Vierzehnter Brief.

Frankfurt a. M., den 18. Junius 1848.

Es mag kindisch von mir sein, aber ich kann mich gar nicht trösten über den Sturz unserer schönen Linde! Mir ist als wäre mir ein treuer Freund gestorben, von dem ich überzeugt war, er würde mich lange überleben. Ist es aber, bei allem gerechten Schmerze, nicht zuletzt ein schöner Tod? Durch die mächtige Hand des Himmels abgerufen in der Pracht seiner Jugendblüthe, betrauert, beweint, bevor die Wurzeln nicht mehr den Boden festhalten konnten, bevor die in Blättern und Blüthenreichthume glänzende Krone vertrocknete, die kühnen Aeste zu Boden fielen, die Theilnahme erlosch, und ein Todesurtheil von frierenden Gesellen oder einem eigennützigen Bauherrn über ihn ausgesprochen ward. Ich möchte mir wünschen, statt in die kalte Erde gelegt zu werden, in den Flammen seines duftenden Scheiterhaufens gen Himmel zu steigen; denn hier — geht es ohnehin mit mir zu Ende. — Laßt nur bald ein Bäumchen an die Stelle des Baumes pflanzen; obwohl der nach meinem Tode auch bald von Baulustigen wird umgehauen werden. Auf dem jetzt betretenen Wege kann es indessen bald dahin kommen, daß in der Residenzstadt Berlin die Bäume wild wachsen und die Häuser einfallen.

Doch wozu Euch und mich noch weicher stimmen; indessen wechselt Wehmuth und Zorn. Vielleicht stählt man sich auf diese Weise am besten. Ich lasse mir aber auch eine Zerstreuung gefallen. Hr. Andre, von dem ich das Fortepiano gemiethet, lud mich (wie anliegende Karte zeigt) zu einem musikalischen Morgenvergnügen. Während des wehmüthigen Adagio von Mozart dachte ich immer an unsere Linde. Sie war mir das Bild der Vergänglichkeit für Blumen, Bäume, Städte, Throne, Völker. Ich mußte mich zusammennehmen, um nicht (zu Ehren der Virtuosen) allzu gerührt zu erscheinen. — Hr. Jaell ist ein sehr fertiger Klavierspieler. Das Vorgetragene litt jedoch meist an den neumodischen Schwierigkeiten, Willküren und Kunststücken. Insbesondere war durchaus unbegreiflich, warum Hr. Willmers sein Werk „ein Sommertag in Norwegen“ betitelt hatte. Möglich, daß ein Paar norwegische Noten darin versteckt und verdeckt waren, giebt das aber eine Analogie zu einem Sommertage? — Im Ganzen ward Alles gut ausgeführt, und beim Herausgehen besah ich mir die frankfurter Damen. Gemischter Art, wie meist überall.

Den 19. Junius.

Gestern Abend sah ich zwei Akte der Jüdin von Halevy. Die Aufführung war besser wie die Musik selbst. Diesen Componisten liegt Alles zur Hand: mehr wie sechs Oktaven auf und ab, viele sonst unbekannte oder vervollkommnete Instrumente, große Vorbilder u. s. w.; und dennoch verstehen sie daraus nichts zu erbauen, was Haltung, Maß, Styl, Einheit hätte. Sie bringen es nicht über ein betäubendes Chaos der Quantität. Nach zwei Akten begab ich mich, matt und zerschlagen, mit dem Gymnasialdirektor Nizze auf die Flucht, um einen Spaziergang um die abendliche Seite der Stadt zu machen. Himmel und Erde prangten in gleicher, harmonischer Schönheit; wogegen das Treiben der Menschen sich jetzt in lauter unaufgelöseten Dissonanzen gewaltsam weiter, — oder in unfruchtbarem Kreise —, bewegt. Laß es Dich nicht gereuen, für vergängliche Blumen gesorgt und Dich daran erfreut zu haben. Nur das Vergängliche bedarf und verdient unsere Sorgfalt, und den Tagen des Sturmes und Hagels folgen in diesem und dem künftigen Jahre, auch Tage heiteren Sonnenscheins. Darum sorge, nach wie vor, für den Garten.

Die spikersche Zeitung vom 17. hat doch einigen Trost gebracht: Milde’s Erzählung, Sydow’s Erklärung, andere Stimmen für Ordnung und Recht, Blesson’s Abdankung u. s. w. Wenn aber nicht ein Mann von beherrschendem Muthe und großer Kraft an die Spitze der Bürgerwehr kommt, bleibt Alles schwankend und unsicher.