Ich that auch einmal (ausnahmsweise) den Mund auf, und mag im Wesentlichen Folgendes gesagt haben: Herr Tellkampf’s Antrag dürfte an sich der beste sein, da er aber den gefaßten Beschlüssen widerspricht, würde er gewiß, nach fruchtlosem Streite, verworfen werden. Doch kann ich nicht unbemerkt lassen, daß die Art und Weise, wie man die Redner gewisser Parteien wählen ließ und allein ihnen das Wort verstattete, ganz unparlamentarisch ist, und gutentheils die jetzige üble Lage herbeigeführt hat. (Siehe was ich hierüber bereits früher schrieb.) — Die Besserungsvorschläge der Herren Beckerath und Duncker sind ganz ungenügend und bloße Worte. Denn die äußerste Linke wird sehr gern voraussetzen oder das Vertrauen haben, daß die Regierungen sich ihren Vorschlägen und Wahlen unterwerfen. Jene Fassung läßt den Regierungen gar kein Recht der Bestätigung oder Verwerfung. Früher schlug der Ausschuß vor, die Regierungen sollten bezeichnen oder wählen, und die Versammlung bestätigen. Will man jetzt die Reihenfolge umkehren, so muß den Regierungen das Bestätigungsrecht bleiben. Will man sich (lang vertheidigte Ansichten aufgebend) den Vorschlägen des Hrn. von Gagern unterwerfen; nun so muß man sie wenigstens nicht halbiren, und sich dadurch eine vollständige Niederlage zuziehen. Will man die Wahl allein der Versammlung zugestehen, so soll vorher und als Ausgleichung, Gagern’s zweiter Vorschlag von den Gegnern ebenfalls angenommen werden: nämlich, daß die Wahl auf einen Fürsten und nicht auf einen Privatmann fallen müsse. Praktisch mögen die Formen unbedeutend sein: denn Versammlung und Regierungen können unter den gegenwärtigen Verhältnissen keinen Mann wählen oder vorschlagen, der nicht der allgemeinsten Achtung genösse. Wie aber, wenn dieser (etwa der Erzherzog Johann), der lästigen Bedingungen halber, ablehnte; wenn dies ein Zweiter, ein Dritter thäte, so könnte (beim Mangel aller gesetzlich regelnden Bestimmungen) Hr. Blum oder Hr. Zitz zum Reichsverweser erwählt werden. Man sagt: um ein gutes Ziel zu erreichen, muß man das Geringere, ein Princip, aufgeben. Ist dies falsch, so versteht es sich von selbst, daß eigensinnige Aufrechthaltung desselben nichts taugt; ist es aber richtig, so kann dessen Vertheidigung der guten Sache nichts schaden. Nur eine schlechte Sache verträgt sich nicht mit einem wahren Grundsatze. Auch handelt es sich gar nicht um einen einzelnen Fall, um eine einzelne, sogenannte gute Sache, sondern um einen folgereichen, allgemeinen Grundsatz. Eine starke Minderzahl für denselben wirkt heilsamer, als eine durch schwächliche Nachgiebigkeit erkaufte große Mehrzahl, hinter welcher sich Irrthümer und die künftigen bösen Folgen nur zu leicht verbergen. Geben wir zu: daß eine Kammer überall ausreiche, daß sie allmächtig sei, daß neben ihr in Deutschland gar keine gesetzliche Gewalt mehr bestehe, daß alle Regierungen sich ihr unbedingt unterwerfen müssen; so ist es unnütz und thöricht, über irgend einen einzelnen Punkt noch mit der Linken zu streiten. Sie hat obgesiegt, und wird uns aus allen unhaltbar gewordenen Stellungen vertreiben.

So ungefähr mein Stoßseufzer. Ich verließ, des Lärmens müde, die Versammlung im Weidenbusche vor dem Schlusse; hoffe jedoch, die größere Zahl wird sich dafür geeinigt haben: die Wahl müsse auf einen Fürsten fallen und die Bestätigung der Regierungen eingeholt werden. Darohne mag der Reichsverweser viel befehlen, aber er wird wenig Gehorsam finden, und seiner Stellung bald überdrüssig werden. Man hätte die Zeit der weitläufigen Verhandlungen über ein kurzes Provisorium lieber auf die eilige Entwerfung der Verfassung wenden, und wo möglich ein Definitivum zu Stande bringen sollen.

