Man muß, wie es heißt, die Revolution acceptiren, sich den neuen Verhältnissen anschließen, unter verschiedenen Übeln das kleinere wählen, und erforschen in welcher Richtung etwas Gutes erreichbar bleibt. In anderen Worten: man kann für kein Heer kämpfen, oder ihm vertrauen, sobald alle Disciplin aufhört, sobald es sich in bloße Tirailleurs auflöset, welche enfans perdus sind. Es paßt das Wort: wie Schafe gehn, gehn wir zerstreut, und es hilft nicht sich haupt- und willenlos von Wölfen fressen lassen. Was die sogenannte Rechte, nach wochenlangem Schwadroniren, ihren Gegnern gegenüberstellt, und in die Reihe der zu beantwortenden Fragen hat aufnehmen lassen, ist beispiellos unbestimmt, nicht kalt, nicht warm, oder (unter den unläugbar vorliegenden Verhältnissen) ganz unmöglich. Schon deshalb wird sie hinsichtlich aller Hauptpunkte in der Minderzahl bleiben, es werden Viele gegen diese Halbheiten stimmen, und sich dahin stellen müssen, wo der Boden unter den Füßen nicht völlig untergraben ist. Ja, es läßt sich (wenn nur Frevel außerhalb der Versammlung vermieden werden) eher etwas ausrichten mit Leuten die da wissen, was sie wollen, als mit solchen die hunderterlei, also eigentlich nichts wollen und deshalb auch nichts zu Stande bringen. Ich sehe immer mehr ein wie Recht ich hatte, mich keiner Partei, keinem sogenannten Programm zu verschreiben; werde aber dem gewöhnlichen Vorwurfe nicht entgehen: ich sei schwankend, charakter- und willenlos, abtrünnig an der guten Sache u. s. w. u. s. w. Gewiß aber werden viele ehrenwerthe Männer denken und handeln, wie ich heute denken und in den nächsten Tagen handeln muß.

—’s Gedanke, ich hätte nach Amerika gehen und mir dort (als ein beliebter Mann) ein bequemes, sorgenfreies Leben bereiten sollen, — versetzt mich in lebhaften Zorn! Wie, ich soll mein Vaterland, dem ich mit Leib und Seele angehöre, dem ich so viel verdanke, wie ein feiger, egoistischer Schuft, in dem Augenblicke verlassen, wo es an schwerer Krankheit daniederliegt? Ich soll mir schändlich einreden, ich könne irgendwo ein bequemes, sorgenfreies Leben führen, während meine Mitbürger furchtbar leiden? Der Kelch ist auch mir bereitet, und ich will einen Theil davon austrinken ohne Zagen. Ich überschätze meine Wirksamkeit gewiß nicht, sei sie aber auch so gewichtlos wie Spreu, so will ich lieber in Folge übergroßer Anstrengungen niedersinken und sterben, als erbärmlicherweise nur an mich denkend ein unwürdiges, und darum mit Recht unglückliches, Leben führen.

Den 28. Junius.

Obgleich Ihr von der gestrigen wichtigen Sitzung (sie dauerte von 9 bis ½6 Uhr) in den Zeitungen umständliche Berichte lesen werdet, will ich doch (nach meiner Weise) auch davon erzählen und Randglossen beifügen. Alle schämten sich des gestrigen Herganges, Gagern ermahnte zum Frieden und selbst R. Blum erklärte sich mit Verstand und Nachdruck gegen das Benehmen, hauptsächlich seiner Partei. Und wenn man das Gestrige nicht ungeschehen machen könne, solle man doch eine Wiederholung ähnlicher Scenen vermeiden. So fehlte es dann zwar nicht an Geschrei; aber es kam doch nicht zum Äußersten, und man rückte in den Hauptsachen wesentlich vorwärts. In der Voraussetzung: man werde nochmals in lange Erörterungen über die Besserungsvorschläge gerathen, hatte auch ich um das Wort gebeten; gottlob zogen endlich alle Parteien ihre Neuheiten zurück; darunter einen, aus der Linken hervorgehenden Vorschlag: man solle (unter Zuziehung und Anhörung von Hofleuten) Lebensbeschreibungen aller deutschen Prinzen entwerfen lassen!

Der von Dahlmann entworfene und dann geänderte Bericht des Ausschusses, über die zu errichtende vollziehende Gewalt, schien hauptsächlich den Zweck zu haben, durch Zweideutigkeit und Unbestimmtheit der Ausdrücke, alle Abgeordneten und alle Parteien zu befriedigen; aber eben deshalb befriedigte er keine: täglich verlor er Anhänger, und ward endlich von den Urhebern selbst großentheils aufgegeben und zur Seite geworfen.

Zuerst kam, aus mehren Gründen, Vincke’s Vorschlag zur Abstimmung: „die Nationalversammlung beschließt, vorbehaltlich des Einverständnisses mit den deutschen Regierungen, daß eine vollziehende Regierungsgewalt &c. — bestellt werde. Der Reichsverweser soll von den deutschen Regierungen ernannt werden“ &c. — Für diesen Antrag stimmten 31, dagegen 577. Die nächste Frage war: soll der Reichsverweser (dieser Name ward später statt des Präsidenten angenommen) die Beschlüsse der Nationalversammlung verkündigen und vollziehen. Ja 261; Nein 277.

Hier offenbarte sich wieder die Unvollständigkeit der Berathung und Fassung. Wenn man dem Reichsverweser jenes Recht, jenes Geschäft nicht zuweiset, wer soll es denn übernehmen? Zwar hieß es: man sagt Nein, damit er nicht ein bloßer Beamter der Versammlung werde. — Aber dann hätte man ihm vielmehr die Befugniß zu Einreden, man hätte ihm irgend eine Art von aufschiebendem Veto zugestehen sollen. Dieses noli me tangere wagte aber Keiner ernstlich zu berühren. Diese Kohle wollte Keiner aus dem Feuer holen.

Die übrigen Punkte, den Geschäftskreis der vollziehenden Gewalt betreffend, wurden durch Aufstehen mit großer Stimmenmehrheit entschieden. Großer Streit erhob sich dagegen, hinsichtlich folgender Fassung: „über Krieg und Frieden, und über Verträge mit auswärtigen Mächten, beschließt der Reichsverweser im Einverständniß mit der Nationalversammlung.“ — Nein 143; Ja 408. — Ich stimmte mit der Mehrzahl, denn was für einen festen, wohlbegründeten König paßt, paßt nicht für einen noch unbekannten, auf ein Paar Monate zu erwählenden Reichsverweser.