Die heutige Sitzung war sehr lang (9–3 Uhr), aber doch nicht langweilig, vielmehr ward überwiegend gut gesprochen, und man schien sich einem erfreulichen Ziel zu nähern. R. Blum begann in seiner gewöhnlichen, geschickten, aber allerdings mit Sophismen durchzogenen Weise. Doch versprach er ohne Bitterkeit und Persönlichkeit zu reden, und hielt auf löbliche Weise sein Wort. Ähnlich Lichnowsky, obgleich von ganz entgegengesetztem Standpunkte ausgehend und ihm vollgewichtig die Wage haltend. — Vogt aus Gießen schwächer, in Phraseologie verfallend, Zweifelhaftes als unläugbar, Vorausgesetztes als erwiesen hinstellend u. s. w. Raveaux brachte durch eine vorsätzliche Seitenwendung die Rede auf die bekannte freundliche Erklärung Frankreichs gegen Deutschland. Mit allgemeiner Begeisterung ward diese Freundlichkeit von allen Seiten erwidert, zu gleicher Zeit aber mit nicht geringerem Beifalle hinzugesetzt: jeder Verletzung deutscher Rechte und Gränzen werde man einig und mit aller Kraft entgegentreten. Beides war gut und löblich. — Ich übergehe Personen und Inhalt anderer Reden; erst die des Präsidenten Gagern war praktisch, erneute die Aufmerksamkeit und überraschte sehr in zweifacher Weise. Erstens durch die (von der Linken mit lautestem Beifall aufgenommene) Erklärung: die Versammlung solle den Reichsverweser, ohne weitere Theilnahme der Regierungen, ernennen; aber derselbe solle (der Rechten gelegen) kein Privatmann, sondern Fürst aus einem der ersten Häuser sein. Die Wahrscheinlichkeit ist hiedurch sehr gewachsen, a) die Versammlung werde allein wählen; b) der Erwählte werde ein Fürst, c) es werde der Erzherzog Johann von Österreich sein. — Nach vielem Hin- und Herüberlegen möchte dies, aus vielen Möglichkeiten, der beste Ausweg sein; oder wenigstens praktisch weniger Schwierigkeiten und Widersprüche herbeiführen, als irgend ein anderer Vorschlag. Jeden Falls ist es sehr wünschenswerth, daß sich für den zu fassenden Beschluß eine sehr große Mehrzahl ausspreche, und demselben dadurch ein unentbehrliches Gewicht gebe.

Mit wie erstaunlichem Nachdruck tritt das ganz für aufgelöset erachtete Österreich in Böhmen und Croatien auf. In Prag dieselben Schüsse (wie in Berlin, Paris u. s. w.), dasselbe Geschrei von Verrath; dann aber eine Entschlossenheit, welche nicht blos daraus hervorging, daß man des Fürsten W. Gemahlin mörderisch erschossen hatte.


Achtzehnter Brief.

Frankfurt a. M., den 25. Junius 1848.

Ich freue mich jetzt auf den Sonntag, wie ein schwer belasteter Tagelöhner, und danke dem Himmel, daß der Vorschlag, auch an diesem Tage Sitzung zu halten, verworfen ward. Gestern dauerte diese von 9–3 Uhr, hierauf Ausschuß von 6–8, endlich im Weidenbusche (nach eiligem Abendbrote) Berathung von ½9–10 Uhr, Summa 9½ Stunde Berathungen, und in den kurzen Zwischenzeiten die Pflicht gar vielerlei zu lesen und zu hören.