Es mag wahr sein, daß die Regierungen lieber bestätigen, als vorschlagen, um dadurch bevorstehenden Vorwürfen leichter zu entgehen; ja manche sagen: wählt nach den Wünschen der Linken, um diese zu beruhigen. Wird denn aber der Erwählte nebst seinen Gehülfen wirklich in Ruhe verbleiben? Wird nicht der Lärm, nebst den Uebergriffen, in höherem Wirkungskreise noch weit gefährlicher? Und zeigen nicht abschreckende Erfahrungen, daß erwählte Parteihäupter schnell Anhang und Einfluß verlieren, und denen Platz machen müssen, die sie wild überbieten? Uebergeben Einzelne nicht schon jetzt der Versammlung Vorschläge, alle Fürsten wegzujagen; das heißt, einen unabsehlichen, entsetzlichen Bürgerkrieg zu beginnen? Bei dem Systeme, überall feige Concessionen, Zugeständnisse zu machen, wird es auch dahin kommen, und bei einer Volksversammlung in Höchst haben Einzelne gestern gesagt: wenn die Reichsversammlung in der Paulskirche heute nicht so stimme, wie man es fordere, werde sie gar nicht mehr stimmen. Einem hierüber Erschrockenen und Furchtsamen entgegnete ich: es sei noch gar nicht davon die Rede, auf curulischen Stühlen zu sterben, sondern etwa Eindringende hinauszuwerfen und sie ledergar zu prügeln. Dazu seien 600 unverletzliche Reichstagsabgeordnete stark genug; — die höchst entschlossene, muthige Bürgerschaft Frankfurts ungerechnet. So, um Muth zu machen!

Ich komme aus der Vormittagssitzung (9–2 Uhr), welche recht deutlich zeigte, wie üble Folgen scheinbar unbestrittene, aber verkehrte Beschlüsse haben. Die Art, wie man Vielen das Wort versagte, und nur einer willkürlichen Zahl von Parteimännern das Recht zu sprechen gab, schien übermäßige Weitläufigkeiten abzuschneiden und rasch zum Ziele zu führen. Aber es schien nur so; und es traten seitdem allmälig alle die Uebelstände ein, welche ich vielen Abgeordneten — vergebens — weissagte, und die ich in meinem Schreiben an den Präsidenten wenigstens zum Theil bezeichnete. Viele Punkte wurden nämlich gar nicht oder einseitig erörtert, und nachdem man darüber zur Besinnung kam, wuchsen Einwendungen hervor, welche (seitdem man sich einmal auf einen falschen Weg begeben hatte) keine gute Statt finden konnten. Heute kamen also (gegen meinen Rath) von einigen Gliedern der rechten Seite Verbesserungsvorschläge (Amendements) zum Vorschein, denen die Linke, wie vorherzusehen, mit der Einrede entgegentrat: daß dies, zufolge der Geschäftsordnung, nach dem Schlusse der Berathung, nicht mehr erlaubt sei. Man erwiderte: ein solcher Schluß sei noch nicht vorhanden, und nach einer Abweichung von der Geschäftsordnung sei es natürlich und nothwendig, deren mehre zu gestatten. Meine Behauptung: die Linke werde, wenn man sich auf diesen Boden begebe, Stimmen gewinnen und obsiegen, bestätigte sich so sehr, daß selbst Radowitz und Vincke ihren Einwendungen beistimmten!!! So die Einigkeit und Weisheit der Antirevolutionairen!! — Hiezu kam der innere Mangel der Verbesserungsvorschläge selbst. So schlugen Hr. Bassermann und von Auerswald vor: „Die provisorische Centralgewalt wird einem nicht regierenden Mitgliede eines deutschen Regentenhauses als Reichsverweser übertragen. Die Nationalversammlung wählt denselben im Vertrauen auf die Zustimmung der deutschen Regierungen.“ Hiegegen konnte man (selbst vom Centrum aus) fragen: warum sollen alle regierenden Fürsten ausgeschlossen werden? Man konnte (wie ich schon oben) behaupten: die Redensart von Vertrauen sei inhaltslos und führe zu gar nichts. Der Mangel an Entschlossenheit und Sicherheit hinsichtlich der Ansichten und Zwecke offenbarte sich überdies von Neuem, als Hr. Bassermann den Vorschlag zurücknahm, Hr. von Auerswald aber daran festhielt. So blieben nicht einmal die Urheber des Antrags eines und desselben Sinnes! Nun trat aber, nach ertheilter Erlaubniß, auch die Linke mit neuen Behauptungen und Anträgen hervor: „man habe keinen Grund, den Regierungen zu vertrauen, man müsse alle Fürsten bestimmt von der Wahl ausschließen u. s. w.“ So ward denn die fünfstündige Schlacht verloren, und in der auf heute Nachmittag 5 Uhr anberaumten Sitzung werden höchst wahrscheinlich alle Vorschläge der Rechten zurückgenommen, um wenigstens die neuen Batterien der Linken zu entwaffnen.

Den 27. Junius.

