Den 4. Junius.
Meine freundliche Wirthin hatte mich gestern Abend zu einem Damenthee eingeladen, den ich gern besucht hätte; aber ich mußte pflichtmäßig in den völkerrechtlichen Ausschuß wandern, um über „Schleswig-Holstein meerumschlungen,“ ein Paar Stunden lang, zu rathschlagen und zu politisiren. Zuvörderst ergab sich, daß, leider, Ausschuß und Versammlung über die kriegerische und diplomatische Lage amtlich gar nicht gehörig unterrichtet waren, mithin (bei aufgeregten Leidenschaften) in der größten Gefahr schwebten, etwas Unpassendes, Übertriebenes und Verletzendes zu beschließen. Es fehlt unglücklicherweise an einem Organ, einer Behörde, durch welche sich die Regierungen mit der Versammlung verständigen; denn der hinsterbende, unbeliebte Bundestag reicht dazu nicht hin, und die einzelnen Gesandten lassen ebenfalls nichts von sich hören. Mein Vorschlag: zu fragen und über die Lage der Dinge Belehrung und Auskunft einzuholen, erregte das Bedenken: es werde eine ablehnende Antwort Mißvergnügen erregen, und eine inhaltsvolle wahrscheinlich die, ihrer Allmacht frohe, Versammlung noch tiefer und gefährlicher in die Sache hineinlocken und verwickeln.
Zwei Sachen wurden vorgetragen: erstens, ein (gemäßigtes) Gesuch der holstein-schleswigschen Abgeordneten ihre Sache nicht aufzugeben, sondern für das zu wirken, was Recht und Ehre verlange. Zweitens, ein jammervoller Hülferuf der Hadersleber, sie, nach Wrangel’s Rückzug, gegen die schreckliche Rach- und Straflust der Dänen zu schützen. Gar viele Punkte kamen nunmehr zur Berathung, z. B. Holstein gehöre gewiß zu Deutschland, und wenn dies in Hinsicht auf Schleswig auch zweifelhaft sei, so gehöre es doch unbedenklich seit Jahrhunderten zu Holstein und könne davon nicht getrennt werden. Die Zerfällung in zwei Theile (Dänen und Deutsche) nach der Volksthümlichkeit, sei unrecht, unerwünscht; das Ganze müsse beisammen bleiben. Wiederum habe England die Frage über das Schicksal des nördlichen Theils von Schleswig, als einen Gegenstand der Unterhandlungen hingestellt, und es würde um so verkehrter sein, sich wider Palmerston’s Vorschläge zu erklären, da Schweden und Rußland nur durch die Rücksicht auf Großbritannien von Gewaltschritten abgehalten würden. Deutschland sei unvorbereitet, aufgelöset, uneinig, ohnmächtig, und könne einen Krieg gegen Rußland um Schleswigs willen um so weniger übernehmen, da die Frage nicht der Art sei, das ganze deutsche Volk in Begeisterung zu versetzen. Insbesondere schwebe Preußen in Bezug auf Rußland in der höchsten Gefahr und dürfe (ohnehin abgeschwächt) sich für Schleswig nicht opfern. Es müsse für sich und zur Erhaltung seines Daseins handeln; es werde keinen Beschluß der frankfurter Versammlung achten, sobald es dadurch in eine Todesgefahr komme, gegen welche papierne Bundesverfügungen um so weniger schützten, da sie schon bei dem dänischen Kriege hinsichtlich der zehnten Heeresabtheilung wenig Gehorsam gefunden hätten. Ebensowenig könne es jemals Posen in die Hände der Polen geben und dadurch den Russen den Weg in das Herz der Monarchie öffnen. Der Gewinn Schleswigs sei ganz unbedeutend, wenn gegenüber die Gefahr eines großen europäischen Krieges und die Möglichkeit hervortrete, Ost- und Westpreußen, ja alles Land bis zur Oder in den Händen der Russen zu sehen. An Rußland sei nur zu verlieren, nichts zu gewinnen, Frankreich aber, trotz scheinbarer augenblicklicher Mäßigung, doch ein gefährlicher, den Rheinlanden nachtrachtender Bundesgenosse. Die Erhaltung und Herstellung des Friedens sei höchster Zweck, und die Frage nach dem schleswiger Rechte, verschwinde vor der höhern Politik und den unläugbaren Forderungen der Staatsklugheit. Dies als Andeutung des Inhalts der Berathungen. Das einstimmige Ergebniß war: der Versammlung zwei Erklärungen über Schleswig und über Hadersleben vorzulegen, welche trösten, die Ehre wahren, und doch so gemäßigt abgefaßt sind, daß sie die Mächte und die Vermittler nicht verletzen, nicht vorlaut und übereilt in die Sachen selbst eingreifen. Hoffentlich nimmt die Versammlung unsere Vorschläge an, ohne leidenschaftliche Erörterungen. Die ganze Berathung im Ausschusse war gemäßigt, verständig, anziehend, erfreulich, und mehrt meine Hoffnungen von seiner nützlichen Wirksamkeit für die Zukunft. — Nächstens kommt die Frage über die Bildung einer hiesigen Centralgewalt zur Sprache, wo die Regierungen (unbegreiflicher- und thörichterweise) wiederum versäumt haben, auf eine verständige und freundliche Weise die Initiative zu ergreifen, wodurch die Herrschlust der Versammlung sich nothwendig und natürlich verdoppelt.