Von der gestrigen Sitzung berichtete ich schon; im Ausschusse wurden deutsche und wälsche Abgeordnete Tirols, sowie Österreicher, gehört (davon künftig); zur Versammlung im Weidenbusch mußte ich diesmal, meiner Pflicht halber, hingehen. Ich setzte nämlich (gleich den Meisten) voraus: Hr. von Gagern werde seinen untrennlichen Vorschlag ungetrennt zur Abstimmung bringen; das heißt: a) Wahl eines Fürsten, b) durch die Versammlung. Denn wenn das letzte mit Stimmenmehrheit angenommen, das erste aber verworfen würde, so hätte man sich auf einen Weg verlocken lassen, den sehr Viele gar nicht betreten wollen. Nun will aber Hr. v. Gagern über seinen, spät eingebrachten Vorschlag, gar nicht abstimmen lassen; sodaß seine Rede nur die Wirkung haben dürfte, Manchen für die Wahl durch die Versammlung zu stimmen, ohne jene erste wichtige Hälfte irgend zu berücksichtigen. Hiedurch ward es doppelt nothwendig, sich über die bevorstehende Fragestellung zu einigen und den Forderungen der Linken, die des Centrums und der Rechten gegenüber zu stellen. Dies ist geschehen; der Ausfall der Abstimmung aber noch gar nicht mit Sicherheit vorherzusehen. Der Ausschuß hat seine frühern Vorschläge wesentlich verändert, und Viele hoffen auf ihre Annahme (weil sie die Theilnahme der Regierungen nicht ganz ausschließen), während die Linke die Entscheidung allein in die Hand der Versammlung legen, und die völlige Auflösung des Bundestages sogleich beschließen will. In so weit als dessen früherer Wirkungskreis durch die neuen Gesetze aufgehoben wird, nimmt er gewiß ein Ende; es ist aber gar viel nachzuweisen, zu überweisen, Rechnung abzulegen u. s. w.; auch wird der künftige Präsident, oder Reichsverweser und seine Minister immer Personen bedürfen, durch welche er sich mit den einzelnen Staaten in Verbindung setzt und auf sie wirkt. Jeden Falls ist dies nur möglich, wenn der unbekannte Eine (der Vorschlag 3 an die Spitze zu stellen wird schwerlich durchgehen) wirklich das allgemeine Vertrauen genießt, wenn er zur Weisheit, Mäßigung gesellt, und die Einigkeit Deutschlands mehr ist als ein leeres Wort. Übel blieb es, daß man sich immer in abstracto über die Eins und die Drei stritt, über diese unbenannten Zahlen und bloßen Quantitäten; während noch mehr auf die Qualitäten ankommt, und jene Zahlen erst durch scharfe Benennung und Bezeichnung die rechte Bedeutung und das rechte Gewicht erlangen können. Aber selbst durch diese Bezeichnung der Person und ihres Wirkungskreises sind die Schwierigkeiten nicht gehoben, welche sich Jahrhunderte lang durch die deutsche Geschichte hindurchziehen, über das Verhältniß der Kaisergewalt zur Fürstengewalt, und des Reiches zu den einzelnen Staaten. Das eine deutsche Heer z. B., welches mehr oder weniger vom Reichsstatthalter abhängen soll, wird immer zu gleicher Zeit ein preußisches, österreichisches u. s. w. bleiben; und ein Befehl von Frankfurt aus schwerlich überall raschen Gehorsam finden, sofern er nicht mit Dem übereinstimmt, was man in Wien, Berlin, München u. s. w. will. Hätte hier die Versammlung (ihre Befugniß überschreitend) sich noch mehr Kriege auf den Hals geladen; soll der Ungehorsam für Hochverrath an Deutschland gelten? So hat schon der einseitige Beschluß, Schleswig in den deutschen Bund aufzunehmen, die übelsten Folgen gehabt; und man war unfolgerecht drauf und dran, in thörichter Begeisterung ganz Posen umgekehrt den Polen zu opfern. Doch, ich will nicht blos verneinen; man muß auf dieser Bahn mit Hindernissen vorwärts, man kann das unglückliche Provisorische jetzt nicht mehr ganz vermeiden, man wird durch Feststellung der Volksrechte einen löblichen Grund zu einer neuen, wichtigen Entwickelung legen. Welche Anarchie, oder Despotie uns auch noch bevorstehen mag; gewisse große Wahrheiten und Grundsätze lassen sich (wenn sie einmal mächtig in die Weltgeschichte eingetreten sind), auf die Dauer nicht wieder ausrotten. Von solchen politischen Grundsätzen war beim Sinken des römischen Reiches nicht die Rede, und dogmatische Spitzfindigkeiten konnten ihren Mangel nicht ersetzen. Darum fehlt es der Behauptung an zureichenden und nothwendigen Gründen und Beweisen: wir gingen unausbleiblich einer byzantischen Auflösung entgegen. Geschieht es dennoch, so ist es Schuld der Einzelnen und der Völker; die natürlichen Verhältnisse stellen eine solche Krankheitsgeschichte und einen solchen Tod noch nicht als unausweichlich vor Augen.

Den 26. Junius.

Gestern waren zwei Versammlungen der Rechten und des Centrums im Sarazin’schen Hause und im Weidenbusche, um sich über den hinsichtlich der vollziehenden Gewalt einzuschlagenden Weg zu berathen. Dort fast lauter Preußen, hier Abgeordnete aus allen Theilen Deutschlands. Besonders in der letzten zeigte sich wieder ein großer Mangel an parlamentarischer Zucht, und wie die angeblich Gleichgesinnten eben nicht gleich gesinnt sind, es sei aus Mangel an Muth oder an Einsicht. Während sich die Linke und das linke Centrum klüglich zu einem Zwecke geeinigt haben und kleinere Verschiedenheiten fallen ließen, fanden sich in dieser Beziehung in unseren Versammlungen die größten Verschiedenheiten und Unbestimmtheiten. Ich gebe Beispiele: Man muß bei der Mangelhaftigkeit der bisherigen Beschlüsse und der vorgelegten Fragstellung, neue zweckmäßige Anträge machen (Tellkampf). — Man muß an den bisher vertheidigten Grundsätzen für wesentliche Theilnahme der Regierungen bei Ernennung der vollziehenden Gewalt festhalten, und sich selbst um so weniger aufgeben, da Herr von Gagern für die alleinige Wahl durch die Versammlung, keine neuen Gründe beigebracht hat, und eine solche auch keineswegs überall in Deutschland Beifall finden würde (Radowitz, Vincke). — Es genügt zu sagen: die Versammlung wählt, unter Voraussetzung der Beistimmung aller Regierungen (Beckerath). — Sie wählt im Vertrauen auf eine solche Beistimmung (Duncker). — Hrn. von Gagern’s Rede hat so viel Eindruck gemacht, daß es vergeblich ist, sich für eine Theilnahme der Regierungen auszusprechen. Man muß ein Princip aufgeben um der guten Sache willen, um eine große Mehrzahl für den zu fassenden Beschluß zu erhalten, und dadurch eine willige Anerkenntniß und kräftige Wirksamkeit für die neu zu schaffende Gewalt herbeizuführen (Saucken, Simson) u. s. w. u. s. w.