Das war ein Jammer! Hr. Heckscher hatte zu dem Verbesserungsvorschlage des Hrn. v. Auerswald einen anderen gestellt, des Inhalts: „Die provisorische Centralgewalt wird einem Reichsverweser übertragen, welchen die Nationalversammlung im Vertrauen auf die Zustimmung der deutschen Regierungen wählt.“ Man widersprach nun von der Linken dem Anbringen jedes neuen Vorschlags, und insbesondere den letzten Worten desselben. Mir schien es überhaupt unnöthig über diese nichtssagende Formel großen Streit zu erheben; wenn man die Hauptsachen (Vorschlags-, Ernennungs- oder Bestätigungsrecht der Regierungen) aufgab. Hr. Heckscher weigerte sich seinen Vorschlag zurückzunehmen (wonach man, der Billigkeit gemäß, auch der Linken das Recht einräumen mußte neue Vorschläge zu machen), und sagte bei dieser Gelegenheit und in Bezug auf eine Thatsache: die Galerie zolle den Vorschlägen der Linken schon Beifall, bevor der Inhalt derselben bekannt geworden. Die Linke sah hierin eine Verdächtigung, oder Beleidigung und verlangte daß der Vorsitzende, v. Soiron, den Redner zur Ordnung verweise. Als Soiron diese Forderung nicht begründet fand, erhob sich auf der Linken und den Galerien ein solcher Lärm, daß die Sitzung erst unterbrochen, dann aufgehoben werden mußte. Ich habe das Meer brausen, ich habe Ochsen brüllen hören, ich habe mich entsetzt vor dem Chore, das Löwen und Tiger in den Surreygardens im Wettgesange anstimmten; aber dies Alles ward weit überboten von dem Schreien und Wüthen der Linken und der Galerien, — zum Beweise der neuen Einigkeit Deutschlands!!

Mochte Heckscher und der Präsident Unrecht haben, so gab es doch ruhige, gesetzliche Mittel dasselbe abzustellen; jenes bestiale Verfahren läßt sich in gar keiner Weise rechtfertigen, und macht (bei Allen die nicht näher unterscheiden) die Versammlung verächtlich.

Ich tadele mich bisweilen, daß ich mich nicht hervordränge und mitspreche. Es reden aber ohnehin schon zu Viele, und wie wenig man damit ausrichtet, habe ich ja vorgestern selbst erfahren, wo meine warnenden Worte, selbst unter Gleichgesinnten, gar keine Wirkung hatten, und man den ganz dummen Angriffsplan annahm, welcher nothwendig zur Niederlage führen mußte. — Im Weidenbusche machte ich aufmerksam auf gefährliche Zweideutigkeiten, die Ernennung der Feldherrn und den Oberbefehl über alle Heere betreffend. Man nahm, als sei es unwichtig, darauf keine Rücksicht, hat aber bis 2 Uhr in der Nacht geredet über Worte und Redensarten wie: voraussetzen, Vertrauen haben u. dgl. mehr. Jetzt, nach der Niederlage, wundern sich Viele, daß das geschehen ist, was man ohne Weissagungsgabe vorhersehen konnte. Bei der Weise, wie man täglich, ja stündlich, Boden verloren, oder aufgegeben hat, wird höchst wahrscheinlich alle wirksame Theilnahme der Regierungen bei der Wahl des Reichsverwesers ausgeschlossen: sie müssen vorschlagen bis die Versammlung beistimmt, oder deren Wahl bestätigen, — oder sie werden gar nicht gefragt. Das mag, hinsichtlich des letzten Ergebnisses, für diesen einzelnen Fall wenig bedeuten (denn die Mehrzahl der Versammlung wird übereinstimmend mit den Wünschen der Regierungen wählen); aber die Allmacht der Versammlung zur Regel und zum Gesetz erhoben, kann (der Form nach) zu den großen Übeln führen, die in ähnlichen Verhältnissen fast nie ausgeblieben sind. Alle diese Betrachtungen und Klagen sind jedoch jetzt völlig unnütz. Wie die Sachen stehen und liegen, kommt es nicht mehr darauf an, sich auf völlig unhaltbar gewordenem Boden unnütz abzumühen.

Nochmals von der Gagernschen Katzenmusik. Sobald die Wachen und die Bürgerwehr Nachricht von dem Vorhaben erhielten, besetzten sie eiligst die Straße von beiden Seiten, rückten in voller Breite derselben und in geschlossenen Reihen vor, und nun gabs Prügel, blutige Köpfe und Verhaftungen, mehr als die ganze berliner Bürgerwehr jemals ausgetheilt oder zu Stande gebracht hat. Die Katzen sollen sich seitdem als heiser haben melden und entschuldigen lassen.

Erst heute habe ich eine freie Stunde gefunden, das hiesige Museum zu besuchen, und mich an seinen Schätzen zu erfreuen. Darunter manche alte Bekannte, Huß, Ezelin u. s. w. Wie unendlich verschieden die Auffassung des Schönen bei den Griechen war, lehrt jeder Blick auf die Werke ihrer Bildnerei. Die Form steht ihnen höher, als das, was wir wohl Bedeutung nennen. Je älter ich werde, desto mehr erbaue ich mich (trotz aller Splitterrichter) an der Form; und werde gleichgültiger gegen die angeblich tiefsinnigere Bedeutung; wenn sie nicht (wie bei Michel Angelo) durch die Erhabenheit, oder (wie bei Raphael) durch die Schönheit getragen und verklärt wird. So viel man auch über die mediceische Venus kritisiren mag, ihre Formen sind die reinsten.