Heute (2. Juni) erzählte mir Somaruga viel von Wien, wo die Auflösung viel größer und die Anarchie viel ärger ist, als bei uns. Das Ministerium hat nichts von der Flucht des Kaisers gewußt, und man sieht darin allerdings das Werk einer rückläufigen Partei. Für Wien sind die Aussichten noch viel schlimmer, als für Berlin. — Den Grafen D. machte ich darauf aufmerksam: wie übel es sei, daß Ausschuß und Versammlung nichts Sicheres und Amtliches über den Stand des Krieges und der Unterhandlungen in Schleswig wisse, während alle Heftigen auf schnelle und gewiß übereilte Beschlüsse drängen. Dasselbe gilt von der hiesigen Errichtung einer Centralregierung mit oder ohne Theilnahme der bisherigen Regierungen. Beide Sachen kommen in diesen Tagen gewiß zur Sprache, ohne daß man den Gang und Ausgang der Berathung mit Sicherheit voraussehen kann. Wir segeln in unbekannten Gewässern ohne Compaß.
Nachdem ich vorgestern aus der Abendversammlung hinweggegangen war, hat man mir die Ehre angethan, vorzuschlagen: meinen Vortrag, als ein sogenanntes Programm, anzuerkennen. Da ich indessen nicht zur Hand war, es aufzusetzen, hat man den, ohne Zweifel weit bessern Vorschlag angenommen, gar kein allgemeines, bindendes Symbol aufzustellen, sondern sich allmälig immer weiter und weiter zu verständigen. — Das war für einen Tag (2. Junius), ein langer Bericht. Möget Ihr ihn nicht zu langweilig finden.
Den 3. Junius.
Quos deus vult perdere dementat: wen Gott verderben will, den verblendet er! Während Österreich anarchisch in kleine Stücke zerfällt, sagte mir gestern ein österreichischer Abgeordneter: die einzige Rettung Deutschlands sei ein Krieg mit Rußland, wozu Österreich 300,000 Mann stellen werde. Ihr könnt denken, was ich ihm antwortete. — Ebenso verblendet sind unsere Stammbrüder, die Dänen und Schweden, welche mit Rußland ein Schutz- und Trutzbündniß schließen, wie einst die Fürsten des Rheinbundes mit Napoleon. Doch zwang hier die Übermacht, während dort alle Staatsklugheit in Leidenschaft zu Grunde geht. — Heute wird ein neues Nothgeschrei der Schleswiger in der Versammlung erhoben, und ihr Gesuch wohl an den neuen völkerrechtlichen Ausschuß gewiesen werden, wo ich wahrscheinlich das wiederholen muß, was ich schon gestern Abend im Hirschgraben aussprach. Die dasige Gesellschaft hat keinen rechten Fortgang, theils weil man sie als äußerste Rechte bezeichnet, theils wohl, weil man daselbst nicht ißt, trinkt und raucht.
Neben diesen Ergötzlichkeiten geht die Rederei im Weidenbusche ununterbrochen her, wo unter Anderem A. R. vorgestern Abend gesagt hat (à la Marat), man müsse viele Tausend Köpfe abschlagen! Doch ist er darauf aufmerksam gemacht worden, daß der seinige zuerst mit an die Reihe kommen dürfte. — Ich habe mich schon in Berlin an sogenannter Beredtsamkeit dergestalt übernommen, daß ich hier hinter manchem Vielfraß zurückbleiben will und muß; — aber eben deshalb von Einigen wohl für einen untauglichen Abgeordneten gehalten werde. Auf meine Anregung wollen sich jedoch die Herren im Hirschgraben statt um ½9 um 7 Uhr versammeln, was meine Theilnahme hoffentlich erleichtert; — sofern nicht die stets lebendige Erinnerung an das Heupferd und den Heuwagen, störend dazwischentritt. Wiederum hat das Heupferd in seiner Theilnahme und seiner tröstenden Hoffnung auf nützliche Einwirkung, keineswegs so ganz Unrecht. Wo bliebe Begeisterung, Thätigkeit, Arbeitslust, Freundschaft, Liebe, wenn man immer die Goldwage zur Hand hätte, und sich immer zu leicht und unbedeutend fände!!