Sechster Brief.
Frankfurt a. M., den 5. Junius 1848.
So lange ich hier in Thätigkeit bin, hege ich keinen Zweifel darüber, daß ich hiezu noch tauglich und befähigt sei. Sobald ich aber zum Nichtsthun zurückkehre, scheint es mir verkehrt, nicht etwa selbst anmaßend eine Rolle spielen zu wollen, sondern Rollen auf mir und rings um mich spielen zu lassen. Doch muß ich mich mit dem sustine abfinden lassen, bis etwa Hr. Agathon sein abstine durchsetzt.
In der heutigen Sitzung ward (bei den dringenden Gefahren Deutschlands) beschlossen, einen Ausschuß für die Kriegs- und Wehrverfassung zu bilden, in welchen unter Anderen Teichert und Stavenhagen erwählt sind. Hierauf lange Verhandlungen über Böhmen und Mähren, wobei ein Abgeordneter Jeiteles aus Olmütz sagte: er wünsche, daß das Jahr so fruchtbar sei an Getreide und Kartoffeln — wie an Reden. Allerdings werden mit diesen, und mit Erklärungen und Proklamationen der Versammlung, die großen Gegensätze und Zwistigkeiten der Tschechen und Deutschen nicht ausgeglichen werden. Hofft man indessen davon Trost und Hülfe, so mag man sie (vorsichtig gefaßt) immerhin ergehen lassen. Weit heftigerer und ungebührlicher Streit und Lärm erhob sich über die Frage: ob die erwählten Abgeordneten für den deutschen Theil Polens sollten zugelassen werden. Die Linke, welche gern Händel für die Deutschen in Schleswig suchte, will (die Polen unverantwortlich und inconsequent mehr begünstigend) jene Abgeordneten ausschließen. Endlich wurden sie vorläufig zugelassen, die staats- oder völkerrechtliche Frage aber an den Ausschuß verwiesen, wo ich darüber mitsprechen und entscheiden muß. Gewiß ist bei dieser Thätigkeit und Mühe mehr Zusammenhang und Erfolg, als bei der Rederei in den verschiedenen Quasiklubs. Doch mag dies als Ableiter dienen, sonst würden sich noch Mehre in der Hauptversammlung vordrängen. Man sollte, da die Redelustigen jede ihrer Reden doch wohl auf 5 Thlr. Werth schätzen, diese Summe (etwa für die deutsche Flotte) abfordern, um diese flott zu machen oder den Andrang zu vermindern. — Merkwürdig, daß bei jener Polenfrage die Ansicht der Funfziger von der Linken als maßgebend hervorgehoben wurde, während kein Redner der Aufnahme Posens in den deutschen Bund durch die Bundesversammlung erwähnte.
Es war im Hirschgraben wieder, in meiner Abwesenheit, davon die Rede gewesen, daß ich ein Programm für die Gesellschaft entwerfe. Bei meiner Abneigung gegen bindende Glaubensbekenntnisse und gegen den Schein, als wolle ich mich der äußersten Rechten unbedingt anschließen, lehnte ich den Antrag ab. Ebenso den Vorschlag Lichnowsky’s: drei Männer (darunter ich) sollten zwei verschiedene Gesellschaften sogleich besuchen und bis morgen entscheiden, ob und welcher man beitreten, oder ob man fernerhin im Hirschgraben weiter beisammen bleiben wolle. Eine solche Diktatur dreier Männer, ohne Rückfrage und nähere, nochmalige Berathung, würde sich gewiß keiner langen und allgemeinen Beistimmung erfreut haben. Lichnowsky’s Weissagung: die Gesellschaft im Hirschgarten werde sich auflösen, hat indeß guten Grund. Denn die Leute wollen lieber Alles durcheinander durchplaudern, und die politische Weisheit gleichzeitig mit Wein, Bier, Punsch, Beafsteaks, Cotelettes, Kartoffeln und Cigarren hinunterschlucken. Mir ist (nachdem ich des Tages Last getragen) solch Pandämonium für Leib und Seele unbequem, wo Kellnergeschrei und Teller- und Gläsergeklapper, die Janitscharenmusik zu der eingebildeten demosthenischen Weisheit bildet.