Zu den alten 17 Anträgen über die neue vollziehende Gewalt, waren 34 neue gekommen, und 113 Redner meldeten sich. Der Vorschlag, daß Alle vor dem Schlusse gehört werden müßten, fiel Gottlob durch, und eine allgemeine Untersuchung über die Nothwendigkeit der Maßregel, ward für entbehrlich erklärt.
Die Linke war heute in den Erörterungen gewiß nicht die stärkere, erfreute sich aber, wie natürlich, des Beifalls der Galerien. Ein Herr — ermüdete durch seine überlange und langweilige Rede, auch diese, und einer meiner Nachbarn (ein wiener Advokat) schlief während der Zeit wie eine Ratze. Nach einer verständigen Rede von Radowitz (an deren voller Aufrichtigkeit jedoch Einige zweifeln) ließ sich ein Pfeifen, oben, und vielleicht auch unten hören. Da verlor der Präsident Gagern die Geduld und sprach von Ungezogenheiten und Bubenstücken; was das Gesindel und die Schreivögel denn doch einschüchterte. Vortrefflich redete Bassermann, sehr gut Dunker aus Halle; beide haben das Verdienst, der Wahrheit und dem Rechte die Ehre gegeben zu haben. Der ächte Sieg war auf ihrer Seite. — Auf den Inhalt näher einzugehen, fehlt mir heute die Zeit. Es wird genügen, künftig etwas über die letzten Ergebnisse zu sagen.
Nach beendigter Sitzung hoffte ich ruhig bei Hrn. Jouy zu essen; zu dem Tische hatten sich aber einige Studenten oder studentenartige Kreaturen eingefunden, welche Deutschland durchzogen hatten und vom Sinne und der Stimmung seiner Bewohner Dinge verkündeten, über die man bittere Thränen hätte weinen können! In unseren Tagen (lehrten die neugebackenen Propheten) giebt die Macht allein das Recht. Die Fürsten müssen gerichtet und weggejagt werden, ein Bürgerkrieg ist nothwendig und nützlich u. s. w. Und in demselben Augenblicke, wo der Wahnsinnige mit eiskalter Gleichgültigkeit diese furchtbaren Behauptungen ausspricht und meint, die Ereignisse hätten immer und allein Recht, erzählt er achselzuckend: man habe einen Deutschen zu Prag im Wirthshause mit Biergläsern und seine Frau in ihrer Wohnung todt geschlagen, und einen Andern lebendig gekreuzigt!! — Mit solchen Leuten hilft kein Streiten, diese Pestbeulen lassen sich mit gewöhnlichen Arzneimitteln nicht heilen. Auch sind sie an den Gedanken terroristischen Guillotinirens vollkommen gewöhnt und untersuchen nur, wo und wie der Anfang zu machen sei. Ich eilte aus dieser, an die schlechtesten Zeiten der Revolution erinnernden Gesellschaft fortzukommen. Ja, die Franzosen hatten weit mehr Veranlassung zu ihrer Tollheit, und es war wenigstens Methode in derselben. Baboeuf und Consorten sind genial und großartig gegen diese fluchwürdigen, sich und Andere aushöhlenden, leeren Schwätzer, Phrasendrechsler und lächelnden Meuterer.
Die heutige Sitzung (20.) begann um 9 Uhr und endete ½3 Uhr. Zuvörderst große Begeisterung, vermöge welcher erklärt wurde: ein fremder Angriff auf Triest gelte für eine Kriegserklärung. Muth und Ehrgefühl genug, aber vor der Hand keine Mittel, den Beschluß geltend zu machen. Ich hoffe, Karl Albert wird deshalb die deutschen Handelsschiffe im mittelländischen Meere nicht aufbringen lassen. Am Schlusse der Sitzung war man drauf und dran, mit verkehrter Eil, ein Heer nach Prag zu senden, um die Deutschen zu schützen. Wohlgemeint; noch ist aber nach Zeugnissen von Böhmen die ganze tschechische Bevölkerung auf dem Lande ruhig, und ein solcher Heereszug der Deutschen könnte leicht einen neuen Hussitenkrieg entzünden. Endlich ging es durch, die Sache zu ruhiger Ueberlegung an den bereits hiefür bestehenden Ausschuß abzugeben.
Den Inhalt der mehrstündigen Berathung über die zu errichtende, vollziehende Gewalt kann ich nicht einmal im Auszuge hier wiedergeben. Nur einige unbedeutende Nebenbemerkungen können Platz finden. Doch ist es keine Nebenbemerkung, wenn ich behaupte, die Zögerungen und die Nichtigkeit der Regierungen habe jene wichtige Frage ganz in die Hände der Nationalversammlung gebracht, und diese werde gewiß durchsetzen, was ihr gefällt. Der wohlgemeinte Vorschlag des Hrn. Bürgermeister — —: die vollziehende Gewalt in die Hände Preußens zu legen, war bei der Stimmung der Versammlung unzeitig, und ward mit so schwacher Stimme und so ohne rednerisches Talent entwickelt, daß er völlig zu Boden fiel. Unter den Rednern der Linken ist Robert Blum bis jetzt der bedeutendste. Er benutzte die Schwächen seiner Gegner sehr geschickt, wußte mit sophistischer Gewandtheit seine Ansichten und Grundsätze für die leicht begeisterten Unwissenden glänzend vorüber zu führen, und erhielt natürlich den lauten Beifall seiner Freunde und der, noch immer nicht zu bändigenden, Galerie. Höchst langweilig war dagegen die im sächsischen Dialekte hersyllabirte Rede eines ähnlich Gesinnten. Jeder, sagte er, ist gleich bei der Geburt ein Souverain; welche erhabene Äußerung viel Heiterkeit erregte. Welker sprach mit großer Lebendigkeit für seine, im Verhältniß zur äußersten Linken, conservative Ansicht. Ähnlich ein Wiener, von Würth; — Beckerath ruhig, gemüthlich, überzeugend.
Ich begreife allmälig, daß König F. W. III. alle Abende ins Theater ging, um seine Regierungssorgen los zu werden; mir bleibt fast auch nur dies Mittel, meinen Gedanken eine andere Richtung zu geben. So sah ich (19.) gestern einige Akte eines dramatisirten Volksmärchens von Musäus, wo der verzauberte Barbier sich lustig genug ausnahm. Diese Posse des Abends war gewiß besser und ergötzlicher, als der wilde Ernst der veralteten, im Kopfe verwirrten, im Herzen angefrorenen Jugend, des Mittags. — Den 20. Nachmittags machte ich einen Spaziergang rings um einen großen Theil der Stadt. Die Umgebungen sind, ich wiederhole es, in ihrer Art höchst reizend; und ich kenne keine Stadt, welche in dieser Beziehung Frankfurt gleich zu stellen wäre.
Funfzehnter Brief.
Frankfurt a. M., den 22. Junius 1848.