Als nicht politisches Zwischenspiel, erzähle ich, daß ich Goethe’s und Jacobi’s Briefe theils durchblättert, theils mit großer Theilnahme gelesen habe. Die süßliche Überschwänglichkeit des letzten, weicht oft sehr ab von der heutigen Briefkochkunst; wer weiß aber, welches Gewürz oder Nichtgewürz unserer Tage, den Nachkommen ebenfalls nicht recht schmecken wird! Da ich mit Goethe sage (S. 261): „Ich für mich kann, bei den mannigfaltigen Richtungen meines Lebens, nicht an einer Denkweise genug haben“; so verständige ich mich nach meiner Natur mit beiden Männern, ohne deshalb in Jeglichem mit ihnen übereinzustimmen. So nicht mit Goethe, wenn er (S. 162) behauptet: „Geschichte sei das undankbarste und gefährlichste Fach.“ — Und nicht mit Jacobi, welcher (245) fordert: „man solle Platon, oder Spinoza allein anhangen, ihn allein für den Geist der Wahrheit halten.“ — Ich habe mich in beide vertieft, mit Begeisterung hineingedacht, durch beide erhoben und glücklich gefühlt. Die Welt ist reicher als das allein seligmachende Credo irgend einer philosophischen, oder theologischen Schule; und die Wahrheit ist nicht das Monopol einer einzelnen Geistesrichtung.
In der heutigen Sitzung kam ein Widerspruch mehrer Polen zur Sprache, welche nicht im Reichstag erscheinen wollten. Er ward zuvörderst an den völkerrechtlichen Ausschuß gewiesen. Für die Frage über die Bildung einer hiesigen Centralgewalt, beschloß man einen neuen Ausschuß zu wählen. — Als in der dritten Abtheilung, zu der ich gehöre, Einer zum Ausschuß über die Bildung der Centralgewalt gewählt werden sollte, meldeten sich mehre Bewerber. Man verlangte: sie möchten sich über ihre Ansicht der Sache erklären, bei welcher Gelegenheit ein Oberst von Mayeren aus Wien verständig und gemäßigt sprach. Drauf manch Gerede hin und her, zu dem ich um so mehr schwieg, da ich (schon einem beschwerlichen Ausschusse zugesellt) mich nicht thöricht der Gefahr aussetzen wollte, mit neuen Arbeiten übermäßig belästigt zu werden. Doch wäre ich beinahe in diese Gefahr unabsichtlich hineingestürzt. Als nämlich ein mir unbekannter Mann, jene Bildung der Centralgewalt allein der Versammlung in Frankfurt zuweisen wollte, ohne irgend eine Rücksprache mit den Regierungen; als er auf die, aller Freiheit noch immer höchst gefährlichen Umtriebe der Fürsten schalt, oder schimpfte u. dgl., so bat ich (die Geduld ging mir aus) ums Wort und sprach lebhaft: daß man nicht immer auf Zwist, auf unbedingtes Befehlen und Gehorchen hinarbeiten müsse, sondern auf Versöhnung und Verständigung zwischen dem hiesigen Reichstage und allen Regierungen; deren Bevollmächtigte möge man hören, ehe man übereilt beschließe und dann vielleicht lauten Widerspruch finde. Von den behaupteten ganz neuen und verdammlichen Umtrieben der Fürsten sei mir nichts bekannt, oder nichts erwiesen; oder wenn Einzelne noch etwa die Sachen rückwärts schieben wollten, sei dies in diesem Augenblicke kein Gegenstand ernster Furcht. So würde hoffentlich der Verstand und gesunde Sinn der Deutschen ebenfalls des ultraradikalen Geschreis Herr werden. Unsere Aufgabe sei nicht Händel zu suchen, sondern für die Einheit und Mannigfaltigkeit Deutschlands gleichmäßig zu sorgen u. s. w.
Meine Worte fanden vielen Anklang und verschafften mir viele Stimmen, doch ward Mayeren (mir willkommen) gewählt.
Ich habe ein eigenes Schicksal: meine erste Quasirede war gegen ein Mitglied der äußersten Rechten, gegen Hrn. v. Vincke gerichtet; die zweite gegen ein Mitglied der äußersten Linken, gegen — wie ich nachher erfuhr — Hrn. Schlöffel!!
Vergleiche ich die hiesigen Verhandlungen, Alles zu Allem gerechnet, mit den Berlinern, so mögen Sorgen und Hoffnungen gleich groß sein; doch hält Gagern als ein tüchtiger Präsident die Sachen besser zusammen, allmälig wird das Unwichtige kürzer behandelt und immer nachdrücklicher auf die Hauptsachen hingewiesen. Auch lernt man hier mehr interessante Personen kennen, und die Berathungen verbreiten sich über die mannigfachsten und wichtigsten Gegenstände. So reut es mich, trotz der Kehrseiten, der Einsamkeit und der Sehnsucht nach Hause, doch nicht, daß ich hieher gegangen und nicht in die berliner Versammlung eingetreten bin; — so fern Agatho- oder Kakodämon mich nicht ganz in den Ruhestand versetzt. Noch ist meine Wahlangelegenheit indeß nicht zur Sprache gekommen.