht aus dem Stegreife hervorgegangen; Frankreich war dafür längst vorbereitet und reif. Dennoch wußte selbst Lamartine, als er in den Februartagen seine großen Reden begann, nicht was er am Schlusse sagen wollte, und nachdem er der Herzogin von Orleans Kußhändchen zugeworfen und Katzenpfötchen gezeigt, machte er linksum und lief einer Dulcinea nach, welche der neue Donquixote Republik nannte. Bis jetzt zeigt und giebt sie keine Erlösung vom Bösen, sondern ist die Scylla, in welche man gerathen ist, um die Charybdis loszuwerden. Der National beweiset: Frankreich sei die einzige Macht, welche hinreichende Quellen besitze, Jahre lang bequem einen großen Krieg zu führen; ich wünsche ihm Kräfte, Mittel und Weisheit, Jahre lang den Frieden zu erhalten, ohne welchen Europas Bildung zu Grunde geht und Barbarei hereinbricht. Trotz unzähliger Erfahrungen, will die eine Partei noch immer nicht glauben, daß die Form der Verfassung niemals gleichgültig ist; die andere nicht begreifen, daß sie nie entscheidend und allmächtig ist, sondern die Personen mit gleich großem Gewichte in die Wagschale hineinsteigen. Dieselbe Form, aber ein Ludwig XVI. oder Napoleon, welch ein unermeßlicher Unterschied!
Jetzt zur Abwechslung (oder auch nicht zur Abwechslung) wieder eine kleine Portion Paturot. „Eifer und Anstrengung sah man nur in den Parteien, welche mit den Leidenschaften auf der Straße verbündet waren. Die Anderen zweifelten an ihrer eigenen Überlegenheit. Sie sahen eine eingerichtete Gewalt vor sich, und waren geneigt sie zu hassen während ihnen die Kraft entwich, sie zu zerstören. — In Zeiten der Revolutionen erhebt und zerbricht man gar rasch die Götzenbilder. Kein Name, kein Ruf widersteht diesem Gesetze des Augenblicks, keine Größe bleibt unbesiegt. — Der gesunde Menschenverstand ist seltener als man glaubt, und nichts kann ihn ersetzen. — Vergleiche (transactions) mit der Unordnung helfen nicht; sie schieben das Übel hinaus und vermehren dasselbe. — Tausend Beispiele zeigen, was ein ausdauernder Wille vermag. Die offenbarsten Narrheiten, die sinnlosesten Träume haben sich durch Ausdauer einen Weg gebahnt. Jahre lang wiederholten die Sektirer dieselben Irrthümer und Sophismen, veränderten den Ausdruck unendliche Male, und verkleideten sie unter lügenhaften Formeln; und dies reichte hin um die bürgerliche Gesellschaft zu verführen, zu verderben und die Völker in den Abgrund zu stürzen. — Kunststücke, Auskunftsmittel (expédients) haben niemals ein Reich gerettet.“
Den 11. October.
Gewiß hat es Hr. Bastide mit jener ersten Erklärung aufrichtig gemeint, und ich kann sie in der That nicht mißverstanden haben. Doch darf ich Vermuthungen über die etwaigen Gründe neuer Zögerungen nicht unterdrücken. Nämlich: England scheint der officiellen Anknüpfung diplomatischer Verhältnisse mit der Reichsgewalt weit mehr entgegen zu sein, als Frankreich. Lord N. wiederholte mir gestern alle die alten, meines Erachtens hinreichend widerlegten Einwendungen. Ich nahm mir hierauf (als Privatmann) die Erlaubniß, etwas schärfer aufzutreten und ihm zu sagen: England weiß, wie abgeneigt viele Deutsche seiner Politik sind, wie sie darin nur Eigennutz zu sehen glauben oder vorgeben. Und nun erhebt England unerwartet die meisten Schwierigkeiten und scheint durch sein Beispiel auch auf Frankreich störend einzuwirken. Ist das aber eine großartige Politik, um diplomatischer Kleinigkeiten willen die öffentliche Meinung Deutschlands zu verscherzen? Die Bemerkung: „mit Frankreich könne man eher officielle Verhältnisse anknüpfen, denn wie es auch seine Verfassung ändere, bleibe doch immer Frankreich übrig“ beweiset gar nichts; denn wie auch Deutschland seine Verfassung ändert, bleibt auch Deutschland übrig. Daß aber die großen Bewegungen in Deutschland auf lange Zeit mit einem leeren Nichts endigen werden, ist ein großer Irrthum. Wer kennt die Zukunft Frankreichs auch nur auf Monate hinaus. Dringen die Franzosen in Italien oder gen Deutschland vor, so bricht der Bund mit England und das englische Ministerium zusammen, und man wird zu spät bereuen, Deutschland vernachlässigt und verletzt zu haben.
L. Bonaparte hat in der Kammer kurz und patzig, oder doch so gesprochen daß es den meisten Zuhörern nicht behagte. Deshalb wollen ihn Mehre zu häufigeren Reden aufreizen, damit er verbraucht sei, ehe er gebraucht sei. An derlei dünnen Fäden hängt die Zukunft Frankreichs; oder es wird doch vermuthet und geglaubt, man könne sie daran aufhängen.
Gestern Abend war es beim General Cavaignac noch überfüllt; trotz der Stürme oder der Ruhe, die ihm bevorstehen. Ich nahm Gelegenheit Hrn. Bastide über die dummen Klatschartikel zu sprechen, welche man in Frankfurt angeblich aus meinen Berichten über ihn zusammengedrechselt hat. Er (einst selbst Journalist) weiß sehr wohl, in welcher Weise Zeitungscorrespondenten hiebei oft verfahren, und mißt mir, Gottlob, nicht die geringste Schuld bei. Ich wiederholte die Hauptsachen die ich nach Frankfurt geschrieben habe, und er bestätigte, dies sei genau seine Meinung und seine Äußerung.
Beim sardinischen Gesandten traf ich gestern Hrn. Baruffi, der sich in Turin gegen mich äußerst freundlich gezeigt hatte. Wir sprachen viel über Italien. Ich nahm mir die Erlaubniß ihm zu sagen: es kommt weniger auf Landesgränzen und Wechsel der Dynastien, als auf eine gute Verfassung und Verwaltung an; aber die Italiener (immerdar uneinig) sind sich selbst die größten Feinde! — Es ergab sich, daß alle meine turiner Freunde und Bekannte, damals die Häupter der liberal Gesinnten (Balbo, Sclopis, Petitti, Villa Marina und Andere) jetzt von Leuten weit revolutionairerer Art überflügelt sind. Tout comme chez nous!